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Hippolyt.

Unsere Naturen schieden sich für immer: Du gibst auf eine grob sinnliche Weise so ganz und gar jedem Gelüste fraglos nach, dass Dir am Ende gar kein Unterschied mehr übrig bleibt von dem bloss Animalischen. Wenn die Bildung nicht eine gemeinschaftliche natur wird mit dem, was Sinn und Körper heischt und was der einschränkende und ordnende Geist zulässt oder gebietet, wenn sich nicht eine Ehe geordneter Art zwischen Leib und Seele bewerkstelligen lässt, dann hinaus mit dem Menschen unter die Tiere des Waldes oder der Wüste, er überhebt sich ihrer in keiner andern Weise, als dass seine Sinne vielleicht noch raffinieren.

Möge hie und da ein einzelner Mensch Deiner Gattung übrig bleiben, wie man für Wissenschaft und Kunst eine Urpflanze, ein Urgeschöpf aufbewahrt, um stets ein echtes Bild vor sich zu haben, wonach die Ausbildung geregelt werde; möge einem geist wie dem meinigen noch oft eine Erquickung, ein Spekulationswecker aufstehen in einem Menschen wie Du, in einem teilnahmsvollen Verhältnisse, wie zwischen unsaber die zivilisierte Welt muss Dich vernichten, wie ganze Gegenden ausziehen, um einen Wolf zu erlegen. Fahre wohl! Ich werde Deiner gedenken, und zwar mit einer Liebe, wie ich sie vielleicht allein auf der Welt für Dich haben kann, weil ich allein Deine innerlichste Menschenbedeutung erkenne.

Wundere Dich nicht, beklage Dich nicht! Wer keine Beschränkung duldet, der duldet auch keine Liebe; Du vereinsamst Dich für Deine Lust, und so wirst Du auch vereinsamt und vogelfrei für jeden Schützen, der auf Dich zielen will, so vereinsamst Du Dich auch zum tod. Fahre wohl! Ich sehe Dich einsam erschlagen am Meeresstrande eines fernen Weltteils liegen; Deine zornige Seele ringt sich mühevoll vom starken, widerspenstigen leib und stürzt drohend ins All hinaus, um ihre Verbindung mit der Gotteit zu suchen, ihre unmittelbare Verbindung. Armer Hippolytos! Das ist eben der tragische Mensch, dass er nur mittelbar der Gotteit sich bemächtigen kann, und es ist wenig Aussicht vorhanden, dass die Unmittelbarkeit gleich nach diesem Leben eintreten werde! Armer Hippolytos!

Jawohl, jawohl, wir haben uns einst alle erhoben für die Freiheit, aber die Freiheit für Zivilisierte ist nur ein freies Gesetz; ja wohl haben wir uns erhoben für den wahrhaften, echten Verkehr zwischen den Geschlechtern und gegen die lügenhafte Ehe, aber nur gegen die lügenhafte; wo in Wahrheit zwei Wesen in eines aufgehen, da ist eine Erfüllung des Menschentums gewonnen. Was mir eine Geliebte zurief, das bezeichnet für mich den wahren Standpunkt, sie sagte, den verehelichten Personen gelte der Kampf, nicht der Ehe.

Haltet die Ehe offen, wie der Herr des himmels seine Hand offen erhält für den wahrhaft notwendigen Wechsel der irdischen Welt, den Wechsel von Tag zu Nacht, von Schnee zu Blumen; schüttelt die Personen, welche durch Lüge mit dem Institute Frevel treiben, schützet diejenigen, welche von der Unwahrheit einer Verbindung gefesselt und zertrümmert werden, kämpft gegen und für die Verehelichten, haltet die Tür der Erfindung offen, doch vermengt damit nicht die Ehe selbst.

Aber, ist Dein Verhältnis zum weib etwas anderes als ein Krieg, ein Raubzug? Soll ihn das Weib guteissen, kann ihn der Mann loben? Du willst vom weib nur die Lust; das Weib kann aber auch ein Herz geben, eine Ewigkeit darin, und vergleichen willst Du nicht, weil Du's nicht brauchen kannst; Du vernichtest also das Weib.

Fahre wohl! Der Schrecken wird Dich ereilen in der freien Welt Amerikas. Dort ist die Freiheit ein Rechenexempel, und ein schlimmeres als das, um deswillen Du Europa fliehst. In einer durchwirkten alten Welt sind die Zahlen, dieser unpoetische Behelf, abgestumpft, und die Mannigfaltigkeit entschädigt für einzelnes Missfälligedort drüben in der amerikanischen Anfänglichkeit stehen sie noch nackt und einzeln da wie ein Pfahlwerk, das die Zeit überkleiden soll, und an diesem Pfahlwerke wirst Du gespiesst. Ein Rechenexempel, ein Pfahlwerk der Freiheit ist dem poetischen Gelüste viel unerträglicher als eine bekleidete, mit geschichtlichem Moos bewachsene Untertänigkeit; der blosse Begriff ist ein Rezept, die Gewohnheit aber ist eine Speise, und Speise braucht der Mensch. Fahre wohl!

Ich bin wirklich von Grünschloss nächtlicherweile ins Gebirg gewandelt und habe als Kohlenbrenner die Berge durchstrichen aufwärts und abwärts. Hier in einem abgelegenen Tale sass ich eines Morgens und labte mich an dem harten, schwarzen Brote, das in meinem Schnappsacke zu finden war; die Sonne schien, die Vögel sangen, mein Leib war gesundet und gekräftigt, mit ihm mein Geist, ich dachte damals: Ei nun, du bist ja nicht allein klug in der Welt, sie wird's so gut machen und besser als du, lass sie gewähren, glaube ihr, betrachte, sinne, dichte von neuem, aber im kleinen. Mit der grossen Welt bist du gescheitert, versuch's mit dem verjüngten Massstabe; harke die Erde, pflanze Kohl, wirke auf den Nachbar, suche das Nächste, wage dich nur langsam und äusserst vorsichtig mit dem Schlusse, mit der Forderung ins Allgemeine.

Da trat ein Bauer zu mir, der aus dem Holze kam, und grüsste mich; er fragte, ob ich feirig sei, und warb meine Fäuste und meine Tageszeit. Und zwar für seinen Garten, für seine Baumschule, wenn ich dergleichen verstünde, "denn Ihr seht mir", meinte er, "nicht so recht aus wie Feldarbeit." Ich verstand's, und es schickte sich gut: es