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Tales, der Besitz, ein Wort, das uns bisher immer unbekannt geblieben ist, rankt seine weichen, verführerischen arme um mich, und seine Macht ist im so grösser, weil ich ihn selbst erworben habe. Das Geschenk berauscht, das Erworbene beglückt und fesselt. Der Regen, welcher vom Himmel fällt, der Sonnenblick, welcher sich durchdrängt und einen Wechsel verheisst, sie haben jetzt einen viel wichtigeren Bezug auf mich, sie wirken zum Gedeihen meiner Frucht, sie bestimmen die jedesmalige Anordnung des Geschäfts, ich gehöre jetzt zur grossen Familie Gottes, welcher die Erde zur Verwaltung übergeben ist. Denen, die draussen sind, die umherschweifen lose über die besetzte Erde, bleibe die Spekulation die stürmische, ins allgemeine brausende, den anderen aber bleibe ungestört die nächste sorge, die Verteidigung des Ruhendenaus diesem Gemisch bilde sich die Welt weiter; aber es verachte mir keines das andere. Und kommt man auf meinem Wege zum Eigentume, so entweicht die Spekulation nicht, auch dem Ruhenden kreiset das Blut; aber sie geht in kleineren Schritten. Trotzdem arbeitet sie unablässig; lass mir den kleineren Schritt.

Bin ich furchtsam geworden? Du wirst es sagen; aber ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir einen andern Gedanken aufdrängt: der Mut lässt sich nicht als etwas Allgemeines aufstellen und verlangen; so wie das Verdienst und der Fehler bei jedem einzelnen ein eigenes sind, so ist auch der Mut für jeden einzelnen ein anderer. Wenn er hinausgeht aus der eigentümlichen Bildung und Anlage des Menschen, so wird er ein forcierter, ungedeihlicherich hab's mit Schrecken eingesehen. Höre:

Mein Haus und Land waren bestellt, ich konnte abkommen, bestieg meinen Klepper, um aus meinem Zauberkreise wieder einmal in die Welt hineinzusehen. Du baust dich vielleicht in einen Irrtum ein, sprach mein Geist zu mir, du befängst dich in Abgeschiedenheit, betrachte rasch die fremde Welt mit einem prüfenden Blicke. Einige Meilen von uns liegt ein Bergstädtchen, wo sich viele Strassen kreuzen, mancherlei Fremde zusammenfinden, wo ein reger Menschenverkehr sich bewegtdortin ritt ich, und siedelte mich an, um einige Wochen zuzuschauen.

Wen fand ich dort? Ich trat in eine kleine Gesellschaft, und an meinen Hals flog Kamilla. Die Leute guckten, steckten die Köpfe zueinander, verwunderten, fragten sich. Das arme Mädchen war zu einer Verwandten hierher geflüchtet und lebte still und anspruchslosda erscheine ich, der natürlichste Gedanke, dass ich sie aufgesucht, fliegt wie ein Frühlingswind durch ihr Herz; sie fragt nicht, sie beachtet nicht, sie liebt, das gute Mädchen!

"Du hast eine Antipatie gegen de Ehe," sagte sie; "Valerius, widersprich nicht, ich weiss es, sie soll dir nicht gestört werden, ich komme zu dir als deine Geliebte, ich will nie mehr sein als deine Geliebte, nimm mich auf! Was kümmert mich sonst in der Welt als deine Liebe, lass die Leute reden, lächle doch!"

Bin ich furchtsam, den Formen, dem Geklatsch unterworfen? Es scheint so, denn ich ertrug es nicht, dass man mit Fingern auf uns wies, dass die kläglichsten, ordinärsten Weiber ihren Stuhl wegrückten, wenn sich Kamilla neben sie setzte; Kamilla, ein Engel neben diesem Tross, Futter für Hebammenich sah das Nichts dieser Geschöpfe, wusste, dass sie keinen Begriff davon hätten, was blosse Form, was höhere, innere Wahrheit, was wirkliche Sittlichkeit sei, ich wusste alles, aber ich ertrug es nicht. Ich litt Folterqual für Kamilla. Sie, die Feinfühlende empfand es nur zu bald. Eines Abends waren wir in einem öffentlichen Salon, wo ein allgemeines fest gefeiert wurde, man setzte sich an eine grosse Tafel, um zu speisen, es blieben für uns an einer Ecke zwei Plätze leer, wir gehen darauf zu, eine ordinäre Kaufmannsfrau von der plebejsten Form und Gesinnung sitzt auf dem angrenzenden Stichle, sieht uns kommen, steht von ihrem Sessel auf, legt ihn um, setzt sich auf einen der beiden Plätze, die wir einnehmen wollten. Ich frage höflich, ob sie diese Stühle noch besetzen wolle. "Ja," erwidert sie mit lauter stimme, "ich will nicht neben einer Liebhaberin sitzen, dazu ist mir meine Reputation zu lieb." All mein Blut trat mir aus dem Gesicht, ins Herz zusammen, ich erinnere mich kaum, je eine solche Wut empfunden zu haben; ich fasste sie bei der Hand, dass ihr wohl hören und Sehen, wenigstens das Schreien vergehen mochte, zog sie in die Höhe, führte sie zwei Schritte hinter den Stuhl, und ihr sagend: "Madame, verkaufen Sie Bindfaden, und bleiben Sie unbekümmert um sonst etwas!" gab ich Camilla die Hand, und wir setzten uns. O dieser Zustand! Das ging nun wie ein Rottenfeuer um die Tafel herum, bald lauter, bald leiser, durchweg mit einem Ausbruch gegen uns drohend; alles sah auf uns, ich schlang Gift hinunter mit dem Essen, und die Rache, mir sonst so fremd, schrie in mir. Kamilla, diesen Engel, wie kannst du ihn rächen an der Brutalität des Packsje fremder diese Stimmung in meinem jetzigen Wesen war, desto verheerender tobte sie in mir umher.

Am andern Morgen war Kamilla verschwunden; der Torschreiber hatte sie mit einem Bündel unter dem arme bei grauendem Tage fortwandern sehen; ich schickte Boten nach allen Richtungen, ich jagte