über beschäftigt habe, sah sie mich fragend an, wo ich hinaus wollte und erwiderte naiv: mit vielerlei, früh bin ich spazieren gegangen, nachmittags gefahren, und eh' ich hierher kam, hab' ich einen Akt in der Oper g e s e h e n . – "Nun bedenken Sie, mein fräulein, ob der Mann dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht recht hat: ich habe eben mit ihm gesprochen und weiss, dass er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in allen Sprachen studiert hat, wie und unter welchen Verhältnissen Revolutionen erlaubt seien – dass er einen Artikel über Abschaffung der Todesstrafe geschrieben hat, aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper gewesen ist. Wollen Sie ihm nun nicht erlauben" – –
Sie meinte, er hätte was Besseres tun können, und – ward von der Fürstin abgerufen, und mit einem Geschäft entfernt. So ging mir's mit einer zweiten, einer dritten, bis ich mich selbst entfernte. –
Desdemona, deren tiefes Spiel, deren blutende Seele nur von den besseren Zuschauern im Teater erkannt wurde, und deren gibt's in den deutschen Teatern sehr wenige, ward meistin wenig applaudiert, das hohle dreschende Volk neben ihr mit dem bestialischen Spektakel galt immer mehr; – das war sie gewohnt und es kümmerte sie nicht. Plötzlich zeigte sich eine heftige Opposition gegen ihre Verehrer, man zischte und lärmte, wenn sie applaudiert wurde. Die Anzettelung war nicht zu verkennen, aber Desdemona litt unsäglich dabei: endlich erklärte sie, es sei ihr unmöglich, vor einem Publikum zu spielen, das sie nicht wolle, ihr Gefühl erstarre zu Eis, sie sterbe darüber. Der Direktor des Teaters, ein Einfaltspinsel, der seine Kasse gefährdet glaubte, willigte in ihre Kündigung. Desdemona ward frei; aber mit Entsetzen sah ich, wie sie verging in der neuen Untätigkeit – sie gestand mir weinend, dass sie stürbe, wenn sie nicht spielen könne. Aber sie könne nicht von mir gehen, um ein anderes Engagement, das man ihr geboten, anzunehmen. Was blieb mir übrig? Sollt' ich das schöne innige Weib sich verzehren sehen, dessen Lebensodem die Kunst war? Ich küsste eines Abends den Abschied auf ihr weiches Antlitz, der Mond schien zitternd durch die Blätter der Bäume, unter denen wir standen, ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an meiner Brust, sie schluchzte leise, obwohl ich ihr nichts gesagt, dass es ein langer Abschied sei. Ihre zartgesponnene Seele fühlte sein wie die Mimosa, sie ging mit mir bis an die Gartentür, ihr ganzer Körper schauerte, sie war heiss wie eine Fieberkranke. Ich wollte gehen und war schon einen Schritt fort, ihre kleinen hände hielten mich noch, sie presste sie krampfhaft in die meine und flehte innig – "Noch einmal, Hippolyt, noch einmal küsse mich!" Ich umschlang das liebe Wesen, sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume. Ich musste sie ins Haus tragen und aufs Sofa legen. Dort lächelte sie sanft und winkte mir mit der Hand zum Gehen.
Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grünschloss – erlass mir heute das Weitere. Ich bin nicht der Mann der Sentimentalität, aber ich bin ein Mensch – schickt mir, was ein Mensch tragen kann, ich will's tragen, ich hab's getragen. lebe' wohl!
14. Kamilla an Julia.
Den 30. Juli.
Und Sie kommen nicht und kommen nicht, Sie Schlimme, und lassen uns immer vergebens warten. Wenn Sie noch lange zögern, so werden Sie das Leben hier sehr verwirrt finden. Die Fäden gehen so zickzack ineinander hinein, dass ich wirklich nicht weiss, was für ein Muster aus dem Gespinst werden wird. Mit jenem Fremden, der mit Graf Fips ankam, ist ein gewaltiger Unruhstifter in unser Schloss gezogen. Er heisst Hippolyt und hat uns allen die Köpfe verrückt, und alles aus dem Gleise geworfen; unsere ruhig segelnde Flotte ist wie durch einen Sturm auseinandergeblasen, und hier irrt ein schwankendes Schiffchen, dort irrt eins. Sie sollten aber auch diesen Hippolyt sehen! Jeder Zoll ein Mann, ein moderner Herkules – ein strahlender Halbgott, sagt Alberta. Denken Sie sich einen hoch, kräftig und doch geschmeidig gewachsenen jungen Mann, der wie ein geborner König einhergeht. Ich äusserte unverhohlen gegen Valerius mein Erstaunen über die glänzende Erscheinung. Dieser stand mit verschränkten Armen im Fensterbogen, und sah lächelnd dem Aufruhr zu, den Hippolyt erregte. "Ich will Ihnen einen Brief mitFreunde schilderte, als ich ihn vor einiger Zeit in Strassburg zum ersten Male traf." Er tat's, hier haben Sie einen Auszug davon.
"Ein Mädchen, wahrscheinlich eine leichte, über die Oberfläche hinflatternde Libelle beschäftigt aber meinen neuen Freund, der bisher saugend am tiefsten Borne der Menschheit lag, den des Wissens Trieb bis an die Mauern von Lahore gedrängt, der gebräunt von Luft und Sonne, erwärmt vom Feuer des Forschens wie ein Atlet erst vor kurzem nach Europa zurückkehrte. In Strassburg lernte ich ihn kennen, wo er in historische Studien versunken täglich auf der Plattform des Münsters zu finden war, eine Viertelstunde las, dann sinnend in die vor ihm wie eine Karte ausgebreitete Welt sah – die deutsche Dichtkunst, Goete, Tieck, ging an ihm vorüber, er ahnte, bemerkte es kaum; die Kosmogonie, der Ursitz der Menschen, der Ursitz der Bildung beschäftigte ihn. Du