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versöhnt, kann ich Dir helfen, kann ich Dich trösten? Er schrak zusammen, dann nahm er meine Hand, küsste sie, und es fielen Tränen darauf, vielleicht die einzigen, welche er in seinem Leben geweint hat. Es war später Nachmittag, die Arbeiter kehrten heim, plötzlich drang Geschrei aus einem Zugange der nahen Stadt, ein Neger stürzte wie ein Pfeil heraus, eine Schar Weisser hinter ihm drein; der Schwarze hatte den Vorsprung und flog wie ein Hirsch dem nahen Wäldchen zu, schon war er dicht daran, da fielen zwei, drei Schüsse, der arme Flüchtling sprang hoch in die Höhe, dann stürzte er lang hin an den Boden. Mit wildem Freudengeschrei stürzte die immer grösser werdende Menge nach dem Opfer hin, an uns vorüber. Mit Entsetzen erkannte ich unter denen, die ein Gewehr trugen, das noch rauchte, Tallon, den Verhassten. Ich warf eilig meinen Schleier überwelche Veränderung aber war mit Hippolyt vorgegangen! Wie von einem elektrischen Schlage war die ganze Gestalt aufgerichtet, das Auge blitzte, die Muskeln zuckten, gewaltiger als ich ihn je gesehen, stand er da und schritt straffen Ganges dem Haufen nach. Dieser war über den Leichnam hergefallen, ein deutscher Arbeiter hatte ein paar Worte des Mitleids geäussert, und man fiel, eben auch ihn über her und schrie: "Lyncht ihn, lyncht ihn!" als Hippolyt wie ein Löwe in den Haufen hineinsprang, links und rechts die rohe Masse beiseite schleuderte, den deutschen Arbeiter an seine Seite riss und mit donnernder stimme ihnen vorwarf, dass sie ein nichtswürdig Gesindel seien, das Menschenrecht und Freiheit mit Füssen trete.

Sie stürzten mit Gebrüll auf ihn ein, Hippolyt entriss dem einen die Büchse, schlug und mähte wie ein Atlet, und schuf zweimal, dreimal freie Bahn rings um sich her, er stand da wie ein zürnender Halbgott!

Tallon aber war zurückgetreten, die tückische Schlange, hatte seine Büchse wieder geladen, schlug anich sah's, stürzte hinzuzu spät! Mitten in die Brust getroffen stürzte der stolze Leib Hippolyts nieder, mit furchtbarem Geheul schlug die Menge über ihm zusammen.

Es war Abend geworden, als sich die Rotte zerstreut hatte, der Regen goss, der schöne Leib Hippolyts war zertreten, und nur an den Kleiderfetzen war er vom nackten Negerleichnam zu unterscheiden. Ich habe die ganze Nacht bei ihm gesessen und geweint, dort, die Raubvögel scheuchend von seinen verstümmelten Resten, hab' ich's wie Dolchstiche empfunden, dass ich ihn geliebt habe bis zur Raserei, auch da, wo ich ihn morden wollte.

Ich werde in die Wälder hinüber gehen. Kann solch ein grosses Menschenbild nicht bestehen in dieser Welt, was tut's, ob ein verloren Mädchen unter den Weissen oder unter den Rotäuten oder in der Einsamkeit zugrunde gehtKlöster gibt's nicht mehr, aber der Urwald ist noch nicht besiegt, dort ist noch Raum zum Sterben.