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mit seinen paar Papiertalern Honorar in Kreise, wo die Spirallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen! Dass so wenige von den äusserlich Begünstigten Romane schreiben, dass diese freieste schönste Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln überlassen ist, bringt soviel Jämmerlichkeit, zusammengeschnürte Herzen in unsere Poesie. – Es ist ein ander Ding, dass die Liebe durch Hindernisse wachsewer möchte das leugnen, aber der Feind muss des Kampfes wert, der Feind muss gewaltig die höheren Tätigkeiten aufregend sein, – wer und was ist denn aber der gewöhnliche Feind Eurer Liebschaften? Ein kleines Kastenherz, das die lebendigsten Pulsschläge als zu kühn und illegitim fürchtet, jämmerliche Furcht vor einigen herkömmlichen Rücksichten, die nicht erlaubt glücklich zu sein, weil's tausend andere Hasen nicht gewesen sind, altes Weibergeschwätz, der sogenannte Ruf, d.h. das Klatschtema aller mittelmässigen Menschen. Solch ein Feind stärkt nicht, aber er lähmt. Man kämpft gegen einen ausgestopften Wanst, in welchem das Schwert stecken bleibt, was den Arm ermüdet, das mutige Herz aber mit Ekel erfüllt.

Ich erinnere mich eines Universitätsbekannten, der den Umgang mit einem liebenswürdigen Mädchen aus lauter bürgerlicher Verzweiflung aufgab; sowie er bei ihr sass, kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin, und wenn er die losgeworden war, der Herr Gevatter und der Herr Bruder Handschuhmacher und der Papa und die ältere unversorgte Schwester und sprachen von den Stunden der Andacht, von den schlechten zeiten, von der Sittenverderbteit und noch einmal von schlechten zeiten, dass der Mensch immer zum tod abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte, um nicht vor Ärger, Langerweile, unbefriedigtem Sehnen, verplatteter Empfindung aufgerieben zu werden.

Der Gegensatz von all den Dingen zeitigte allerdings wie klarer Sonnenschein meine Neigung zur Fürstin. Ihr sogenannter Gemahl zählte gar nicht; einmal gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein kläglicher Pantoffelritter, zweitens war er ein abgestumpfter Mensch, der ein ordinärliederliches Leben geführt hatte; ferner beschäftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit soviel andern Gegenständen, dass er keine Zeit und keinen Zugang für den Gedanken hatte, seiner Frau könne ein anderer Mann gefallen, endlich war er meist verreist. Während ich bei seiner Frau sass, liess er sein nobles Pharospiel bewundern, seine schönen Pferde preisen, sein vielwisserisches fades Gespräch geistreich schelten. Der Bruder der Fürstin war sein Genoss und störte uns ebensowenig. Aber des Fürsten Bruder war ein kräftiger Feind, denn er liebte seine Schwägerin mit leidenschaft. Doch davon später. Ich wollte Dir nur dartun, wie das Behagliche aller Umgebungen mich hineinlockte in das Zauberschloss zur schönen Fee, wie ich so lange einen Engel gleich Desdemona ihr nachsetzen konnte.

Sie hatte mich das erstemal in einem grossen Gesellschaftszimmer empfangen; als ich den andern Tag wiederkam, fand ich sie in einem kleinen lauschigen Gemache. Schwere grünseidene Gardinen mit glänzenden Goldtroddeln verhüllten zwei hohe Fenster, der Fussboden war ein bunter Blumenteppich, an der einen Wand hingen zwei grosse Ölgemälde, Joseph, eh' er zu dem einfältigen Entschlusse kommt, sich der Potiphara zu entreissen, und Leda, als sie brünstig ihren Schwan küsst; an der Wand gegenüber stand ein rotseidener Diwan, über welchem ein vortrefflicher Kupferstich hing, Jupiter darstellend, wie er in goldenen Regenstrahlen zur Danaë kommt. Das Zimmer war sonst fast leer, ein breiter Spiegel strahlte den Diwan zurück und umarmte strahlend den keuschen Israeliten und die begehrliche Leda, ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt stand neben dem Sofa. Es war die leichte heitere griechische Freiheit, die über das ganze Zimmer gegossen war; ich hasse nichts so, als die mit Herrlichkeiten überladenen Gemächer, wo man bei jedem Schritt befürchten muss, etwas zu zertreten.

Die Fürstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem Abende. Sie trug einen leicht seidenen weissen Rock, hoch geschürzt mit einem Florüberwurf, nach Art der sarmatischen Überkleider geschnitten. Beide waren natürlich vorn offen und schlugen sich, wenn sie ging, zurück, so dass man das weisse Unterkleid und die sich rund hervordrängenden Umrisse des Schenkels und Beines sah. Schultern, Hals und arme waren frei, die kurzen herunterhängenden polnischen Florärmel fielen zurück wenn, sie den Arm hob. Titian hat nie ein schöneres Fleisch gemalt. Sie war ungeschnürt, und der volle Busen drängte die schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rücksichten. Ihr reiches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt. Der gewöhnliche scharfe Ernst ihrer Züge war gemildert, und sie ging anfänglich in launigen Gesprächen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Es mochte wohl Eitelkeit sein, ihre in Schönheitslinien sich schaukelnde Figur zu zeigen. Aber ich liebe diese Eitelkeit, und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette Türkinnen vor, die mich nie reizen könnten. Das freieste Wort, die freieste Sprache des Körpers ist der gang. Diese vornehme Keckheit, mit der sie ihre Reize offenen Auges, offener Stirn auftreten lässt, erfreut und stärkt meine Sinne. Es ist eine kühne Gesundheit darin. Jenes verdeckte, versteckte Kokettieren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der bare Gegensatz davon und mir in der Seele zuwider. Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung solcher hysterischen Schönheiten, wie sie in den sogenannten schlüpferigen Romanen zu finden. Beides schwächt die Sinne. Die natur in ihrer ungeschminkten Schönheit, in ihrer Nackteit ist immer edel und schön, ihre Verkünstelung ist krankhaft.