. Der bunte Rock stach so wunderlich ab von der stillen Trauer, die über ihr ganzes Wesen gegossen war, von dem schneeweissen Halse und der Brust, die wie stets gleichmässige Ruhe unter den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag. Das glänzend schwarze, geringelte Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bäumen des Südens. Das blasse Gesicht mit den weichen Zügen, die schmerzlichste, rührendste, tragische Maske, die je ein Maler gebildet, worauf die bezauberndste Trauer ruhte, sah so durchweichend, teilgebend in mein Antlitz, dass alles sinnliche Leben zum ersten Male diesem weib gegenüber aus meinen Adern wich. Die kleine weisse Hand tändelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zügen herum. Desdemona war das Weib des reizendsten Sterbens, und da ich ein Mann des Lebens bin, so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunderlich, so tödlich – ich weiss es, Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben. Sie legte sich wie ein süss schmerzlicher Traum in meine arme, der stehend bat, ihn nicht zu verscheuchen. Ich sollte ihr erzählen, was mir begegnet sei. Die kleinlichen Winkelzüge der platten Glücksritter hasse ich; dieser Seele gegenüber, die mit offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag, hätte ich das Schrecklichste nicht verschwiegen: ich erzählte ihr lächelnd mit Weglassung der Namen – alles. Das Zuhören dieses Weibes bekundete eine Liebe, wie ich sie auf dieser Welt noch nicht gesehen. Nicht die flüchtigste Entrüstung flog über das schöne Gesicht, ja sie lächelte mit, wenn ich in meiner Erzählung mich freute, und als ich zu ende' war, hielt sie mir die Augen zu und sagte: "Es kann mir doch niemand wehren, dich zu lieben." – Das überwältigte meinen harten Menschen. Das wasser trat mir in die Augen, zum ersten Male, seit ich vor zehn Zähren in Valencia von meiner Mutter schied; ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offenes Kleid und presste ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern arme ihr Gesicht an das meine, und küsste sie, dass wir beide zitterten. "Hippolyt" – stöhnte sie – "mein Engel, dein Arm, dein Arm!" Und als ich ihre Schulter leiser fasste, da sank sie mit dem Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lächelte wie ein sterbender Engel und sagte: "Das ist der Himmel, du meine Seele." – –
Lass mich aufhören, Freund, dies ist die einzige Liebesgeschichte, die ich mit Schmerz, wenn auch mit süssem Schmerz, erzähle. Sie hat mein innerstes Herz erweicht.
Viele Tage und Nächte gingen vorüber, ich war auf jenem Gartenhause und sass vor ihr am Boden, und legte das Haupt in ihren Schoss, und sah in den herabschauenden Himmel ihrer Augen. Was der Koketterie, der Kraft, Grösse, Schönheit nie gelungen war, das gelang der Seele dieses Weibes: ich liebte wie ein Knabe, wie ein hüpfender Jüngling. Erst eines Abends, wo sie spielen musste, und einen Akt lang nichts zu tun hatte, kam ich in meine Behausung. Mehrere Einladungen zum Fürsten lagen da. Ich ging zurück ins Teater, ich sah nichts als jenes schwarzblaue Auge, von schweren Wimpern beschattet, das seine Millionen von den Brettern her auf meinen Mund, in meine arme legte. Und wenn ich sie heimbrachte nach der Vorstellung, und jede Fiber an ihr doppelt lebte und ich heute' für den und morgen für den geliebten Helden ihre verschwenderische Liebe erhielt, o Freund, da war ich glücklicher denn König Réné: mein Idyll kam mir vom Himmel, ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehen.
Eines Tages – in unserem Bürgerleben war es Mittag und unsere kleine Mahlzeit wurde schon aufgetragen – stand ich mit Desdemona am offenen Fenster, das auf die Strasse sah, nur wenige Weinranken verhinderten von aussen das Hereinsehen. Ich hatte meinen Arm um ihren Nacken geschlungen, und meine Hand ruhte auf ihren Schultern – wir sahen hinaus in die grünen Gärten. Da nahten sich Reiter, eine Dame zu Pferd sah nach uns herüber – es war die Fürstin. Sie schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an. Nur einen Augenblick, dann hieb sie's mit der Gerte über den Kopf, dass es wild davon brauste. – Um diese Zeit traf mich die Einladung hierher nach Grünschloss; Du kannst denken, dass ich wenig Lust dazu hatte. Ich ging noch einmal in die Gesellschaft zum Fürsten; durch unbefangenes fragen bracht' ich heraus, dass der Schwager des Fürsten mit dem Pferde gestürzt sei, und krank daniederliege, dass in einer stürmischen Nacht Diebe versucht hätten, in den Palast einzudringen usw. – Die Fürstin war nicht da, man meinte, sie sei schon seit einigen Tagen unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen. Doch kam sie noch später. Sie sah wirklich krank und angegriffen aus. Mich behandelte sie natürlich sehr vornehm, doch entging es mir nicht, dass ihr Auge oft schwermütig auf mir ruhte, oft hastig blitzend mich suchte. Ich trat in ihre Nähe, sie war sehr zerstreut. Ich war sehr munter und aufgeräumt, und tändelte mit einem kleinen flinken Dämchen, das sich gar nicht zu gut geben konnte über das prätentiöse Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller, die in die Gesellschaften kämen um auszuruhen, nicht um die Damen zu unterhalten. Als ich sie fragte, womit sie sich den Tag