1833_Laube_131_24.txt

Weil der Novellist nicht den Mut hat, die unverhüllte Form zu zeigen, so hat er auch nicht den Mut, sie zu bewundern, und er gibt Dekokte für die bare Schönheit. Darin besteht ja die Fülle von Vollkommenheit in der Poesie, dass ihr alle Künste zu Gebote stehen, und wer die plastische verdirbt und einen löcherigen Mantel über die nackte Statue wirft, bestiehlt den Roman. Was gäbe ich darum, schrieben unsere Bildhauer Novellen, das könnte eine stärkende Kur werden; was gäbe ich darum, lebten noch zwei Heinse, die einfachen Homöopaten der Beschreibung. Das ist es, worin ich ganz mit Valer übereinstimme, nur, dass er mit grösserer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht, ich die dreisten Linien des Phidias vorziehe. William hat gar kein Verständnis dafür, und ich fürchte, der kleine Provenzale nimmt mehr das Lüsterne heraus, was ich ganz verwerfe, weil es entnervt.

Die Fürstin sprach von den Männern; ich musste ihr von Weibern erzählen. Sie hatte viele von unseren einbalsamierten Herren kennen gelernt, deren Gestalt nur hier herumläuft und deren Geist in Erziehung, Liederlichkeit oder Furcht verflüchtigt ist. Wenn das Gegenteilige ihr begegnet war, so hatte es aus jener materiellen, rohen, ich möchte sagen, bestialischen Soldatenkraft bestanden, die schon seit vielen Jahrhunderten unsere höher gestellten Stände für ein Axiom der Bildung ansehen. Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittelalters und eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels. Als das Rittertum verschwand, pachteten sie die vornehme Soldaterei und Jagd; sie ahnten etwas vom Kriegerstande der Ägyptier und Inder und wollten die herrschende Partei, welche mit des Schwertes Kraft das Land erobert hat, fortspielen. Unterdes ist die Welt mit ihrer Zivilisation weit über jene behelmten Häupter hinausgewachsen, darum sehen wir jetzt unter den sogenannten höheren Ständen eine solche Menge barbarischer Fratzen mit lächerlichen Schnurrbärten von einem Ohr bis zum andern, die noch immer der ernstlichen Meinung sind, sie hätten das Privilegium der Courage. Gemütern, die alle zivilisierten Anlagen zum Herrschen besitzen, also ein Wort aus Erfahrung darüber reden können, muss dieser Vandalismus greulich sein. Das klagte die Fürstin, und es beschlich sie, nachdem die Schärfe des Wortes lange genug gemäht hatte, eine leise Wehmut, die ihr sonst gar nicht eigen, darum aber doppelt verführerisch an ihr war. Männersehnsucht, Männertrauer, Tränen nach Männern sind die schärfsten Waffen eines stolzen Weibes. Sie erobert, indem sie um Gnade bittet. Ich fühlte die reiche Armut des einsamen, hochgestellten Weibes, ich fühlte meine Kraft sie zu halten und zu beglücken. "arme reiche Frau" – sprach ich, blieb vor ihr stehen, fasste ihre beiden hände, führte sie an meine Lippen und sah ihr drängend tief in die Augen hinein. Sie legte ihre arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht und redlich zurück. Aber es war, als kämen sie aus einer weiten, fernen Dämmerung, als wären sie Träume von reizenden Sternbildern; sie schauten wie aus den Wogen tiefer Gedanken, sie sahen träumerisch, aber unendlich glücklich aus, diese Blicke. Es war, als bückte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen. Die starren Kräfte des kalten schönen Gesichts waren gebrochen, die Züge sanken in die Knie zu zauberhafter Milde, wehmütiger Freundlichkeit. Venus stieg aus dem Meeresschaum, und die schäumenden Wellen fielen plätschernd von ihr, und sie ward ganz das warme Weib. Lange sahen wir uns so in die Augen, näher und näher sie aneinander drängend. Keines sprach. Wenn sich die Seele unter Schmerz und Lust und Tränen nackt an den Tag drängt, da staucht und hemmt sie erst das vorlaute Wort, die dreiste Kehle, wie man ein Wehr hemmt, wenn man die Tiefe des Wassers trocken und nackt sehen will. Endlich lispelte die Fürstin leise, so leise, dass es nur mit Mühe mein innerster Mensch erlauschte: "Du bist ein Mann", und ich fühlte einen brennend heissen Kuss auf meinem mund. Sie schlug die schönen arme um mich, ich hob sie dicht zu mir und hielt sie, die halb schwebende, die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in meiner Umarmung verweilte. Dann hob sie den Kopf, drückte mein Gesicht in ihre hände und küsste mich einige Male heftig, machte sich halb los von mir, warf Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem kopf. "Komm, Mann," sprach sie, legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer auf und ab, hie und da blieben wir stehen und küssten uns inbrünstig, und meine passive, mir so ungewohnte Rolle von mir werfend, drückte ich die vollen straffen Glieder des schönen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum, umschlang sie wie ein Löwe sein Weib, überliess mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens, und küsste sie, bis sie weich und erschöpft in meinen Armen zusammenbrach, da hob ich sie, einen Arm um ihren Leib schlagend, die Hand an ihren Busen drängend, an meine Seite und ging, sie halb tragend, mit ihr durchs Zimmer. Vor dem Spiegel blieb ich stehen und zeigte ihr unser Bild. Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten, aber es gelang ihr nicht, sie liess das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit einem lächelnd naiven Ausdrucke, dessen ich sie gar nicht