gedieh die Frucht, und des Abends schwatzte der Bauer mit mir und liess sich erzählen und Ratschläge geben – es erquickte mich, die Macht des Geistes zu sehen, des unbefangenen Geistes, wie er sich abgesetzt hat in mir durch soviel Erfahrung und Gedanken. Es war mir Freude und Genugtuung, einen Erfolg solches unparteiischen, lass mich sagen naiven Geistes auf den Bauersmann zu sehen, ich sprach nicht in Kategorien, nicht im Jargon unserer Kultur, und es trat ein wirklich bildendes Verhältnis zwischen uns ein – was erkannte ich? Ach! Nach bestimmten Zielen rennt man, verfehlt sie und lässt die arme sinken; man glaubt, umsonst gestrebt und gewagt zu haben, aber der Anfall macht uns aufmerksam, dass wir zu einem ganz anderen Besitze gekommen sind: zwischen den Fugen, in denen wir uns bewegt, zwischen den Fingern, mit denen wir gerafft und nichts errafft haben, sind feine Sommerfäden hangen geblieben, Fäden, welche eine Verkündigung stillen glücklichen Sommers sind. Die Welt besiegt man nicht, aber einzelne Leitgedanken, einzelne Weisheit derselben siedeln sich unserer Seele an, und statt der herrschaft über das Ganze, nach welcher wir ausgezogen sind in Kampf und Streit, finden wir eine herrschaft über uns selbst, einen Aplomb unserer selbst, eine Entsagung, aus welcher heraus eine Macht und herrschaft unserem geist wächst, grösser und dichter, denn alle äusserliche.
Der Bauersmann erzählte seinem Herrn, welch einen Gärtner er gewonnen; der Herr kam, ich fand mit Leichtigkeit den höheren, richtigen Bezug zu ihn, ohne ganz meinen Charakter zu verleugnen, ohne das System aufzugeben, dass mir die Welt noch einmal von der Einzelnheit und von der Resignation aus zu erobern sei. Ich gefiel auch ihm, – die Fassung, das Verhältnis, in welchem etwas erscheint, macht ja alles; die meiste Beziehung, welche in der Welt existiert, ist ja in den ersten tausend Jahren der Welt aufgefunden worden, das Verhältnis, in welches diese Beziehungen zueinander gebracht werden, dies allein ist das Neue, das Reizende, ist die Aufgabe. So war denn der weise Gärtner dem Gutsherrn ein Wunder, ich musste aufs Schloss, musste einen grossen teil der Verwaltung übernehmen; mein Regiment über Obstbäume und den Bauer wuchs solchergestalt reissend, der Schlossherr, jung und wacker, hat es mir nach und nach über sich selbst eingeräumt, er weiss, dass ich kein Gärtner bin, dass ich eine bewegte geschichte habe, aber wir schweigen darüber. Die Polizei aus jenem staat drüben, die mich für den Mörder Konstantins und Juliens hält, soll mich nicht quälen, und ich will deshalb in der Stille bleiben. Diesem über mir schaukelnden Schwerte, das meine Bewegung bannt, sehe ich ruhig zu; früher allerdings hätte ich dies nicht vermocht: wer aber resigniert hat, ist viel stärker, als wer alles besitzt. Ein Durchreisender kann mich allerdings erkennen, denunzieren, aber ich denke, es wird nicht geschehen.
Meine Macht wollte noch weiter hinaus: der Gouverneur des Distrikts, von meinem Gutsherrn unterrichtet, liess sich mit mir ein, wollte mir ein gross Regiment anvertrauen; ich hab' es abgelehnt, weil ich dabei wieder in die Unsicherheit des offenen Meeres geworfen würde, und weil ich fühle, dass meine Kraft und Ruhe doch noch sehr jung und schmächtig ist; möge sie höher und breiter und möge ihre Rinde wachsen mit den Jahren! Fast berauschte es mich schon, wie dieser Weg des kleinen Schrittes doch so rasch und sicher zu grosser herrschaft führe; wer noch berauscht wird, der ist noch zu jung. Nicht wahr, ich werde ein Philister? 's ist nicht so arg: mancherlei Hoffnung, sogar mancherlei Überschwenglichkeit schlägt schon wieder die Flügel in mir. Wenn ich noch einmal lieben könnte, dann wäre alles gut; ich fürchte aber, diesen schönsten Keim haben mir die Nachtfröste verdorben.
Ein ganz verschwiegen Tal – freilich ist mir die Verschwiegenheit gar zu wünschenswert geworden – ein Tal mit der Ruhe und warmen Fruchtbarkeit des Paradieses habe ich aufgefunden, dort baue ich mir ein zierlich, heimlich Haus, ich bin sehr gut bezahlt und habe das Geld dazu, es wächst täglich und rundet und schliesst sich im freien Schatten dunkler Kastanienbäume, die für mein Sonnenherz eine grosse Spalte nach Morgen offen und frei lassen. Du glaubst nicht, was mir das für Freude gewährt, solch ein eigenes Besitztum zu schaffen, einen wunderbaren, ganz neuen Reiz. Ist's ein Egoismus, o lasst mir die kleine Sünde, ich stelle auch keine unbedingten Verlangnisse mehr an Euch, ich bin nicht mehr kategorisch, seid's auch nicht gegen mich! Wirklich die grösste Freude, Hippolyt! Heute habe ich sogar eine Spekulation mit gewagt, eine industrielle, die ich mit all meiner Erfahrung ausgerechnet habe; Walden, mein Gutsherr, sagt: "Wenn sie gelingt, so soll Ihr Gewinn das ganze Tal sein, wo Sie Ihr Haus bauen, und ich rüste Ihnen die Besitzung mit zwei Stück Stammvieh von jeder Sorte aus, von Pferden, von Ochsen, von Kühen, von Schafen, von Ziegen" – denke Dir, dann hätte ich eine ganz vollkommene Wirtschaft! Aus dem unglücklichen Weltreformator würde ein beschränkter Landwirt, dessen Besorgnis das Kalben einer Kuh wäre – spotte zu, ich bin gesund beschäftigt in diesem Treiben, und die grosse Welt in mir stirbt darüber nicht, o, sie ist so geschäftig im Kleinen!
Triumph! Es ist gelungen! Ich bin Herr meines