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. Es ist dies etwas, was Ihr Deutschen durchaus nicht lernen wollt, dass das viele Baden etwas Reizendes sei. Ihr rauhen Bären Germaniens, die Ihr vom Urzustande doch übrigens nichts als das rauhe Fell behalten habt, wo drei Schläge auf einen Fleck fallen müssen, ehe Ihr einen fühlt, begreift's nicht. Das deutsche Weib, ja selbst der deutsche Jüngling weint sich windelweich, weint sich aus, wenn er einen neuen Menschen anziehen will, der südliche badet, und erfrischt, geschmeidig, geläutert tritt er an die Luft, für deren Balsam er tausend neue Organe geöffnet hat. Das Bad ist ein Hauptakt der körperlichen Zivilisation; schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten Hauswesen ein Badezimmer, in Deutschland keines in dem besteingerichteten. Ich verlange nicht den Reichtum des Südens darin, denn natürlich drängt dort das Klima mehr dazu; ich verlange nur das Aneignen des reinigenden Elements. Die üppigen Termen der Griechen und Römer bekunden heute' noch in ihren Trümmern, welchen Wert man auf diese Sitte gelegt. Geist und Gemüt entfalten sich behaglicher in einem leib, der aus dem Bade steigt, eine reinere frischere Sinnlichkeit hüpft durch die erregten Adernaus dem Meere hoben die Griechen ihre Liebesgöttin, die strahlende Aphrodite. Das wasser ist ein geistigeres Element als die Erde, man fühlt sich höher, edler, wenn man die Glieder aus den Fluten hebt. Darum lob' ich die mehr und mehr überhandnehmenden Schwimmanstalten in Deutschland. Die Polizei sollte an den Toren darauf sehen, dass die Einpassierenden erst in den Fluss gingen, ehe sie in die Stadt kämen; statt die im Zimmer verkümmernden deutschen Bürger allsonntäglich wie die Herde zum nutzlosen Geschwätz eines pfaffen zu schicken, würde' ich sie ins wasser jagen, damit sie die trägen Flügel schütteln lernten wie die Vögel, die sich auch baden, obwohl sie in reinerem Elemente verkehren als wir. Deutschland hat die gründlichste Ästetik ediert, und die Ästetiker holen die Regeln aus dem Bücherstaube und schreiben ungewaschen über Schönheit. Es hat mir den Anblick manches zärtlichen Liebespaares verleidet, wenn ich daran dachte, dass beide vom Baden nichts wüssten. Man soll den Körper pflegen wie die Frucht, deren Saft unsere physischen und geistigen Teile stärkt und nährt. Deutschland geh' ins Bad.

In der Mitte des Juli.

Das Papier ist gelb geworden; ich habe das Schreiben lang liegen lassen. Du weisst, dass ich immer das künstliche Leben dem natürlichen nachsetze. Es gibt aber hier viel zu leben. Davon will ich Dir später erzählen; erst rasch meine geschichte bis zur Ankunft auf Grünschloss beendigen. Wenn ich auch an den Bildern mehrerer Jahre vorübergehe, Konstantie bleibt das schönste Weib, das ich gesehen. Linie, Muskel, Form, Auge, Wort, Geist, Gefühlalles ist straff an ihr; sie ist der Gedanke eines Mannes, der weibliche Form gefunden. Es hat mich nie ein Weib tie in jener Nacht. Ich liebe diese Kraft am weib über alles; das Weiche, Vergehende, Ergebene gewährt mir zu wenig Widerstand. Ich gehe noch einen Schritt weiter als Valerius, der ebenfalls Kraft und Stärke des Weibes bevorzugt, ich liebe sogar die Strenge der Form, des Geistes und des Gemüts. Vielleicht sind solche Weiber der Übergang zur griechischen Knabenliebe. Als Konstantie des Morgens erwachte, war nichts von jener Scham, welche der Tag so oft über die Freuden solcher Nächte giesst, an ihr zu entdecken; sie umarmte mich beim Tageslichte so glühend, wie sie beim Lampenschein getan. Ich musste den Tag über in jenen Gemächern bis zum Balkon bleiben, weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte. Konstantie war für die Welt krank und speiste auf ihrem Zimmer. Wir lebten wie goldene Vöglein im Käfig. Als die zweite Nacht zu schwinden begann, verliess ich sie erstein grosser Tränentropfen der Wollust und des Schmerzes, der einzige, den ich je in den stolzen südlichen Augen gesehen, erweichte ihren blick, als sie an der letzten Tür von mir schied. Wir hatten verabredet, dass ich ihre Salons fleissig besuchen sollte. Wenn sie mich italienisch fragte: "Wie leben die Poeten?" so war dies ein Zeichen, dass mein Schlüssel gefahrlos zu ihr führte.

Daheim fand ich einen Brief Desdemonas, ein duftender Zweig aus einem indischen wald. Ich schrieb ihr innig zurück und ritt dann in das duftende Land hinaus. Es hüpfte ein karger Frühling über die deutschen Felder, aber es war doch ein grüner Junge mit frischem Atem; ich vergass die springende Jugend Spaniens und ritt immer weiter und weiter. Erst nach mehreren Tagen kam ich zurück. Wieder lag ein Stück Himmel Desdemonas auf meinem Tische, daneben eine trockene Einladung zur Soiree beim Fürsten. Ich ging hin, aller sogenannte Adel der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden, sie machten alle ernstaft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomödie aufs beste, d.h. ohne allen Geist. Wie sie sich gefreut haben mögen, als sie nach Haus gekommen sind, jeder auf seine Weise, der eine, dass er sich keines Schnitzers im Französisch-Plappern erinnerte, der andere, dass der Fürst ihn auf die Schulter geklopft und versichert habe, er sei noch ganz derselbe wie 1806, der dritte, dass er niemand auf die Füsse getreten, auch nicht gefallen sei, die erste, dass sie das zweite Paar im Kotillon und was dies Geschmeiss der Zivilisation dergleichen schwatzt. Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger