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selbst nach allen Seiten, umsonst. Und ich wusste obenein, dass sie mittellos hinausgegangen war in die fremde, feindliche Welt, ich war in Verzweiflung. Ein Zettel allein auf meinem Nachttische war mir geblieben, folgender:

"Du hast nicht das Wesen, Valerius, ein illega

les Verhältnis zu ertragen, Du leidest, Du sollst

aber glücklich sein. Ich gehe, folge mir nicht, mein

Lieber, es gibt nichts Gutes für Dich, wenn Du

mich fändest. Meiner herzinnigsten, unverbrüch

lichsten Liebe für Zeit und Ewigkeit sei ganz

gewiss; suche Dir ein Eheweib, sie wird Dich be

glücken. Du schläfst fest, während ich dies schrei

be, ich küsse Dich noch einmal leise und schlucke

den Tränenstrom hinunter, damit er Dich nicht

wecke; dann geh' ich für immer. Bis an meinen Tod

will ich für Dich beten. Deine, ach, bis in die ge

heimste Faser des Herzens

Deine

Kamilla."

Wochen sind vergangen, alle Nachforschung bleibt vergebens.

14. Hippolyt an Valerius.

Auf dem Meere.

Der Tag zieht eintönig vorüber, die Nacht mit dem blitzenden Himmel steigt einmal wie das andere herauf, langsam und unmerklich entfernen sich die europäischen Sternbilder, das Meer rauscht und streicht, hebt sich und fällt einmal wie das andereich habe sie gewünscht, diese grossen Elementarverhältnisse der Welt, sie haben mich oft gestärkt. Auch sie werden mir einförmig und öde, Du hast vielleicht recht: ich brauche eine andere Welt, vielleicht da oben, auf dem rotblinkenden Mars, find' ich Genüge, in der Sonne selbst vielleicht find' ich Leben. Auch wenn sie drückt und brennt und die Menschen niederwirft, ist sie mein Gestirn, ich bin daheim, wenn sie da ist, ich liebe sie, selbst die versengende möchte' ich umarmen.

Groll und Galle und Wildheit bleibt in meinem Herzen, auch die Meereseinsamkeit hilft nicht dagegen; das europäische Land bleibt in mir liegen, ich sehe darauf hin, wie auf einen bewegten, schwarzen Ameisenhaufen, es zuckt mir in der Hand, eine hohe Woge zu fassen und darüber hin zu schütten, bis nichts übrig wäre als unbelebter Boden. Die Welt im ganzen ist anders gebildet worden, als ich sie haben Welt erfunden, eine Zivilisation, Ihr könnt nicht anders fertig werden, als wenn Millionen gekleidet sind einer wie der andere, denken, wünschen, handeln einer wie der andere, die Gleichförmigkeit ist Euer einziges Mittel des Beisammenlebensein trauriges, mordendes Mittel. Ich bin überzeugt, dass erst die unterste Klasse der Erdentwicklung erfüllt ist, wenn Ihr das klägliche Ziel erreicht, und alles unter einen Hut, unter eine Decke gebracht habt, dann wird die zweite, die bedeutendere Entwicklung beginnen, nach der ich schmachte, die Entwicklung der Mannigfaltigkeit, der Tausend-, der Millionenfaltigkeit. Dann wird jeder ein eigener Mensch werden, nach seinem Geschmack sich kleiden, nach seiner wirklichen Eigenheit reden, nach seinem echten Herzen tun, ohne dass der in der Einzelnheit ohnmächtige Haufe erschrickt oder Schaden leidet. Eure Menschheit ist eine Hammelherde, die gleichmässig blökt, dieser Begriff Menschheit ist mein Greuel; aber ich erlebe keinen neuen, Ihr habt für Jahrhunderte hinaus die Nivellierung gepachtet, Ihr revolutioniert gar für die Gleichmacherei, Eure Langweil' gähnt mich an wie das breite Wüstenmaul der Sahara, über welche zehn arabische Pferde mit abwechselnden Kräften jagen können, ohne ein anderes Ziel zu erjagen als den Tod. Ihr habt das prächtige Wort erfunden: "Leute" – Leute! darin liegt Eure Weisheit, Euer Glück! Wer zu den "Leuten" gerechnet sein will, der braucht nur einen Körper, eine Nase, einen Magen und das gebräuchliche zu haben, das reicht hin, er ist von den Euren. Der Starke muss schwach werden, der Schwache stark, was über das Fahrwasser hinausgreift, das ist des Todesheisse Sonne, verkohle mich, ich will des Todes sein, ehe ich in dieser Mittelmässigkeit fortvegetiere.

Habt Ihr's nie begriffen, dass es der fürchterlichste Vorwurf war, wenn Eure Poeten die Poesie da suchten, wo Ihr nicht wart, wo Eure Welt nicht war? Wenn sie idealisierten, eine poetische Welt erfanden, und Euch darauf Abonnementsbilletts verschafften? Ihr verderbt für Eure Zivilisation so viel Klugheit, dass Ihr Euch selbst in Euren Lumpen nicht mehr erkennt. "Fresst Staub, wie eure Muhme, die Schlange!"

Darum habt Ihr soviel Verbrechen in Eurer Welt, wie in der Erziehung eines höflichen Kaufmannssohnes alles verboten ist, und nur einzelnes ausnahmsweise erlaubt wird. Was wisst Ihr vom Verbrechen! Wenn wir dessen nicht mehr fähig sind, so hören wir auf, Menschen zu sein, werden Zahlen und Begriffe. In jedem Menschen liegt jedes Verbrechen, oder er ist kein vollständiger Mensch. Was erreicht Ihr nun mit Eurem Katechismus? Das Verbrechen flüchtet sich in Eure Tugend, denn die Fähigkeit des Verbrechens ist die Urkraft, welche Eure Gleichmacherei nicht leiten und richten, sondern töten will; das vermögt Ihr nicht, denn Ihr bleibt stärker, göttlicher als Ihr es wollt und begreift, die geknebelte Urkraft äussert sich nun gewaltsam, sie wird darum Verbrechen, sie wird Verbrechen, auch wenn sie zufällig in Euer Gesetz flüchtet, der streng Tugendhafte ist ein Verbrecher der Tugend und richtet mit der Tugend sein Unheil an.

Das geschieht, weil Ihr aus den ungeheuren Kräften des Alls lauter kleine Dorfschulmeister machen wollt. Ich habe manch sanftes und gutes Pferd gesehen