aber nicht dazu kommen. Das Mädchen konnte nicht dafür, dass ihr ein anderer besser gefallen hatte; ich konnte aber auch nicht dafür, dass ich nicht mehr eine Fingerspitze von ihr hätte berühren mögen. Hübsch war sie noch, aber ich ging in innerer Unbehaglichkeit fort und trank eine Flasche Champagner, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Wie kam denn das alles?
"Warum wollt Ihr denn alles gleich ergründen?
Wenn der Schnee schmilzt, wird sich's finden."
Was ist das für eine Figur? Mit Gott und der Welt ist sie zerfallen, vom Vater verstossen, mit dem Teater unzufrieden, von der Geliebten betrogen, voll Durst nach Wein und Liebe, immer noch wohlgenährt aussehend, ohne einen einzigen Vers im kopf, gekleidet nach der letzten Mode, unschlüssig, ob er Teologe oder Teaterlampenputzer werden soll, voll Gärung und doch ruhig, oft im Begriff, sich nach klassischen Mustern den Hals abzuschneiden und doch wieder zu vernünftig dazu – kein Held, kein Held und doch manch Handwerkszeug dazu – keine Geduld, kein genügender Leichtsinn, keine Festigkeit, ein genialischer Charakter, auf der Bühne kalt lassend, im Roman sündhaft – meine Freunde, das ist eine Novellenfigur. Die Novelle ist die moderne Brükke von der früheren Zeit zu den jetzigen Begriffen, sie ist der Übergang, die Form des Entstehens, Werdens, nicht des starren Seins. Jene Figur ist eine Novellenfigur, auf mein Wort. Niemand, ich sage niemand soll mir widersprechen. Auch dies gehört dazu, dass mich jetzt sogar die Ortographie peinigt ich weiss nicht, ob ich niemand, etwas usw. gross oder klein schreiben soll – am liebsten schreibe ich alles klein. Nun denkt Euch einen geistreichen Schriftsteller, der mit der Ornicht recht, dass die Novellenfigur der eklektische Skeptizismus ist – hab' ich nicht? O bleibt bei mir, geht nicht von mir, Freunde, auch wenn ich nach Paris gehe! Es kümmert sich ja keine Seele um mich, ich lebe und sterbe unbeweint. Wollt Ihr nicht, o ich bitte' Euch schön. – –
Später.
Gegen Abend geht ein Bekannter von mir als Kurier nach Paris, ich mit ihm. übrigens bin ich beim Gesandten gewesen und habe die schöne Julia mehrmals gesehen und gesprochen. Im Vertrauen gesagt, Ihr Herren, wenn ich nichts Besseres tun könnte als lieben, ich bliebe hier. Diese Augen, dunkel wie die Nacht mit auf und ab wehenden weichen Lüften, diese seine Nase, empfindsam wie aus Blättern des Lotos; dieser kleine gewölbte Mund und das Ganze wie aus dem Tau gezogen, nicht üppig sömmerlich, aber duftend frühlingsartig, zart durchsichtig, nördlich und doch voll Reiz – ich schwör' es Euch, das Weib kann einen Poeten, dem noch etwas Herz geblieben, grenzenlos glücklich und sehr unglücklich machen.
Aber ich bin selbst so nördlich geworden, dass mein Wohlwollen, das ich an solcher Schönheit empfand, nichts als ein paar Minuten sehen, ein paar Worte sprechen wollte, um den gang des Ausdrucks zu bewurde, als ich scheiden musste.
Ich bin reif zum Künstler.
Aber wenn ich einmal wieder poetisch werde, so wird der schmeichelnde Effekt dieser reizenden Figur viel Einfluss gehabt haben. Ich werde sie noch lange sehen im kurzen weissseidenen Gewande, das Haar verführerisch natürlich und doch so kunstreich modern aufgelöst, ihre schwarzen Locken dem Anschein nach mühsam von einer einzigen blendenden Kamelie zusammengehalten, hinabfallend auf den stolzen weissen Nacken. Ich vergesse sie nimmer diese Figur, leicht sich wiegend und geschmeidig wie eine verführerische Melodie und doch stolz und hoch wie eine hohe Kunstidee – hinter den breiten Augenlidern, den langen schattigen Wimpern lag eine südliche Nacht mit allem Verlangen und allem Reiz, mit Schalkheit und Tönen – sie will nächstens nach Paris kommen. Auf Wiedersehen, mein schönes Kind!
Aber echt Deutsch schreibe ich die letzte Stunde heran – wir sind Federvieh. Jetzt Ade, du Land der Hofräte und der langen Weile – ade ihr Freunde, schickt Eure nächsten Briefe poste restante nach Paris.
16. Julia an Kamilla.
Nur drei Zeilen, meine Liebste. Hoffentlich bin ich in nächster Woche bei Ihnen – mein Papa muss schleunigst nach Paris, dort soll es sehr unruhig hergehen; ich soll beim Grafen aufgehoben werden. Ich freue mich kindisch auf Grünschloss, auf meine liebenswürdige Kamilla, meine duftende Blume Alberta und Eure bunte Gesellschaft. Ich sehne mich ordentlich nach Poeten, Berlin ist sehr trocken, und der Herr Konstantin war eine auffallende, interessante Erscheinung in unserem Salon. Die Leute wussten nichts Rechtes über ihn, das machte ihn mystisch, er sprach so abgebrochen, aber so bunt originell, das machte ihn pikant. Und dabei hat er ein vornehmes, sehr einnehmendes Äussere. Ich weiss nicht, ob das gestört oder erhöht wird durch einen wegwerfenden Zug von Frivolität, Leichtsinn, der oft wie Verachtung aussieht und über das ganze Gesicht streift. Er verzieht einen fein geschnittenen Mund zu einem nicht recht heimlichen Lächeln, und drückt die Mundwinkel nach unten. Die grossen hellblauen Augen sind etwas unstet, das lichtbraune Haar ist aus Stirn und Schläfen gestrichen und fliegt ein wenig wild, das Gesicht ist voll, aber es scheint mehr das zu sein, was man mit den fatalen Ausdrücken aufgedunsen, schwammig, bezeichnet. Es ist von feiner Haut und schwach gerötet, meine Gouvernante nannte ihn einen unbärtigen Apollokopf. Ausdruck und Haltung des Kopfes und der vollen hohen Figur ist sehr vornehm, ich hab's