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, das störrisch und schlecht wurde nach wenig Wochen unter Hand und Schenkel eines pedantischen, hartdogmatischen Reiters. So trenset und kandaret Ihr Euch eine verbrecherische Tugend zurecht.

Ich hab's beschlossen, mein Fuss betritt den Boden Europas nicht mehr; gefallen mir die Yankees nicht, so geh' ich zu den Rotäuten der Wälder, dort wird es mir wohlgefallen. Sie haben wenig Kultur, aber darum auch wenig Verdorbene.

Nachts, wenn ich auf dem Verdeck umhergehe, schleicht hinter mir, vor mir, neben mir eine verhüllte Gestaltich habe nie begriffen, was Ihr mit dem Worte "unheimlich" ausdrückt, jetzt empfinde ich's; ich muss mir das vom Halse schaffen! Sie schleicht leise, fast unhörbar, dennoch erinnert sie mich an den ehernen Tritt des Komturs im Don Juan.

Es sind einige deutsche Auswanderer auf dem Schiffe; warum wandern sie aus? Lieber Gott, weil sie zuviel Kinder für den kleinen Acker haben. Über dies Abc der Staatsnot lässt sich nichts sagen; aber es sind, auch einige Robespierrianer mit uns, was wollen diese aus der Welt machen? Es ist ihnen nicht genug, dass gleichgemacht wird, es soll auch gleichgeschlagen werden: das Bäumchen, das etwas grösser, der Strauch, welcher etwas niedriger ist, als man's eben beliebt, das soll vertilgt sein, und sie hoffen auch, ihre Rechnung in Amerika zu finden. Sie erwarten es, ich erwarte esach, nein, ich erwarte nichts. Eure Revolution ist noch prosaischer als Euer Altes; was ich so von ein paar Probeexemplaren aus Amerika sehe und höre, das grinst mich an mit totem, gläsernem Auge.

Der Wind streicht frisch aus Europa in unsern Rükken, er ist meinem Herzen günstig. Heute morgen sind wir bei der grossen Bank angekommen, welche sich viele hundert Seemeilen nach Nordnordost hinaufzieht und den Amerikaseglern Gefahr droht. Es walten hier die dichten Nebel, wir fahren dahin in halber Nachtgibt's einen einsameren, grossartigeren Tod? In der Dunkelheit mitten im Weltmeere verschwindet man wie ein Atom. O kläglicher, kläglicher Zustand eines Menschen! Ein tyrannischer, weit fordernder, weit greifender Geist ist ihm gegeben, und ein Wechsel des Ortes reicht hin, dass dies geschöpf verschwindet, jach und unbemerkt!

Betrachte, wie unsere Welt verarmt ist! Das Mittelalter hatte seinen Teufel, seinen lieben Teufel, zu welchem die sogenannte Frechheit flüchtete; die Torheit und die Klugheit glaubte ihn zu sehen, er war ein Hilfsmittel, wenn die bekannte Welt mit ihren Gedanken und Kräften nicht mehr zureichen wollte, er war eine brücke ins Grössere, wenn auch eine brennende. Welch eine Anreizung wäre mir das, mich ihm zu verschreiben? Ihr vergesst solche Verhältnisse ganz und gar, weil Ihr Prosaisch nivelliert seid, Euer Titanenelement verwässert habt. Manchmal, wenn es in den dichten Nebeln dieses Meeres gar nicht Tag werden kann, sitze ich hier am Borde und schrei' in die Wasserewigkeit hinaus, ob es keinen Dämon gibt, der sich mit mir einlassen will; hier wäre doch wahrlich der Ort für einen wüsten, schweifenden Urgeist. Versuch' es, in totenstiller Nacht und Einsamkeit dem Teufel zu rufen, aber direkt in der Volkssprache zu rufen, mit klarer, verständlicher stimme: Teufel, hole mich! Es liegt eine Reizung darin.

Aber die wüsten wasser schweigen.

Der Kapitän hat Reisebeschreibungen, in denen lese ich. Da finde ich in der einen folgendes: Der Sultan war ein eifrig Gläubiger, und als er nach Jerusalem kam, und die grosse Moschee zum Gottesdienste einrichten wollte, wo der alte Salomonische Tempel gestanden, und wo der Christ gebetet hatte, da liess er die ganze Moschee von oben bis unten mit Rosenwasser abwaschen, damit kein Stäubchen übrig sei, das vom Christen verunreinigt wäre.

Von dem, was Ihr religiöses Moment heisst, mag nichts in mir sein, denn Ihr seid gewohnt, nur das also zu nennen, was mit Eurer positiven Überlieferung, mit der entsagenden zerknirschten Demut verbunden ist, und mein Bezug zur Gotteit ist ein forderndem, ein trotziger ist dasjenige, was die Griechen im Prometeus zusammendichtenaber jener Sultan ist mir recht. Hat man sich einen Gott charakteristisch gebildet und angekleidet, dann soll ihm auch kein Stäubchen vorentalten sein.

Aber Euer Glaube ist nicht gefasst, nicht geschlossen, schweift in Erklärungenwas ist ein Glaube, der erklärt wird! Und dazu mögt Ihr Euch noch wundern, dass eine Zeit in Verwirrung umhergeworfen sei, die weder eine klassische Religion, noch eben darum einen klassischen Staat, noch eine klassische Poesie hat! Für meinen blick gibt es nur zwei Seiten des Menschen, die Pole des Herzens, und darum zwei Ströme der Welt, um welche sich alles bewegt. Das ist die Selbstsucht und die Selbstaufopferung. Jene hat das ungeheure Altertum geschaffen, diese ist mit dem Christentume eingetreten und hat beinahe zweitausend Jahre geschichte erzeugt. Gegen sie hat sich ein dreister, neuer Geist erhoben, der halb von ihr, halb vom Altertume stammt, Philosophien haben sich gebildet, die auf eigenem fuss sich erheben, und eine Selbständigkeit neben der positiven Religion, in Anspruch nehmen, als selbständige Staaten mit ihr unterhandeln. Jede solche Philosophie ist unchristlich, auch wenn sie zu christlichen Resultaten kommt. Durch sie ist der Weltgedanke einer durchgehenden Selbstaufopferung erschüttert und nun mordet sich die Grösse des andern Prinzips, der Selbstsucht, wieder heraus, um neues Element zu bringen, und