, hinter welchem man sich niederkauern kann auf der schmalen Steinplatte, die draussen über dem Meere hängt; die Nacht ist dunkel. Er ergreift hastig diesen Ausweg und zieht die tür leise an sich, ohne sie ins Schloss zu werfen, denn wenn dies letztere geschieht, so ist er ausgesperrt, sie ist nur vom saal aus zu öffnen.
In dem peinlichen Momente, wo die Lady mit einem leuchtenden Diener den Saal entlang kommt, bemerkt er kaum die entsetzliche Situation, auf schmalem raum, ohne Anhalt dicht über dem tiefen Abgrunde zu sein.
Die Lady kommt bis an die Tür, schilt den Diener, dass man das oft Gebotene nicht beachte, hat die Tür nicht geschlossen sei, und drückt sie fest ins Schloss – der Rückweg ist ihm abgeschnitten. Die Lady geht in das Nebenzimmer, von neuem scheltend, dass auch dortin die Tür offen sei; der Diener beteuert, es sei niemand dagewesen.
Das Nebenzimmer ist der Lady Schlafgemach, die Kammerfrau kommt, um die Herrin zu entkleiden, also auch die Hoffnung schwindet, ein Fenster der Tür einzubrechen und dadurch den Rückzug zu gewinnen: das Geräusch würde die Lady wecken; mit Entsetzen wird er inne, dass auch die Kammerfrau in der Nähe schläft. Die Lady dürfte im äussersten Falle das Missliche erfahren, niemals aber eine Dienerin.
Es wird still im schloss, die Lichter verlöschen, aber dem reichen, stolzen Lord ergeht es hart: Wind und Regen machen sich auf vom Meere, sie überfallen ihn, der sich vor Frost kaum noch erhält. Unbeweglich muss er stehen – denn jetzt hat er sich wenigstens aufgerichtet – ein fester Anhalt ist nirgends, wie immer zieht die Gefahr wie eine Sirene, der ganze Körper will im wüsten Schwindel nach dem Abgrunde zu, er kommt aus dem Krankenzimmer und ist mit Leichtigkeit von Nachtluft, Regen und unbequemer Stellung vernichtet. – Er entschliesst sich, lieber selbst hinabzuspringen: der stolze freche Lord, der sonst die dicksten Taue des Menschenverkehrs ohne weiteres zerreisst, er ist von diesem Spinnwebfaden der Ehrensitte dergestalt umrankt, dass er eher sich, als einen Schatten Anstand seiner Wirtin opfern will. Dies sind Geheimnisse spezieller Zivilisation.
Ich kam spät nach haus, und weil ich kein Licht in Henrys Zimmer sah, so meinte ich, er sei zu Bett; es war mir willkommen, nun einmal nach mancher gestörten Nacht fest schlafen zu können, ich verriegle die Tür meines Gemachs und liege bald im tiefsten Schlummer. Henrys Reitknecht sagte mir am andern Morgen, er habe umsonst gepocht und gelärmt an meiner tür, da er seinen Herrn vermisst und bei mir Rat gewollt habe. Ich erinnere mich nur, einen Augenblick erwacht zu sein und mich beglückwünscht zu haben, dass ich bei dem Sturm und Regen, der an die Fenster schlug, im Trockenen und Sicheren sei.
Die Lust am Leben, welche allen Geschöpfen innewohnt und welche die grössten Empfindungen gemacht hat, trieb Lord Henry endlich auch zu einem Entschlusse und Versuche – das Pistol, welches er von seinem Zimmer mitgenommen, lag neben ihm auf der Steinplatte, er unternahm noch einmal das Gefährliche, sich zu bücken, und mit erstarrter Hand danach zu greifen. Es gelang, und er zielte nun mitten ins Schloss der Tür hinein, um sie aufzusprengen, und mit einem tüchtigen Rucke in den Saal, und von dort rasch, ehe jemand in den Weg treten könne, auf den gang, nach seinem Zimmer zu kommen.
Der Schuss versagte – Henry zwang seinen Sinn vor sich selbst zur Ruhe, zum Gleichmut, zog das Gewehr noch einmal langsam auf, drückte noch einmal ab, es knallte und krachte; es gelang.
natürlich geriet da oben alles in Bewegung, man stürzte hinzu, man fand das Unerklärliche, man mutmasste nach allen Richtungen – Henry, um alledem eine andere Wendung zu geben, warb am nächsten Morgen um die Hand der Miss Anna, entdeckte der Lady seinen wahren Namen.
Bestürzt und erfreut trieb sie zur augenblicklichen Reise nach London, damit dort die Hochzeit gehalten würde. Bestürzt war sie um Marys willen, die einst just vor Henry zu ihr gerettet worden war, erfreut war sie, weil Anna in glühender Liebe für den Lord brannte, weil ihr selbst der Schwiegersohn wohlgefiel.
Es war noch nicht Mittag, da fuhren wir alle gegen London, ich musste Harrys Bitten weichen, ich musste mit; denn Mary blieb zurück, weder er noch ich hatte sie wieder gesehen.
Später.
Seit der Zeit sind Wochen vergangen, das Ehepaar schwelgt in den Flitterwochen, ich konnte das charaktervolle Bild Marys nicht vergessen und ihre verzauberte Einsamkeit auf der Abtei; in einer Stunde des Gedankens daran warf ich mich aufs Pferd und ritt Tag und Nacht, hinaus nach dem Felsenschlosse. Jm wald vor dem Hügel liess ich das Pferd meinem Burkam in den Saal, Mary sass am Fenster und schaute ins Meer hinaus; das dunkle Haar hing aufgelöst über den blossen Nacken und das schwarze Samtkleid herab, sie glich einer Balladenkönigin, und hob staunenden Rufs ihre arme, da sie mich sah.
Das Kleid war schwarz, der Leib war weiss,
Die Hand war kalt, das Herz war heiss;
Sie wehrte, rang und küsste –
Es gibt Dämonen, die ihre Krallen tief herein strekken in die Welt, glaube' mir's. Sie schüttelten dies Weib selbst in meinen Armen, sie gönnten ihr keine Ruhe, kein Glück, in den Träumen rang sie mit Henry.
Und diesem erging