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Leopold vom Italienischen, und ich höre es am Französischen, das er keineswegs so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet, die wie der junge Anacharsis plappern. Eines ist überaus liebenswürdig an ihm: sein Sinn für jede Art von Poesie. Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen, als ich einen ganzen monat lang imstande bin zu verbrauchen, und hört Räsonnements über Poeterei an, bis der Räsoneur heiser ist. Ich glaube, er hat viel geliebt; er kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes Gefühl dafür, dass ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht. Dies ist denn auch das schöne Band, welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhält. Ich glaube wirklich nicht, dass er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg treten würde, sie müsste denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen. Aber ich habe nichts als Besorgnis mit der schönen Alberta. Seit einiger Zeit neigte sie sich offenbar mit grosser Vorliebe zum altertümlichen William, diesem altenglischen Stockjobber, wie Ihr ihn zu nennen beliebt. Ich glaube, sein gläubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele. Da kam Hippolyt, das reizende böse Geschick der Weiber, und nun ist die Verwirrung vollständig. Es ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt. Wie oft hab' ich es ihm vorgestellt, dass es gar kein Rechtsverhältnis sei, in das er sich Frauenzimmern gegenüber begebe. Er geht jede Verbindung ein, ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas anderes zu gewähren, als dass er geniesst, solange es seine Laune so will. Auf meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung, dass ich ihn einsperren lassen würde, hätte ich Gewalt über ihn, erwiderte er lachend, dass er nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt, noch irgendeiner mehr als augenblickliche Neigung versprochen habe. Es sei ein rechtliches Kontraktsverhältnis; dass man von der anderen Seite oft mehr präsumiere, wäre nicht seine Schuld. Was soll ich mit ihm anfangen? Soll ich ihn der Polizei anzeigen? Die betrachtet bloss die moralisch Buckligen, Lahmen usw.; sie ist nur für äussere Übel da, die jeder andere Mensch auch sieht; soll ich ihm unaufhörlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen, wie ein Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten? Wenn ich ihn nur überzeugen könnte, dass er unter unseren bürgerlichen Konstellationen unrecht habe, dass man dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei, so auch dieses zum Opfer bringen müsste. Solange das Verhältnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe, solange erfordert die Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit, Schonung, Vorsicht, ja Entsagung; Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich, darum ist er eigentlich für keinen zivilisierten Staat zu brauchen. Die persönliche Freiheit ist bei meiner Teorie durchaus nicht gefährdet, aber die Freiheit sieht, nur die Schrankenlosigkeit ist blind. Das Weib, das gleich mir die Ehe nur für eine Krücke der tausend Schwachen, nur für ein leider noch immer notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht, das Weib, das sich stark genug fühlt, die äusseren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen, sobald diese den Betrug gegen sich entdecktdies Weib ergibt sich mir mit Freiheit, und sie freut sich oder leidet wie ein selbständig freies Wesen, je nachdem unsere Verbindung Freud oder Leid bringt; dies Weib such' ich zu gewinnen, sobald sie mein Interesse für sich erregt. Aber den Galeerensklaven von Freiheit und Genuss zu reden, ist grausam; ein Weib, das in den gewöhnlichen Banden der Gesellschaft notwendigkeit sieht, Befriedigung, Genüge findet, in Opposition gegen sie also zugrunde gehen müsste, ein solches Weib an sich reissen und doch ihre Ansichten vom bürgerlichen Leben nicht annehmen wollendas ist Laster. Und in solchem Falle ist Hippolyt. Die Welt um ihn lebt im rechtlichen Friedenszustande, er aber zieht umher wie ein ausserrechtlich erobernder Krieger, das ist eine unverschämte Bevorzugung des Individuums gleich dem Absolutismus, die ich verabscheue, und doch kann ich mich nicht zu dem philisterhaften Handwerk entschliessen, Alberta, seine sichere Beute, vor dem Unglück, das ihrer harrt, zu warnen. Weiss ich denn auch, ob das Mädchen nicht glücklich ist, wenn sie nur e i n e heisse Stunde unter den Strahlen ihrer Liebessonne ruht? Wie ist sie glücklich, wenn sie ihn nur sieht, träumerisch geht sie mit uns umher, lächelt schmerzlich, spricht wenig und ist innig, weich wie ein Blumenblatt. Mit allen Waffengattungen ist die Liebe in ihr sanftes Herz gezogen und hat alles zum Kriegsstande ausgerüstet; wenn der Feind der Liebeshindernisse in unseren Gesprächen zum Vorschein kommt, da hebt sie das schöne Köpfchen plötzlich mutig, und ihr Türkenbund, den sie um den Kopf trägt, wirft sich in den Nacken, und sie fordert kühn alle Welt heraus. Alle Scheu ist von ihr gewichen in solchen Momenten. In einem ähnlichen gespräche redete ich ihr in diesen Tagenwir promenierten in einem entfernten Teile des Gartensaus vollem Herzen und mit inniger Überzeugung von der Freiheit jeder Art. Sie horchte mir mit gesenktem haupt zu, plötzlich blieb sie stehen, sah mich mit den rührenden Blicken eines Engels, dem das Gefühl die Brust sprengen will, lange und innig an, fasste auf einmal mein Gesicht in ihre beiden hände, legte das Köpfchen auf meine Brust und sprach: "Sie sind ein guter Mann" – dann flog sie schüchtern wie ein Reh von dannen. Wenn