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es ebenso: von der Seite des liebenden und geliebten Weibes ward er zur Nachtzeit getrieben, und er flog nach der Abtei, und als ich nach einem Jagdausfluge von zwei Tagen zurückkehrte, da stand Mary hinter der offenen Fenstertür des Saales, auf der Steinschwelle, die über dem Meere hängt, ihr Samtkleid hing zerrissen an der einen Schulter, das Haar flog aufgelöst im Winde, sie sang Liederverse Opheliens, und mich kannte sie nicht mehr. Es war grausig, und ich entfloh zum zweiten Male.

Lord Henry ist nicht wieder gesehen worden in Altengland.

Ich habe sonst ein fatumhartes Wesen, ich kann arge Dinge sehen, wie sie die Menschen Unglück nennen, und sehr unbefangen dabei bleiben; für mich hat die Welt starke Nerven, weil sie ihr meiner Meinung nach notwendig sind. Wir sind wie Tiere in den Wald gesetzt und haben uns unserer Haut zu wehren. Aber es schauerte mich, als ich am Eingange des Eichenwaldes mich noch einmal umwendete, und die verödete Abtei da oben sah, das zürnende Meer dahinter hörte. Wie lag sie damals sonnenfröhlich da! Wir haben unsern Fuss hineingesetzt, und der Dämon ist auf unsern Schultern gekommenjetzt ist sie verwüstet.

Ich muss der Welt nicht mehr Gesicht zu Gesicht gegenüberstehen, denn wo ich hinblicke, richt' ich Unglück an, oder helfe es anrichten. Und wo kein Glück mehr ist, da ist der Tod, Glück ist eben das richtige Verhältnis. Ich hab's verlorenpah! ich muss doch weiter.

Mit welcher Mühe entrinn' ich der alten Lady, der verzweifelnden, über ungewisse Verlassenheit hinstarrenden Anna! So jung, so rot, so lebenswarm, so vertrauend, so hingebend, so schön, so gut, so lieb und so vernichtet! Wenn's mich rührt, Valerius, wie muss es sein!

Geht's nicht auch mit mir zu Ende? Ich erschrecke, ich fliehe, ich bedauerewie will das in mein Leben passen?

Sie verfolgen mich, diese unglücklichen Weiber, ich soll ihnen Auskunft geben, oder mit ihnen nach Auskunft suchen über Lord Henry.

Die stolzen, schweigsamen Ladys, diese schwarz gebundenen Velinbücher, welche die Sitte mit goldenen Spangen verschliesst, mit nördlichem Reife behaucht, und in denen morgenländisch glühende Märchen ruhen, sie betrachten mich kalt und scheu und neugierig. Diese Vereinigung im Blicke ist echt englisch. Um solcher Welt der Untersuchung zu entgehen, schliess' ich mich an die Genossen tollen Lebens, ich brauche eine kräftigere Bewegung, als sie das Nachdenken über unabänderlich Geschehenes bietetmanche Nacht sprangen wir durch die gaslichten Strassen hinaus in die Nacht, um ein Landhaus zu besuchen, wo eine fröhliche Wirtschaft gedeiht. Mädchen aus Afrika, Bajaderen aus Ostindien, verschlossene Amerikanerinnen, verschleierte Ladys, verlarvte Kinder begegnen uns dort, Prinz Heinz hat reizloser liederlich gelebt.

Es ist ein Mädchen dort, von allen die Perle genannt, die mich wunderbar fesselt, obwohl sie mir niemals ihr Antlitz zeigt; sie kleidet sich frei und prächtig wie eine Indierin, sie tanzt mit dem Tamburin zum Entzücken, alle übrigen haben ihr Antlitz gesehen und nennen sie schön zum Erstaunen, alle übrigen haben mit ihr geredet und finden sie liebenswürdig zum Berauschenmir nur zeigt sie ihr Antlitz nicht, mir nur gönnt sie kein Wort; aber sie sucht mich, sie hört mich, sie verständigt sich mir durch die reizendste Pantomime. Perle, du reizest mich zum Äussersten, erhöre mich auch, erfülle den Reiz! Sie schüttelt mit dem kopf.

Ich jagte heute allein hinaus und fand "die Perle" in einem mystisch beleuchteten Zimmer, wie es die deutschen Romanschreiber gern für Liebesabenteuer schildern. Umsonst drohte ich, bat ich, flehte ich sie, den verhüllenden Schleier vom Gesicht zu ziehen, ein Wort zu sprechen, umsonst. Aber übrigens war sie sanft, war sie hingebend, wiegte mich in süsse Verlangnisse, überschüttete jene Neugier mit Wollust. Als ich darein verloren war und sie verloren glaubte, raffte ich mich auf und riss ihr den Schleier vom hauptwen erblickt' ich und was erfuhr ich! Nur ein Moment blieb mir Freiheit, Margaritens schönes, aber tödlich drohendes Antlitz zu sehen, im nächsten Augenblicke hatte ich mit aller Anstrengung um mein Leben zu kämpfen. Sie hatte behend wie eine Schlange den leichten Schal ihres Halses um meinen Nacken geschürzt, sie schnürte ihn mit aller Kraft zusammen, um mich zu erdrosselnes war ein Ringen um Leben und Tod mit einem starken, wütenden Mädchen.

Als ich sie mühsam überwältigt und nach Luft geschöpft hatte, lag sie zitternd am Boden, zitternd von der gewaltsamen Anstrengung und vor Wut – "Du hast mich zur Bajadere gemacht," sagte sie halb erstickter stimme, "mache mich auch zur Leiche, oder ich werde dich verfolgen, bis ich dich erwürgt habe."

Ich eilte von dannen. Dies schreibe' ich auf einem amerikanischen Schiffe, das auf Wind harrt, um die Anker, zu lichten. Am Strande, von wo ich ins Boot sprang, sah ich von neuem Margarita, sie war es sicherlich, obwohl ein dichter Mantel und Schleier sie verhüllten, wer könnte sonst die Worte sprechen, die ich deutlich bis auf die kleinste Silbe vernahm:

"Wo du auch hingehst, meine Rache wird neben dir sein."

Versuch's, rachlustig Mädchen, durch den Ozean zu schwimmen. lebe' wohl, sanfter Deutscher!

13. Valerius an