1833_Laube_131_31.txt

weisst, wie auch ich seit längerer Zeit nach den Fusstapfen der menschheitlichen Entwicklung jage, Heeren, Herder, Schlegel, Champollion studierewir sprachen über Indien, Ägypten, die Wiegen des Menschengeschlechts, wir wurden schnell miteinander bekannt. Er war dabei ein fröhliches, lustiges Gemüt; wir zogen zusammen nach Paris, er studierte und lebte, mit den schwerfälligen Sätzen der Professoren spielte er wie mit bekannten Bällen, mit der Gelehrsamkeit des alten Abbé Remusat sprang er wie mit einem leichtfüssigen Mädchen herum, mit den Mädchen tändelte er wie mit Buchstaben, wie mit längst gelösten Hieroglyphen; er fand den Schlüssel zur stolzesten Pyramidenschrift. Des Abends fanden wir uns im Teater, und von da durchstrichen wir die Salons, und rasteten in manchem stillen verführerischen Gemache. Wo er auftrat, der Sohn des Prometeus mit dem leuchtenden Siegel der Gotteit auf der stolzen Stirn, zog er die Blicke auf sich. Sein Körper ist ein Meisterstück der natur, und Tausende, die ihn sehen, werden zu gerechten Anklagen der launischen Göttin bewogen. Als ich den Cornel las, dachte ich mir den Alcibiades so. Ein hoher Wuchs, leicht wie ein Gedanke, kräftig wie ein fester Gedanke, getragen durch die Wellen der Hüften und Schultern, dunkles, kühn um die Schläfe fallendes, an den Spitzen gelocktes reiches Haar, ein dunkelblaues Auge, am Tage tiefblau wie südlicher Himmel, in den man ohne Unterlass sehen muss, als werde aus der zauberisch düsteren Ferne eine neue Welt heraustreten, des Abends schwarz wie eine glänzende Sternennacht. Die Form der Augen ist schön, eine voll ausgeschnittene längliche; der Glanz zur Zeit der Ruhe mild, angenehm, beruhigend, tröstlich, bestechend; im Affekt aber, und zwar im kleinsten drängt sich alles geistige Leben in ihnen zusammen, und nur der Mutige, der das gegenüberstehende Leben nicht fürchtet, steht sie dann gern. Weiber blicken sie dann nur seitwärts an, wie sie tapfere Taten, wo anders Lebendiges mit im Spiel ist, nur seitwärts, nie geradhin ansehen. Aber das Weib ehrt und liebt am meisten, was es vorher gescheut, so wie der Mensch den Löwen, wenn er gezähmt ist, am höchsten hält, daher Hippolyts fabelhaftes Glück bei den Weibern. Die Nase ist streng griechisch, und um ihre seinen Flügel haucht ein tatendurstiger Sinn, schreckender Mut, aber auch eine fast frivole Sinnlichkeit, die im Affekt einer mit Mühe bezähmten Bestialität nicht unähnlich sieht. Kräftige Männer haben alle in der leidenschaft ein Etwas, was zwischen dem griechischen Gotte und der Bestie steht; etwas Ähnliches bezeichnet das Wort 'Halbgott!' Daher geht jedes Weib den eigentlich kräftigen Männern langsam nahe, wenn sie je einen Ausbruch irgend eines Affekts, vielleicht nur den des Zornes an ihnen gesehen, und nur die Phryne, die das wild Materielle sucht, stürzt sich in ihre Umarmung.

Aber der Mund versöhnt durch unwiderstehliche Anmut." – –

So weit der Brief; ich verstehe manches darin nicht, vielleicht wird's Ihnen klarer; aber ich fühle, dass das Bild richtig ist. Als er bei uns eintrat mit dieser hohen, imponierenden Freiheit, dieser leichten ungezwungenen Turnüre, war selbst der Graf überrascht, und Graf Fips wurde unruhig und unstet. Alberta wurde rot, ich selbst verlegen, nur das sarkastische Lächeln Valers, mit dem er ihn vorstellte, gab mir schnell meine Fassung wieder; es ärgerte mich. Aber es war wirklich, als ob der Herrscher ins Zimmer trete. Er war modern gekleidet, und doch lag etwas Ausländisches in der Erscheinung. Der leichte blaue Sammetrock, der kurz und mit Schnüren und Stickereien besäet war, mochte wohl schuld daran sein. Alles übrige an ihm war schwarz bis auf den ans Kinn quellenden vollen Backenbart und den übermütigen Schnurrbart und Henri quatre. Er war in den ersten Tagen sehr sanft und mild, von Tag zu Tage ist er aber ausgelassener und wilder geworden. Am meisten verkehrt er mit Valerius; sie reiten auch täglich zusammen aus, und gehen so sicher männlich miteinander um, dass einem stark und wohlig zumut wird, wenn man sie zusammen sieht. Alberta ist seit Hippolyts Ankunft ganz verändert, unruhig, heftig, bewegt, ausgelassen, still, lauter Dinge, die zu ihrem früheren Gleichmass gar nicht stimmen. Ich selbst erwehre mich einer gewissen Unruhe und Bangigkeit nicht, wenn ich bei ihm stehe und nur, wenn Valer hinzutritt, wird es beruhigter in mir. Weiss Gott, es ist, als ob ein Raubvogel ins Taubenhaus gekommen wäre, alles ist bestürztund doch ist der Raubvogel so zauberhaft schön. William hat sich auch ganz zurückgezogen, er lacht gar nicht mehr, und spricht fast nie mit Hippolyt; Leopold springt wohl an ihm herum, aber er scheint auch nicht die rechte Courage gegen ihn zu haben, und wird oft verlegen, wenn ihn jener zum besten hat. Graf Fips spricht von seiner Abreise, der Graf ist sehr aufmerksam gegen Hippolyt und Valerius, aber er scheint auch nicht ganz sicher zu sein.

Alberta grüsst Sie aus der Fülle des Herzens, und bittet Sie, doch ja recht bald hieher zu kommen. Adieu! Adieu!

Man ruft mich zu Tisch, und unsere Mahlzeiten sind jetzt immer diplomatische Mittagsessen; der Graf bringt lauter schwerfällige Gegenstände aufs Tapet, und es entsteht immer ein so klirrendes Gefecht, dass man das Essen ganz vergisst. Ich glaube, es würde oft Blut fliessen, wenn nicht Valer immer die zürnenden Parteien vom Schlachtfelde