liebt offenbar mit aller sinnlichen Liebesneigung und Glut Miss Anna, er ist bezaubert von ihr, aber er schlägt die Faust darauf, dass es ihn selber zum Äussersten schmerzt, und – strebt nach Mary, durchaus nach Mary.
Später.
Es ist ganz so, wie ich sagte: er liebt Anna, aber er will Mary besitzen, durchaus, und sollte er sie aus den Wolken reissen.
Wir sassen des Morgens an der Fenstertür des grossen Saales, vor welcher ein schmaler steinerner Sitz überm Meere hängt und das tief tosende Element gleichsam verhöhnt. Mary sprach mehr als gewöhnlich, das heisst, sie sprach, denn sonst schweigt sie meistens; das entzückte Anna, denn Anna liebt sie zärtlich, und verheisst in der Leidenschaftlichkeit, mann einen Himmel von Feuer und Hingebung. Sie umarmte Mary mehrmals und war viel lustiger als sonst, die alte, strenge Lady war auch nicht zugegen.
Plötzlich stand Lord Roldan auf und führte mich auf die Seite, kühl und trocken also sprechend: "Mein Herr, Sie kokettieren mit den beiden Frauen, die mein sind, mein sein sollen –"
"Beide?" fragte ich lächelnd.
"Herr, Sie erlauben sich meiner zu lächeln?"
Item, er forderte wich, und gegen Abend bestieg jeder von uns allein ein Boot, jeder nahm drei wohlgeladene Pistolen mit, jeder überliess sich der stürmischen Brandung. Verabredet war's also, dass wir aufeinander schiessen wollten, so nahe als jeder imstande sei, mit Welle und Ruder dem Boote des anderen zu kommen.
Die Sonne schien klar, aber die See ging hoch, die Wellen warfen uns bald nahe aneinander, bald trennten sie uns weit. Gleichzeitig blitzten die beiden ersten Schüsse, einen Knall hörte im Wogengebrause nur jeder von seinem eigenen Pistol – wer getroffen wurde und des Ruders nicht mächtig blieb, der war unrettbar verloren.
Das Meer schleuderte uns auseinander, keiner wusste, ob die Kugel das Ziel gefunden, ich war unverletzt. Es dauerte lange, eh' wir uns deutlich wieder erblickten, Lord Henry griff nach dem Pistol und zielte wie ich. Die zweiten Schüsse fielen, ich sah, dass Lord Henry das Ruder entglitt und er in den Raum seines Bootes zurücksank, die hochgehende Woge fasste sein Fahrzeug und schleuderte es von dannen. Ich strengte alle Kräfte an, um es zu erreichen, damit er nicht das Opfer seines übermütigen Eigensinnes werde, denn bei aller feindseligen Betroffenheit davon liebe ich diese gewaltsame natur, und ich setzte mein eigenes Leben daran, um sie nicht dem wilden Elemente als Beute zu lassen. Aber meine Kräfte erschöpften sich, jener Zustand der Schwäche, der mir so verhasst, ist, trat ein, mein Geist schlug umsonst in den unmächtig werdenden Körper hinein – da beschämten mich die Wellen, sie warfen mir plötzlich Henrys Boot entgegen, ich sprang mit meinem Ruder hinein, und überliess meinen Kahn dem Meere.
Lord Henry lag blutend am Boden; ich band mein Taschentuch um die Wunde und legte ihn so, wie es am wenigsten schmerzhaft zu sein schien.
Wir lachten beide auf – um ein Nichts, um eine Kaprice vernichtet der Mensch den anderen! "Was soll mir aber das Leben," rief Henry, "wenn ich nicht damit schalten kann, wie es mein wechselnder Wille eben heischt; wer für das Leben sorgt, der lebt nicht, dem ist es eine Bürde; was ich bewachen muss, das ist nicht mein, und der eingeschränkte Besitz ist nur einer für die Knechte."
Wir waren nun aber weit ins Meer hinausgetrieben, und der Abend fiel dunkel herab, ich arbeitete, dass der Schweiss in Strömen über mich stürzte, die Sterne gingen auf, Henry ward totenstill, die Wunde musste in der kalten Nachtluft heftig schmerzen, aber er verriet es nicht mit einem Laute.
Ich brach zusammen, als ich das Boot endlich aus Ufer geworfen hatte, und es blieb mir doch noch die schwere Last Henrys, den ich bis ans Schloss zu tragen hatte. Er liess es nicht geschehen, und schleppte sich, auf meine Schulter gestützt, mit eigener Kraft.
Die Strenge der Umgangssitten in diesem land drückte schwer: Miss Anna verging vor Angst, den leidenden Henry nicht sehen, nicht pflegen zu können.
Ich verliess sein Zimmer nicht, einem Machtlosen will ich nichts streitig machen, ich sah Miss Mary mit keinem Auge; wir sprachen viel, sehr viel, besonders über die Schwäche der Menschen.
Als er soweit wiederhergestellt war, um im Zimmer umherzugehen, ging ich zum ersten Male von ihm, um in freier, rascher Bewegung Luft zu schöpfen, ich liess ein Pferd satteln und jagte umher bis tief in den Abend hinein.
Das hatte die wildeste Eifersucht von neuem in ihm erweckt: sein Gedanke war, ich könnte bei Miss Mary sein, er ergreift eine Waffe und eilt nach den Zimmern der Meerseite, wo die Mädchen wohnen, er dringt unbemerkt bis an ihre Gemächer, er hört Anna und Mary sprechen; sie sind allein; beruhigt schleicht er zurück in den Saal, da hört er vom andern Eingange desselben die Lady kommen. Um keinen Preis der Welt will er gesehen sein; die Tür nach den Zimmern der Mädchen hin ist noch offen, der Verdacht, die Indiskretion, dieser ganze Sittenbruch, ein Engländer empfindet ihn wie eine Todsünde. Aber es ist kein Ausweg übrig als durch die grosse Fenstertür nach dem Meere, sie ist einige Ellen hoch von bergendem Holze