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vielleicht ein neues Dritte zu erzeugen, und dieser Kampf ist unsere klägliche Zeit. Um so kläglicher, da niemand mit der geteilten Wahrheit seines Herzens offen herausgeht, jeder ein Geordnetes lügt, um sich selbst zu beschönigen. So seid Ihr alle beschränkte Menschen, weil Ihr furchtsam oder frech abteilt, Euer Herz hat keinen Mut gegen Euer Gedächtnis, die Besseren halten zurück wegen der Gesellschaft, und darüber verlieren sie ihr Wahres und Grosses; ich will mich aber nicht beschränken, darum werde ich ein Gott oder ein Ungeheuer.

Da meine Geduld und meine Kraft schwindet, so wird wohl ein Ungeheuer entstehen, Du magst recht haben.

Herrschen, herrschen! um dies eine Wort tobt aller Kampf der Welt. Ich wollte lieber ein Meer sein, als ein so grosser Ohnmacht sich bewusster Mensch; das Meer in seiner weiten Macht bäumt sich gegen eindringende Gewalten, heulend und schüttelnd ringt es mit dem Sturme, sich zerschellend stürzt es an das Gestein des Landes. Ich aber liege kraftlos auf Brettern und Balken, und wo ich sei, ich bin preisgegeben.

15. Valerius an Hippolyt.

Du gehst zu grab, Du gehst zu grab, Genosse meiner Jugendzeit! Du hast Dich allein in den Ozean geworfen, Dein Arm ist stark, Deine Kraft ist gross, aber wenn der Mensch allein mit den Elementen ringen will, da ist ihm der Tod gewiss, nur in der Gemeinschaft ist der Mensch mächtig. Weil er die Gesellschaft erfunden hat, ist er Herr der Welt, und Du höhnst und tötest die Gesellschaft. Ich habe Deine letzten Briefe aus England erhaltenDeine Tragödie geht zu Ende, Du raffinierst schon mit Tallon und Lord Henry nach Äusserungen des Herzens und Leibes; erinnerst Du Dich Lotarios in Wilhelm Meister, als er inne wird, dass eine Blutsverwandtschaft zwischen ihm und Teresen sei, erinnerst Du Dich, dass er flieht? Mag sein, dass andere anders empfinden, dass alles Ähnliche nur ein Zivilisationsgefühl ist; aber es will als solches geachtet sein, die Zivilisation muss Dich erschlagen, und wenn sie es nicht tut, so werden's die Rotäute Amerikas tun, denn auch sie sind eine Gesellschaft. Wo zwei Geschöpfe nebeneinander treten, da entsteht ein Verhältnis, und ein Verhältnis braucht ein Gesetz.

Ich bin traurig bewegt. Hippolyt, Du bist der letzte, an dem meine geschichte, mein Herz, mein Geist hängt, alles, neben dem ich geworden, ist zerplündert, verwüstet; Konstantin erstarrte und schied, William, der uns nie mit Wärme nah' getreten war, ist im kalten Hochmute ein einseitiger, unbedeutender Herr geworden, in welchem gar keine Welt sich entwickelt hat, Leopold blieb, was er war, ward, was er werden musste, ein Narr, sein Ende wird im Spitale sein; Joel, das schöne Herz, schachert, weil es die grausame Welt so haben will, die Weiber sind gestorben, verdorben, zerknickt, Du kämpfest den letzten Verzweiflungskampf mit Leben und Todich allein habe mich in ein grünes, stilles Tal gerettet; aber ich bin auch verarmt; mein Herz ist nicht erkaltet, aber es hüpft nicht mehr, kein blick, keine Hoffnung entzündet es mehr, ich baue mir eine neue Welt, wie traurig ist das! Die Menschen, die ich gewinne, wissen nichts von meiner untergegangenen Welt, sie sind neu für mich, die kennen nur den kahlen Valerius, der von vorne anfängt, die tausend Klammern gemeinschaftlicher geschichte fehlen uns, ich bin ein Besuch. Gott weiss es, wenn man nicht grosses Glück hat, so ist das Leben schwer, schwer.

Und doch bin ich still-heiter, wenn ich nicht Deiner gedenke, wenn ich nicht an Dich schreibe.

Mein Besitztum gedeiht, die Leute suchen mich, mein Haus wächst und seine Ecken werden weichja, Freund, ich gestehe mir's selbst, manches Philisterkorn fängt schon an in mir zu wuchern. Retten will ich, solange ich's vermag, aber die Ursache, die Ursache ist so herb, und ich fürchte, es ist ihr nicht mehr abzuhelfen: ich kann nicht mehr lieben! Jene Bewegung und Teilnahme, ohne dass gefragt wurde, warum? jenes Wachstum der Empfindung bei Tage und bei Nacht, dies Frische, Wogende, dies Heiss und Kalte, diese Überraschung unserer selbst, dies weit aufgehende, bis zu Tränen aufgehende Herz, der ganze Rausch eines stets interessierten Gemütes, alles, alles dies, es ist dahin!

Der rauhe Wind des Krieges, die dampfige Luft des Kerkers, sie haben das Herz verhärtet und verdumpft, ich muss mühsam erhalten, was sich gerettet hat, muss mich ins Kleine ziehen, um auszukommen. Warme Tränen fliessen mir seit langer Zeit auf das Papier, ich weine sie unserem Genie, das sich aufgebröckelt hat an einer feindlichen Welt.–

Das ist die Welt, sie führt alles zum tod, sie gab uns das Lächeln, es tut mir wohl. Bin überhaupt viel glücklicher, mein alter Kumpan, als dieser Brief ausdrückt, ich kann mich nur des Gedankens nicht erwehren, dass es der letzte sei, den ich an Dich schreibe. Über das weite Weltmeer bist Du in blutigem Groll von uns geschiedenman schlägt keine brücke da hinüber.

Nimm nun den letzten Strich zu dem Bilde meines Lebens, wie es sich wohl hier unter Linden und Kastanien zu Ende spinnen wirddenn nach aussen ist auch der letzte Faden,