1833_Laube_131_201.txt

geschichte. Wie arm seid Ihr dagegen! Wo nicht ein Lehrgedanke das Faktum, die Schilderung, die Begebenheit unterstützt oder gar rechtfertigt, da meint Ihr Unnützes zu treiben; das Törichte nennt Ihr Romanhaftes, darum besitzt Ihr auch den reinen Roman nicht, Ihn seid verdorben für reine, blosse Bilder, die nichts sein wollen und sein sollen als Bilder.

Wir wurden eingeladen, länger zu bleiben. Abends zum Tee erschien die Tochter: schlank, fein gefärbt wie der Pfirsich, mit langen Augenlidern und reichem Haare, zurückhaltend, aber naiv, ernstaft, mit aus der Tiefe durchschlagender Lustigkeit, kalt, aber mit durchfliegenden Spuren tiefster Innigkeit, so ist Miss Anna.

Später.

Wir sind noch immer hier. Lord Henry, der hier Engländer ist vom Scheitel bis zur Sohle, gefällt der alten Lady sehr, und Anna gefällt uns beiden, dem Lord ausserordentlich. Er sieht scheel dazu, dass ich sie gern habe, ich lache seine Lordschaft aus.

Später.

Hui! wir haben erfahren, dass noch eine Dame hier ist. Gestern abend bei klarer Luft liessen wir uns auf dem Boote in der Brandung herumwerfen, wir sehen beide scharf wie Falken und entdeckten am Fenster eine schwarz gekleidete Figur, die nicht die Lady, nicht Anna war.

Ohne weiteres sagten wir's, so harmlos wie möglich, bei unserer Rückkunft der Lady. Sie sagte ja, und des Abends erschien die schwarze Dame. – Henry fuhr vom Sessel auf; Miss Mary schauerte zusammen, sie ist jene Jugendliebe. Die alte Lady scheint nichts Sicheres bemerkt zu haben bei dieser Szene.

Dies schwarz gekleidete Mädchen macht einen wunderbaren Eindruck, sie ist bleich wie Schnee, kaum der Duft roten Blutes schimmert durch diese bleichen Wangen, durch diese weissen hände. Dunkles Haar und dunkle Augen heben wie der lebendige Grundton eines kühnen Schmerzgesanges die in schwarzen Samt gehüllte Figur. Sie ist kein junges Mädchen mehr, feine Züge des Leids schweben hin und her durch das zarte Antlitz, aber sie erhöhen die vornehme Tragik der ganzen Erscheinung, ich möchte sagen: sie reizen wie das historische Kolorit eines Romans.

Du weisst, wie sehr ich die Jugendfrische des Weibes allem späteren Reize vorziehe, welche gefülltes schönes Fleisch gewähren mögen, der Trieb ist mir ein Knabe, der das Wachstum noch vor Augen hat; die Reife ist der letzte Schritt vor dem Welken, der Herbst ist magisch, des Winters Tod lauert ihm auf der Schulter; aus des vollen Leibes lockender Haut sehe' ich die Falte lauschen, welche der nächste Erbe ist und nur von Unerfahrenen nicht gesehen wird. Nur die junge Form hat wirklich zeugende Kraft, gesunde sehnsucht, echten Drang zeugende; die erfüllte Form hat eine Mattigkeit des Beendeten.

Dennoch sehe ich mit einem schönen Gefühle dies wunderbare Weib Miss Mary, ich erkenne, dass ein Zauber dahinter ruht, der so mächtig, vielleicht mächtiger sein kann, als der Zauber junger Sinneswelt, weil eine Atmosphäre darum webt, die etwas haben mag von Kraft des erfahrenen Herzens, von Kraft historischer Welt. Dessen ward ich deutlich inne, aber gefährlich ist sie mir doch nichtDu würdest vielleicht sagen: Das ist eben dein Mangel.

Miss Mary sprach bei jenem ersten erscheinen sehr wenig, und ihre stimme wankte wie eine unsicher angeschlagene HarfensaiteHenry, der beherrschte Engländer, konnte nur mühsam den erregten inneren Sturm niederhalten.

Später.

Die Zeit vergeht, es geschieht äusserst wenig, und doch ist das Wort Langeweile ganz unbekannt, wir sind alle tief und rastlos bewegt, es drängen und murmeln tiefe Meeresströme unter den innersten Räumen unserer Welt, wie sie in der Wirklichkeit unten am Felsenabhange wühlen. Lady ahnt unklar Gefährliches, aber sie weiss nichts und wehrt in keiner Weise, und liebt Henry; Anna liebt ihn wahrscheinlich auch, und über Miss Mary schweigt alle Sicherheit. Zuweilen sah ich eine plötzliche Röte ins bleiche Antlitz treten, und ich meinte ein Wachtfeuer auflodern zu sehen, das den nahen Todfeind verkündet; dann fliegt ein Schauer über den zarten Leib, wie eine kalte Luft rasch durch den heissen Mittag fliegt.

Das ist ein dämonisches Verhältnis zu Henry: ich glaube, sie liebt ihn nicht, sie würde eher in meinem Arm weich und glücklich werden, so sagt es mir manchmal ein kleiner Strahl, der hinter ihrem Blicke ruht und selten von einem so geübten Auge wie das meine zu erkennen ist, so sagt es mir die elektrische Kraft, welche sich äussert, wenn ihr samtenes Kleid an mich streift, oder gar die schönen Finger wie ein Hauch an mich treffen. Ihre Hand ist wie ein prächtig Trauerlied voll melancholischer Lockung, das in weisse Seide, in köstlichen Stoff gebunden ist, ein wollüstiger Schmerz lockt aus dieser weissen Hand.

Weisst Du es nicht, dass die ursprüngliche Neigung Hand und Locke des schamhaften Mädchens treibt, flüchtig wie ein Gedanke aber wirklich den Geliebten zu berühren? Sie weiss es nicht, unbekannte Mächte tun es.

Aber das dämonische Verhältnis zu Henry wird nach aussen stärker sein, es schliesst die starken Ketten immer fester um sie, sie schauert, aber sie kann sich nicht wehren, die hände sinken, sie stürzt ihm in die arme, von dem sie weiss, dass er ihr Verderber. Du wirst es sehen.

Und Henry! Demselben Dämon ist er unterworfen, und ein ebenso schlimmer, der englische Eigensinn, eine Macht über Tod und Möglichkeit hinaus, schliesst sich an, und macht das tolle Verhältnis zum Verhängnis. Henry