in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungskarte in jenes Hotel erhielt. Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputierlichen Kleider beschäftigt, der gallonierte Bediente nahm sich schnurrig unter meinen Juden aus. Es war der letzte Tag meiner äusserlichen Anständigkeit, im himmelhohen Dachstübchen meiner jetzigen Höhe soll der geputzte Lakai mich schwerlich wiederfinden. Ich sehe hoch herab auf den steifen Berliner Jammer.
Tut mir nur den Gefallen, in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls mit prächtigen Ansichten auszustaffieren, sondern die G e s t a l t e n möglichst bedeutend zu machen – etwa von meiner Figur. Diese genialen Kerls, die bloss deshalb unglücklich sind, weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen können, sind mir im höchsten Grade zuwider. – Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe, um glücklich zu sein, wenn ich früh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe, da will mich oft eine Träne beschleichen und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge, aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur Hand und lese ihn mit starker stimme in die Morgenluft hinaus. Da kommt mir bald der Zorn gegen die jämmerliche Welt, die ihren Geburtstag vergessen hat, und wenn der Zorn erst kommt, da ist alles gut. Nach der Liebe ist er die edelste leidenschaft. Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen stube hin und her; denn der einzige Rest meiner Zivilisation, der mir geblieben, mein Mantel von Marengo, der mich Tag und Nacht schützt, erlaubt mir nicht, am Tage auszugehen. – Die Zukunft kümmert mich nicht; wären wir nicht alle zukunftskrank, so würden wir eine stärkere Gegenwart haben. Mache Dir alles Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges Übel – hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der notwendigen Übel errichtet, beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen, bis es mir wenigstens interessant und für eine Novelle brauchbar erscheint, ich würde wahrlich nicht so guten Mutes sein. Ich lache doch alle Wochen wenigstens einmal. Auch les' ich jetzt fleissig in der Bibel; ich will doch mit Vernunft über den Unsinn räsonieren, nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestört von einem Buch sich gängeln zu lassen, das unwissende Schüler einem grossen Meister nachlallten. Die "Menschenrechte" daneben geben die Glossen dazu.
Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grünschloss amüsieret mich sehr. Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten Novellen, die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen. Macht Ihr noch keine Sonette? Diese Dichtungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden. Man muss beim Sonett nur immer die Form in grösster Vollkommenheit voraussetzen und so wie die Färbung beim Gemälde, der Stein bei der Bildsäule Bestandteile der Schönheit sein können, wenn auch der G e d a n k e die Hauptsache bleibt, so ist's auch beim Sonett. Das äusserlich Glänzende verteidigt niemand weniger als ich, aber beim Sonett darf's nicht bloss dieses sein: den äusseren Glanz muss eben die innere Harmonie geben. William sagt gut: "Es ist eine Säulenordnung, wo jede Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung, klarem Verhältnis stehen müssen." Man mache hie und da, wenn es eben recht aufgeräumt im kopf ist, ein Sonett und sende es der Liebsten. – Das Sonett ist ein Weib, dies wird sich dessen freuen, es ist ihr ein Spiegel eigener schöner Zusammenstimmung, wenn das Weib anders eben Musik in sich hat. Ein Dichter, der n u r Sonette macht, ist ein weibischer Mann aus unserer Teetassenzeit. Sonette können schon wegen der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unserer inneren Wogen sein, das Eigentliche liegt auf dem grund, und wenn es heraufkommt, so ist es das Einfache, der Urvers, der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus ausspricht.
Dass ich nicht ins Teater gehen kann, tut mir leid. Bei dieser schalen mageren Welt sehe' ich gern die phantastische Tätigkeit des Traums. Was mir Valerius einst über N a t i o n a l i t ä t als Hebel der – namentlich der dramatischen Poesie sagte, stimmte mit meinen Ansichten überein. Ich glaube aber, dass alle Nationalität nach und nach verschwinden wird und dass dies ganz notwendig im Gange der Weltgeschichte liegt. Ich glaube nämlich an eine dereinstige Universalrepublik so fest wie an meine Fähigkeit, ein Glas an den Mund zu führen. Es wird und muss sich eine neue Zeit bilden, wir leben freilich in keiner, sondern in dem Zwischenraume auf der brücke zweier zeiten. Individualitäten, plastische Figuren, mit einem Worte, H e l d e n verschwinden, und an die Stelle der Helden tritt die M e i n u n g . Wir bereiten den Stoff zu einer neuen Ära der Poesie, welcher der voreilende Jean Paul teilweise schon angehört. In dieser neuen Weise können wir noch nicht schreiten, weil sie erst die Hälfte ihres Körpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Weltgeschichte hervorstreckt; die alte Weise kann uns aber nicht mehr genügen, eben weil die Ahnung der neuen schon in uns vorhanden ist. Daher finden wir von allen Arten der Poesie die meiste Befriedigung in der Musik, weil sie der Ausdruck halbbewusster Gefühle ist. – Nenne dies "Fieberphantasie eines tauben Musikers."
Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat