wegführte. Meine Herren, pflegt er dann zu sagen, ich bitte, mir auf ein höher gelegenes Terrain zu folgen, und dann rückt er die Streitfrage der Parteien auf ein sogenanntes historisches Entwicklungsfeld; stellt zuerst den blutig um sich hauenden Hippolyt zur Ruhe; ihm folgt der Graf mit einigen leichten Einwendungen, die bald beseitigt sind, und Graf Fips ist dann immer sogleich still; ich glaube, er versteht nicht viel mehr davon als ich. Doch hab' ich mich schon sehr in des Valerius Gelehrsamkeit eingerichtet; anfänglich kam sie mir stets wie ein Bergsturz vor, der mich verschüttete, jetzt hat er mich mit ein paar klaren einfachen Worten von dem Hauptgange seiner Ideen unterrichtet, und nun folg' ich ihm mit Leichtigkeit, und es tut mir unbeschreiblich wohl, wenn er die Rede an mich richtet über die wichtigsten Dinge. Wenn man ihn erst ein wenig kennt, sieht man, wie äusserst einfach er redet, wie alles so schwer golden ist, was er bringt, wie er es dem Zuhörer so gutmütig zuschneidet und anpasst. Ich antworte gewiss oft sehr einfältig darauf, aber wenn er meine Antwort in seiner Sprache wiedergibt, wenn er mit leisen Fingern die Wurzeln der Gedanken aufdeckt, so erscheint alles so eng verzweigt mit grossen allgemeinen Ansichten, dass ich mich oft kindisch freue über meine Gelehrsamkeit, in die hände klatsche und – ja, denken Sie, neulich hab' ich den klugen lieben Mann wegen einer so schönen Auslegung meiner Worte beim Kopf genommen und ihm rasch einen Kuss gegeben. Ich schämte mich hinterdrein und alle lachten, aber Valer sah mich so freundlich lächelnd an, dass es mir nicht leid tat. Ach, nicht wahr, ich schwatz recht dummes Zeug – Adieu – Adieu!
15. Konstantin an Hippolyt und Valerius.
Ich danke Euch, meine Freunde, meine Freunde, ich danke Euch! Wir wollen unsern Zug nach Westminster antreten, besorgt ein Paar hübsche Jungen für meine Schleppe. Ihr edlen Pairs meines Königreichs habt mir Geld geschickt, das war brav von Euch – mit dem Gelde hab' ich gespielt, um rote Dukaten gespielt, und ich musste mir einen neuen Rock machen lassen, weil ich nicht genug Taschen für den Gewinst hatte.
Spiel und Soff sind zwei Laster; aber beim heiligen Georg von England! schöne Laster.
Ich habe alle Tage einige Zeilen an Euch geschrieben; hier folgen sie; wundert Euch nicht, dass sie aphoristisch sind, ich bin selbst ein abgerissener Fetzen der Welt, wer hält mich fest? Der nächste Sturmwind führt mich fort – die ganze Welt ist aphoristisch, es ist kein Zusammenhang darin als die Luft, will sagen, der Wind. "Die Welt ist lauter Wind, Juchhe!" –
Vaterland! Wieviel abgerundeter und einiger würde ich sein, wenn ich mit dem Worte das verbände, was viele Leute dabei zu fühlen scheinen. Ganz Deutschland danke ich die deutsche Sprache; für dies Geschenk bin ich um so dankbarer, als ich keiner andern mächtig bin. So bin ich sehr erklärlich – ein Deutscher, denn wenn man zu keiner andern Nation gehört, so muss man ein Deutscher sein. übrigens bin ich es aus Gewohnheit, Temperament usw. – der Patriotismus ist einseitig, klein, aber er ist praktisch nützlich, beglückend, beruhigend; der Kosmopolitismus ist herrlich, gross, aber für einen Menschen fast zu gross, der Gedanke ist schön, aber das Resultat für dies Leben ist innere Zerrissenheit, Humor. Eine gute Tragödie muss jetzt mindestens zum fünften teil humoristisch sein.
Donnerwetter, was ist das für patriotisch albernes Zeug, ich reise doch morgen nach Paris und werde Franzos. Ja so, das wisst Ihr noch nicht, dass dies mein letzter Brief aus Berlin ist. Holla, ins moderne Babel reis' ich morgen! Was soll ich mit dem vielen Gelde machen? Es gibt hier gar keine gelegenheit, dafür munter zu sein unter dem steifen Volk, unter freien fröhlichen Parisern will ich leben, und gegen den dummen Polignak will ich schreiben – dort knirscht der Minister mit den Zähnen gegen die frechen Wahrheiten, aber dort brauchen die Pässe der Wahrheit keine Unterschrift, er kann knirschen, sonst kann er nichts – und morgen geh' ich nach Paris.
Raupachs hohenstaufischen Philipp, eine Silhouette des Herrn von Raumer, hab' ich gesehen – wär' ich Rezensent, wie wollt' ich Dich, o Philippus Raupach. – –
Und unsere Kritik "ach glücklich sind Widersacher, die einander prügeln können." Diesmal war ich in der Loge, und Rosa sass demütig im Parterre, und sah sehr blass, ich aber sehr rot aus. Ja, mein Kind, das Leben ist aphoristisch. Ich liess mein weiches Herz gewähren und ging zu ihr, und fragte sie, was ihr fehle. Sie wollte nicht mit der Sprache heraus, und war verlegen. Ich ging mit ihr nach haus; heute' liess sie's ruhig zu – es sah etwas windig und leer in ihrer stube aus, und das Mädchen war auch etwas salopp gekleidet. Ich machte sie darauf aufmerksam – da weinte sie. Ich fragte, wie es um ihr Engagement stünde, sie meinte, erst mit dem ersten August könnte sie eintreten. Es ward mir unheimlich; ich fragte nicht nach ihrem Gardeoffizier, sondern nur, wieviel sie des Monats brauche. Sie wollte mir schluchzend vor Rührung um den Hals fallen, und mich einen edlen Menschen nennen – ich liess sie