fähig gehalten hätte, auf unsere Gruppe im Spiegel. – –
Die Stunden waren geflogen, wir sassen auf dem Diwan und ich musste ihr Liebesgeschichten erzählen. Sie meinte, eifersüchtig sei sie nicht auf die Vergangenheit. Dennoch konnte ich keine geschichte zu Ende bringen, ohne dass sie mich da, wo sie anfing interessant zu werden, auf den Mund schlug, stillschweigen hiess, aufstand, einen gang durchs Zimmer machte, dann vor mir stehen blieb, zausend in meine Haare griff und halb zornig, halb lachend sagte: "Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben, dreister Mensch." Ich lachte und zog sie an meine Brust, und drückte die Hand in ihren Busen, um den Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen, und als ich ihr sagte, sie hätte ja kein Herz, da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg. Ich sprang ihr nach – "still," sagte sie – "Du musst jetzt fort, es wird zu spät, meine Dienerschaft kümmert mich zwar nicht; aber es reizt mich, nichts vor dem besorgten Bürgerweibe voraus zu haben – man soll Dich fortgehen sehen. Dieser Schlüssel – sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan – schliesst die westliche Gartenpforte, ich habe ihn selbst heute mittag für Dich abgezogen, Du Schuft; in einer Stunde kannst Du zurückkehren. Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an der Ostseite des Hauses, die mittlere Flügeltüre findest Du offen, geh dann durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliotekzimmer, dort erwarte mich. Adieu, Mann meiner Liebe!" – – –
Das Palais liegt, wie Du weisst, halb im Freien; ich wollte in frischer Luft und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die Wege, die zu den umliegenden Gärten führen. Aus einem etwas seitab liegenden Gartenhause hör' ich Musik, eine Singstimme zum Klavier, und zwar Juliens Arie aus der Vestalin, die ich liebe. Ich gehe hinan, und aus einem hohen Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme. Ein Gartenschemel, der in der Nähe steht, soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren, er wird unters Fenster getragen, ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen Überrocke, mir den rücken zukehrend, am Klavier sitzen. Die Arie ist zu Ende, sie lässt die hände in den Schoss, den Kopf nach vorn niedersinken. Ich rege mich nicht. Sie hebt eine Hand und fährt leise mit ihr auf den Tasten herum. Dabei bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite, ich sehe das Profil, es ist – Desdemona. "Guten Abend, Desdemona!" – Sie fährt auf, sieht, erkennt mich, springt ans Fenster, greift nach meiner Hand, bedeckt sie mit Küssen und spricht: "Mein liebster Hippolyt." Sie fragt nach nichts, sie schilt nicht, sie giesst nur ihre Seele aus dem Auge in das meine; wir schwatzen kosend wie zwei Vögel, die auf zwei Ästen sitzen, da schlägt es elf. "Einen Kuss, Desdemona, ich gehe." Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin. "Gut' Nacht, Hippolyt," sagt sie – Gut' Nacht, Desdemona, und die Vöglein flattern voneinander.
In wenig Minuten war ich an der Gartentür, auf dem Balkon, im Bibliotekzimmer, ich suchte mir Heinses Ardinghello, streckte mich aufs Sofa, und las beim Schein der Astrallampen, die den weiten Raum erhellten.
Wie amüsieren mich Eure langen Gesichter, wenn Ihr von dieser Impietät hört, wie man in voller Glut von einem weib zum andern laufen, jetzt diese, eine Viertelstunde später jene umarmen könne. O Ihr armen Leute! Wie können die Bettler den reichen Mann begreifen, der links und rechts ohne Not Gold spendet? Ich habe Leben für eine Million, komme Million und liebe mich! Wie sollt' ich geizen? Euer gewöhnlicher Don Juan ist ein liederlicher sinnlicher Wicht. Aber weil Ihr einmal wisst, dass den der Teufel holt, so haltet Ihr jeden für des Teufels Beute, der nur zufällig ein ähnliches Wams trägt wie Euer Opernheld getragen. Ich wollt' es dem armen Teufel nicht raten, sich an mich zu wagen; der Teufel ist der Tod, ich erdrücke ihn in der Fülle meiner Lebenskraft. – Genug, ich will zu Ende.
Die schöne Fürstin war so leise eingetreten, dass ich sie nicht bemerkt hatte, ich phantasierte über die Formenschönheit mit Ardinghello – wie eine heisse Sonne trat sie plötzlich vor mein Lampenlicht. Eine Million lebte eben in mir, ich riss sie in ihrem weichen Nachtkleide zu mir nieder, ich erwürgte sie fast. "Lass mich einen Augenblick los" – flehte sie. Als sie frei war, sprang sie durch die Tür, ich ihr nach. Sie war verschwunden. Mitten im nächsten Zimmer sah ich mich um, sie schloss eben sorglich die Tür, hinter deren Flügel sie sich einen Augenblick versteckt hatte. "Der Fürst könnte zurückkehren," – sagte sie – "und es fällt ihm zuweilen, meinem Schwager aber oft ein, sich selbst ein Buch suchen zu wollen." Wir gingen in ihr Schlafzimmer, es ist verführerisch wie ein anakreontisches Gedicht. Eine nur angelehnte Tür führte zu einem Badezimmer; ich küsste einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Konstantie, warf die leichten Kleider von mir und tränkte meine durstigen Glieder mit der weichen Welle