Zeit, wie Valerius sagt, ein Indianerstamm, dessen Farbe europäisch geworden, dessen Charakter aber wild geblieben ist. Die späteren Historiker werden unsern Adel als naturhistorische Merkwürdigkeit aufführen.
Die Fürstin war so umlagert, dass ich nicht zu ihr konnte. Aber wo wäre ein Mann so klug wie ein Weib. Beim Kontertanz stand sie plötzlich mit ihrem Tänzer neben mir, und ich hatte es kaum gesehen, als ich auch schon die Frage nach den Poeten beantworten musste. Sie tanzte mit ihrem Schwager. Er sah sehr ernstaft aus und mass mich mit stolzen Blicken. Meine lange Gestalt machte ihm viel zu schaffen, er schien nicht einig zu werden über das Mass und fing immer wieder von neuem an. Da ich dort nichts übelnehmen konnte, so lachte ich, das machte ihn noch ernstafter. Konstantie ignorierte mich – alles flüsterte, sie sei nie so schön gewesen. Ein Weib kann noch so schön sein, die Liebe macht sie doch erst reizend.
Die Nacht kam und ging, ich mit ihr. Dieselben Szenen wiederholten sich; Konstantie, die früher nur auflodernd heiss gegen mich war, wurde von Tag zu Tage wärmer, der männliche Tau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein, das Weib war durch und durch erweicht, sie ward mit Blicken und sanften, lind schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich. Die Eifersucht aber ist das Bild des alten Argus, sie sieht das meiste. Ihr Schwager ging wie ein Tiger umher; das hätte dem hypochondrischen deutschen Jünglinge die Freude verdorben, die meine erhöhte es. Die Poeten waren des Abends daran gewesen, ich stand gegen Mitternacht auf dem Balkon. Als ich eintrat, fand ich Konstantien nachdenklich, den Kopf auf den weissen Arm gestützt im Lehnstuhl sitzend. Sie trug noch das himmelblaue Sammetkleid, womit sie im Salon gewesen, hatte nur allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelöst. Ich blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen und betrachtete im Spiegel unser eingerahmtes Bild, Du weisst, wie ich das Schaffen von Bildern liebe. Wir schwiegen beide. Endlich hub sie an: – "Hast Du wohl verschlossen, Hippolyt?" "Ich habe." – "Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges, und ich will lieber sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen." Dabei stand sie auf, kam zu mir, legte die arme und das Haupt an meine Brust und sprach nichts mehr. Plötzlich ging sie und schloss auch die Tür ihres Schlafgemachs, was sonst nicht geschah, da die Bibliotek von uns aus verschlossen war, und von dieser Seite keine andere Tür zu uns führte. Ich lachte und küsste sie. Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm auf, hielt mir den Mund zu und lauschte. "Es ist Geräusch in der Bibliotek – man schlägt drüben an die Tür." – Wir horchten beide – es war so. "Auf, Hippolyt!" Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend: "Wo hinaus?" Sie führte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der oberen Wand in tiefer Nische angebrachtes rundes Fenster mit bunten Gläsern. "Kannst Du?" – fragte sie. "Ich muss." – Ein Stuhl ward herbeigebracht, ich sprang an ihm in die Höhe und klammerte mich in der Nische fest, wo ich zusammengekrümmt mit entsetzlicher Mühe das Fenster aus seinen Angeln brach, denn es war nicht zum Öffnen eingerichtet. Ich reichte es Konstantien hinunter, sonst hätte ich's beim Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen, da der Raum zu eng war. Was sie damit gemacht hat, weiss ich nicht, sie wollte nur mich entfernt haben, alles übrige aber ohne Mühe dann vertreten. "Es stürmt heftig," gab ich ihr noch als Notiz in die Hand, sie warf mir den letzten Kuss zu, ich sprang hinunter. Der Sprung war ein mässiges Stockwerk hoch und führte in einen Seitenhof, wo glücklicherweise statt der Steinplatten Rasen war. Es krachten alle Knochen in den Gelenken, jedoch die Elastizität meiner gesunden Glieder spottete der Erschütterung. Das Geräusch hatte aber den grossen Hund des Palastwächters herbeigelockt, ich stand kaum auf den Beinen, so kam er brüllend auf mich eingesprungen, setzte an mir in die Höhe und schlug Schnauze und Rachen an meine Brust. Ich hatte Eile, spannte all meine Muskeln, würgte ihm den Hals zusammen, dass ihm der Atem benommen ward und stiess seine Schnauze so heftig, als ich konnte, an die Mauer. Das Ringen seiner Glieder hörte auf, schlaff streckten sich die Pfoten, er war halb erdrosselt, das Blut schoss aus dem Rachen. Da hört' ich das kommende Nahen des Wächters – ich musste fort, den Hund drückte ich auf die Erde, liess ihn einen Augenblick los und trat ihn, der fast regungslos war, den Fuss mit dem ganzen Gewicht des Körpers auf den Kopf. Das Terrain kannte ich, über eine kleine Mauer springend, gelangte ich in den Garten und jagte unter den Bäumen hin nach meinem Pförtchen. Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen; ich musste mich nach dem Balkon und dem Eingange, der zur Bibliotek führte, umsehen. Die Tür war offen, man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher – es hatte das Ansehen, als suche man einen Spitzbuben. So war ich, mit dem Gesicht nach dem Palais zugekehrt, in die Nähe des Pförtchens gekommen