1833_Laube_131_211.txt

ein Faden der Besorgnis abgerissen: den Gerichten nämlich ist es durch Konstantins Hinterlassenschaft klar geworden, dass er selbst der Täter war, und ein Mann gegenüber hat durchs Fenster die Katastrophe erblickt, aus Scheu vor Kriminalien aber lange sein Zeugnis zurückgehalten.

Ich bin gelöst von der zornigen Welt, und in den warmen Sommerabenden promeniere ich getrost über den Waldberg, welcher die Grenze bildet. Jenseits der Grenze steht ein kleines Jagdschloss, das hinabsieht ins weite Land, dort am Fenster steht jeglichen Abend ein Mädchen mit blitzendem Auge, sie lacht, sie tollt, ist witzig und munter, will Geschichten hören von da und dort, und kann still und weich sein, man sollt' es nicht glauben.

Der Vater sagt, wir liebten uns, ich muss zwar den Kopf dazu schütteln, aber ich gehe heute abend wieder hin.

So geht alles Sinnen und Trachten der Welt am Ende immer wieder in ein Handdrücken aus, in ein Streicheln der Mädchenwangeder unruhigste Kopf ruht am Ende aus auf eines Mädchens Schosse.

Hippolyt! Bleibt uns Bewusstsein für neue Welten, dann finden wir uns auf ein und demselben Sterne wieder, wir gehören zusammen, auch wenn wir entgegengesetzte Pole gewesen sind auf dieser Welt. Stirb wohl! Hippolyt! O wie natürlich ist der Wunsch eines Menschen, dass unsere Seele eine Erinnerung, einen Zusammenhang trüge in neue Zustände, wenn der Leib ausgespannt wird für immer. Was von Gott in uns war, jauchzte sich dann geläutert entgegen. Hippolyt, ach, ich kann's nicht in Worte ordnenstirb wohl!

16. Margarita an Valerius.

Neuyork.

Ich habe keinen Auftrag, Ihnen die nachfolgenden Papierstücke Hippolyts zu senden, aber ich weiss, dass er Sie stets seinen einzigen Freund auf der Welt genannt hat, ich gebe sie auf das Schiff. Sind die Wellen nicht lüstern danach, so nehmen Sie diese Schlussworte eines gewaltigen Menschen freundlich auf.

"Fürchterliche Enttäuschung! O fürchterlich! Mache starr meine Faust, Pluto, dass ich dieses Fratzenbild einer neuen Welt in Scherben schlage. Die Freiheit hofft' ich zu finden, und finde die bettelhafteste Armut, und neben ihr noch alle Frechheit der Armut. Gold haben sie und suchen sie, aber kein Leben; allen Reichtum des Menschen, seine Lust, seine Klage, sein Sehnen, seinen Feind, sein ewiges Herz, seine schaukelnden Gedanken, seine Titanengedanken, seine Wollust, seine Verzweiflung, den ganzen Roman des Menschen, um den allein es sich lohnt, morgens aufzustehen, abends sich niederzulegen, alles das haben sie jenseits des Meeres gelassen, davon sind sie frei, das ist ihre Freiheit. Auch das Tier ist frei von menschlicher sorge – o!"

"Jetzt fühle ich, was Tod heisst, zum ersten Male in meinem Leben, es ist ein giftiger Reif auf mein Auge, auf mein Herz gefallen, mein innerster Kern löst sich gähnend in Stücke, ich bin träumerisch, melancholisch, ich schreibe auf einzelne Papierstreifen, ich fliehe die Menschen und suche die Bücher, ich liege im verschlossenen Zimmer, und fürchte die natur; vor dem Meere zittere ich. Ich zittere, ich, Hippolytdie Spiegel habe ich zugehängt, um nicht zu sehen, wie ich vor mir selbst erröte."

"Der Kerl, welcher mir die Stiefel putzt, ein plumper, einfältiger Kerl, will behandelt sein wie ein Seigneurwohl hattest Du recht, Valerius, die gleiche Berechtigung haben sie verleumdet, indem sie die Gleichheit daraus machten. Und diese Schwarzen! O frecher Frevel mit der Freiheit! Als wenn die Bedienten Europas sich Geld gespart und sich einen Staat errichtet hätten! Was nicht auch Bedienter gewesen ist, heisst Aristokrat, wessen Antlitz anders gefärbt ist, der heisst Hund, wird mit Füssen getreten, zertreten. Alle Prosa Europas ist hier zur herrschaft gediehen; ich ersticke hier."

"Keine geschichte, keine freie Wissenschaft, keine freie Kunst! Freier Handel ist die ganze Freiheit, ein Gott von Pappe, in allerlei kleinen Buchbinderausgaben, ein Gott, dem man keinen Geschmack zutraut, weil man selbst keinen hateine neue Welt, welche von der alten nur ein paar Zahlen geerbt hat; was nicht Geld einbringt, ist unnütz, was nicht nützt, ist überflüssig! O schöne Freude einer edlen Bildung, warum habe ich dich mit Füssen gestossen, eine Kaufmannsschule, welche sich für eine Welt ausgibt, rächt dich an mir!"

Die übrigen Zettel sind im Trubel der letzten Tage verloren gegangen, hören Sie die Erzählung derselben zum letzten Andenken an Ihren Freund.

Ich kam auf demselben Schiffe mit ihm hierher, die Rache trieb mich, ihn zu vernichten. Auf dem Schiffe konnte ich nicht an ihn kommen, obwohl sich mir mehrmals die gelegenheit bot, ihn rücklings über Bord zu stossen; ich fürchtete mich vor ihm. Und hier, ach, hier wurde ich wieder Weib, der zerschmetterte Titan jammerte meine Seele, ich weinte hinter ihm her, wenn er einmal einen Spaziergang wagte. Die stolze Gestalt war geknickt, der wilde Kopf neigte sich auf die Brust, das schwarze Haar ergraute, das grosse, kühne Auge war verschleiert und suchte den Boden, seinem Lieblingstiere, dem mutigen Rosse, wich er scheu aus dem Wege. Ach! Es war ein trüber regnerischer Tag, als ich mein Herz so bewegt fühlte von Mitleid und Weh, dass ich zu ihm hintrat, meinen Schleier zurückschlug und sagte: Hippolyt, ich bin