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erinnern sich noch sehr viele lebhaft, dass er einer durchziehenden Turnerbande ein grosses altdeutsches Mahl gerüstet, und weil er nicht schnell genug einen deutschen Rock bei der Hand gehabt, mit blossem Halse und halb entblösster Brust dem alten Jahn gegenüber im Schlafrock präsidiert habe. Man erinnert sich noch eines lebhaften Streites, den er mit jenem geführt, ob Kastanien eine echte deutsche Frucht seien. Jahn verneinte es zürnend, und warf eine grosse hölzerne Schüssel, – denn Topf tat nichts halb, und alles Geschirr war antikvoll Kastanien an die Erde, obwohl seine Turner sich ein wenig opponierten, weil ihnen die schmackhaften Maronen behagten. 'Eicheln, Topf, wuchsen im Teutoburger wald, Eicheln, nicht aber diese welschen überalpigen Gewächse, mit denen wahrscheinlich Hannibal seine Truppen zu Capua verweichelte. Tu mir nicht ein Gleiches mit meinen jungen Söhnen Teuts, Topf, ich beschwöre Dich bei Hertas weissen Rossen.' Der Graf argumentierte eine Zeitlang mit dem Nibelungenliede, dann gab er gerührt nach, und umarmte Jahn mit den Worten: 'So retten wir Deutschland vor ausländischem Tand. – Jahn, keine Kastanien!'

Als der spanische Corteskrieg ausbrach, hatte er sich wahrscheinlich mit dem englischen Unterhause in Rapport gesetzt, kurz mehrere Tage vorher, eh' Canning zu St. Stephan sich erhob und seinen liberalen Donner über Europa schleuderte, hielt der Graf Topf bei einem Gastmahl eine ähnliche Rede, und ward so lange für verrückt gehalten, bis die Zeitungen aus England ankamen. Lang vor der Schlacht bei Navarin war er der renommierteste Philhellene im ganzen land und teilte oft englische Griechenlieder mit, welche ihm sein Spezialissimus Lord Byron geschickt haben sollte. Noch ehe der Kaiser Nikolaus daran dachte, den Verdienstadel gegen den Erbadel zu erheben, verteidigte er mit steigender Beredsamkeit diese idee und focht gegen die Türken und gegen den Halbmond, eh' die russischen Truppen dazu kommandiert wurden. Seine unverkennbare Absicht ist immer dahin gegangen, den weitsehenden Politiker, den Mann der modernsten Bildung zu spielen; man weiss nicht, ob er je ein wichtiges Staatsamt gesucht, oder nur den Titel eines Gonfaloniere der Zeit erstrebt; aber trotz seiner extremen Handelsweise, die ihn oft vorübergehend lächerlich gemacht hat, steht er in dem Rufe grosser Klugheit, und alle Welt ist der Meinung, dass er sich jetzt mit jungen Geistern Ihrer Art umgibt, damit er der Zeit vorausgehoben werde. Nach dem, was jetzt in Frankreich vorgefallen, scheint es ihm wirklich wieder gelungen zu sein, denn ich kenne ja Ihre liberale Richtung, die wahrscheinlich auch Ihre Freunde teilen. Man spricht neben der Julirevolution nur vom Grafen Topf und seinem historischen Treffer, und Sie werden wahrscheinlich bald mehrere der hiesigen Notabilitäten auf Grünschloss sehen, welche das Terrain rekognoszieren wollen. Das wird des Grafen grösste Freude sein. Sein Vermögen ist zwar durch seine kühne Art zu leben ein wenig erschüttert, aber noch keineswegs zerrüttet, und er wird bei der Vermählung seiner Tochter keiner andern Rücksicht folgen, als sie dem historisch modernsten mann zu geben. Stand, Vermögen wird gar nicht in Betracht kommen, schon weil es jetzt Mode wird, die sogenannten geistigen Vorzüge im Gegensatz zu den herkömmlichen allein zu beachten. Von dieser Seite also, werter Freund, steht Ihnen gar nichts im Wege, wenn Sie Absichten auf die schöne Alberta habendavon ist man jetzt nach den Julitagen allgemein überzeugt, dass Graf Fips nicht reüssiert." –

Soviel aus jenem Briefe. Denke Dir nun den Grafen als einen Fünfziger, als einen Mann von den feinsten Sitten, dem gebildetsten, artigsten Betragen, der in allen Dingen Kenntnisse, und für alles grosse Empfänglichkeit besitzt. Es ist wahr, sein Wissen ist meist oberflächlich; er hat die Klassiker gelesen, aber nicht empfunden, er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler Römer läuft ihm hie und da dazwischen; er hat geschichte studiert, weil er sie aber oft an so verschiedenen Fäden aufgereiht hat, so sind seine Ansichten verworren geworden. Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt, ist abwechselnd Ateist, Deist, Protestant. Quäker und Panteist gewesen und wie alle extremen Geister, die in der eigenen Positivität keinen Haltpunkt finden, am Ende romanischer Katolik geworden, der aber noch immer mit Aufmerksamkeit Religionsgespräche anhört. Sein Äusseres ist imponierend. Von hohem starkem Wuchse hat sein gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit, die wir noch in unserer frühen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen. Die Gebärden, Gestikulationen, Bewegungen sind weit, breit, aber sicher gerundet. Du siehst, wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt, denn ich bin überzeugt, dass sich der Graf viel Mühe gegeben hat, die modernen, kürzeren Bewegungen zu erlernen. natürlich geht er ganz modisch gekleidet. Sein lockiges Haar ist noch voll und dicht wie das eines Jünglings, aber schneeweiss. Das gibt dem ganzen gesicht, welches sich ebenfalls durch einen sehr weissen Teint auszeichnet, etwas Geisterartiges, und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos umher. Der Schnitt des Gesichts ist edel; eine Römernase erhöht diesen Eindruck. Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere teil des Kopfes deutet darauf hin, dass der Mann schon viel gelebt hat. Die Faltenlinien von den Nasenflügeln aus drängen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn. Dieser untere Kopf hängt nur, und hat die Spannkraft verloren; er ist das Bild seiner Charakterlosigkeit; Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut, wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen, William vom Englischen,