eine Spürnase wie ein Jagdhund und mich wirklich ausgeschnüffelt – keuchend kam er eben auf meiner Höhe an, und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung. Man habe mir vielerlei mitzuteilen. Mantel, schütze mich vor Blössen! "Menschenrecht", wahre meine Freiheit – in dies dumme Zeug hat mich Valers besorgliche Gutmütigkeit wahrscheinlich gestürzt. Bitte ihn doch, dass er die Leute unterrichten lässt, ich sei ein Taugenichts. Dann lassen sie mich hoffentlich in Ruhe. Ich räusperte mich und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede. Erstens bedeutete ich ihm, dass mein Name Müller, einfach Müller, Stadtmusikus Müller sei, mein Vater heisse v o n Müller, ich aber nicht – das v o n sei überhaupt nicht mehr Mode, und die Mode sei die Hauptsache. Zweitens passte mein Äusseres und Inneres nicht in ein Gesandtschaftshotel, drittens gehörte ich zu den Sansculotten, viertens würde ich ihm den Hals brechen, wenn er sich noch einmal bei mir sehen lasse. –
Ich hoffe, er hat genug.
Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, dass meine gute Schwester gestorben ist, es war, als ob eine alte Saite in mir spränge, es schwirrte eine ganze Weile. Ach, Sterben ist keine Kunst; – nur weil die Leute das nicht wissen, erschrecken sie so unmässig vor der französischen Schreckenszeit. –
Ade – freue Dich, denn dies ist der Punkt, um den sich alle Sonnen und mond drehen – Epikureer ist auch der Stoiker, denn was anderes als Freude in sich will er durch Stoizismus gewinnen? Um zum Vergnügen zu kommen, sei mässig, nur nicht in der Liebe zu mir; ich denke Dir mit Wucher zu zahlen.
13. Hippolyt an Konstantin.
Lieber Freund, Valerius, der eben zu mir kommt und mir den ähnlichen Brief von Dir mitteilt, ist mit mir gleicher Meinung: das muss anders mit Dir werden. Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Akklimatisierung anwenden, oder es trifft Dich das Anatem der Böotier. Sobald Du Dir einen Frack gekauft, folge jener Einladung; nach allem was ich gehört, findest Du ein reizendes Mädchen.
Jetzt höre zu, ich erzähle weiter. Die Fürstin bedauerte, dass Goete nicht auch dergleichen Szenen aus reicheren, vornehmeren Umgebungen geschrieben, die Weiber seien zu sehr Landschaft, ich solle ihr Elegien schreiben, wo die Frauen mitsprächen. Jenes Behagliche, Reiche – entgegnete ich ihr – was sie vermisse, ersetze der Schauplatz Italien, aber es sei allerdings ärgerlich, dass unsere übrigen Poeten noch immer so wenig Courage hätten, dergleichen zu schreiben. Einmal, sagte ich, liegt es an unserer bürgerlichen Einrichtung, die in so vielfache kleine bürgerliche Fächer abgeteilt und durch Mauern und Hekken abgetrennt ist, die so sehr der Freiheit ermangelt, dass die meisten Menschen nach dem Rechenbuche leben müssen, in die nassen Felder hinausrennen, um sich Luft zu machen, da empfängt sie unser schlechtes Klima, und sie holen sich den Schnupfen. Zweitens werden den meisten jene Fächer ins Herz hinein erzogen, sie prallen vor jeder papiernen Wand zurück, weil ihnen das leidige Herkommen zum unerschütterlichen Naturgesetz geworden ist. Sie zweifeln eher an der Richtigkeit und Gesundheit ihrer Gefühle, als an der der Verhältnisse. Der ist schon ein bürgerlicher Held, der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des Regierungsrates seine Liebe anzubieten wagt. Drittens sind unsere allgemeinen politischen Verhältnisse noch immer die der Herren und Sklaven, und der grossen Masse von Sklaven fehle es an Mut zu lieben, wenigstens an Mut, Gegenliebe zu verlangen.
"Das sind wunderliche Dinge" – entgegnete die Fürstin – "ich glaube aber nicht, dass Sie zu den Sklaven gehören." – Dabei reichte sie mir die schönste Hand, welche ich je gesehen, zum Kusse. Ich küsste sie ihr lachend mit warmen Lippen, und da sie mit dem Zurückziehen nicht eilte, so eilte ich nicht mit dem Zurücklassen. Ich sprach noch viel mit erhöhter Wärme über Poesie und Weiber. Meine Dame ward auch bewegter, zog einmal ihre Hand weg, nannte meine Teorien männerfrech, liess mich später die Fingerspitzen wieder ergreifen, schwieg lange, sah mich forschend, durchdringend an, stand dann plötzlich auf, strich mir wie Adelheid in Goetes Götz dem Franz über das Gesicht und erlaubte mir, den andern Tag wiederzukommen und ihr Gedichte mitzubringen.
Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch. Wenn Du Dich darüber wunderst, so hab' ich Dir nicht genug von der Schönheit des Weibes, nicht genug von dem stolz einhergehenden und doch von Bewegung immer in die Knie sinkenden Trotze ihres Wesens gesagt, das unwiderstehlich reizte. Eine stolze Blume, die sich des feuchten Taus nicht erwehren kann, der ihre Blätter, die Augenlider, erweicht und das Haupt beugt. Rechne dazu die reizendste, reichste Umgebung, welche der trägsten Phantasie schwellende Polster unterschob. Glaube ja nicht, dass die äusseren Umstände ohne grossen Einfluss seien. Wer unter den gewöhnlichen engen bürgerlichen Verhältnissen, wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau Muhme mit beobachtet sein will, frei, mild, stark lieben will, muss einen viel grösseren Grad von Freiheit und Stärke entwickeln, als wer eine Fürstin in goldenen Zimmern findet, wo auch die leiseste Störung scheu nicht in die Nähe zu treten wagt. Nur die sentimentale, e i n e Jugendliebe, die Raserei der Liebe wächst unter erschwerenden Umgebungen – die Romanschreiber, die den Satz überall gelten lassen, verstehen nichts davon. Wie käme jeder arme Novellist in seiner kleinen Bürgerstadt