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werden. Meine Gage ist noch klein, aber der Direktor meint, wenn ich so fortstrebte, würde sie wachsen. Sobald mein Musikhimmel in Lettern steht, sende ich Dir ein Exemplar, die Druckerei scheint sehr langsam zu arbeiten. Ich lege Dir ein Rezept bei zu Cotelettes à la Dejanira, sie sind eine superbe Speise; denke dabei an mich. Adieu, millionen-, myriadenmal Adieu!

12. Hippolyt an Valerius.

Sie haben hier in England so starre gesetz der Religion und Moral, dass die Ausnahmen nirgends besser schmecken; und das junge Geschlecht ist hungrig und durstig; das Gesetz ist einmal der Tod für alle Jugend; wenn die Wildheit Gesetz wäre, ich glaube, wir lebten dann des Gesetzes wegen zahm.

Unter dem Kreise, mit welchem ich mich in Tollheit herumbewege, zeichnet sich mir ein Lord Henry aus, von dessen Landsitz ich Dir schreibe. Wir sind zur Jagd hier und zum Ausruhen von den Mühen des Vergnügensüber die saftgrünen weiten Hügelflächen jagen wir hin mit dem Morgenwinde, welcher den Nebel jagt, die langgestreckten Pferde weifen dahin, als hätten sie Atem und Kraft der Götter; das Wort Gefahr spricht niemand aus; wer stürzt, möge sich helfen, der Jockei und die Hunde wissen auch nichts davon. Der Körper streckt sich und prustet Frische in diesem zehrenden Klima, die Leiber sind hier lang aufgeschossen, die Hautfarbe ist klar und fein und rot behaucht, und es ist zum ersten Male, dass mir diese weissen Menschen nicht unkräftig erscheinen.

Lord Henry ist solch ein langer schmaler Engländer mit schweigendem länglich englischem gesicht, das so schöne Ähnlichkeit mit dem kopf des hiesigen Pferdes hat. Er ist still und verschlossen, aber was heraustritt, ist so energisch wie ein donnernder Windstoss aus übrigens ruhender Luft, sei es Meinung, sei es Empfindung. Das ist überhaupt ein Wort Eurer Sprache, welches ich liebe, Empfindung; statt dessen sprecht Ihr immer von Gefühl; kann sein, dass ich Gefühl nicht habe, aber Empfindung hab' ich. Es soll eine vulkanische Vergangenheit unter Henrys schweigender Oberfläche und deren geschichte ruhen, wenigstens erzählt man so; an ihm selbst ist nichts zu spüren: wenn er das Berührende findet, so steigt der Anteil und Drang in ihm auf wie ein kochender, gewaltiger Strudel; wenn der Jockei ein humoristisch Verhältnis trocken schildert, so lacht er tüchtig. Er soll zu einer nahen Verwandten in früher Jugend liebend entbrannt gewesen sein und wie ein Berserker alles beiseite geworfen haben, was im Wege stand; donnerndes, blitztreffendes Durcheinander wird da erzähltdas Mädchen sei aus der Welt verschwunden, niemand wisse wohin.

Ich weiss, dass ich Dir ein Greuel bin, wenn ich diesen Punkt der Verwandtschaftsliebe anrühre; Dir ist sie ein Zivilisationsfrevelich habe nie Empfindungen, deren Ursprung in der Zivilisation ruhte, vielleicht hat sie kein kräftiger Mensch, der nicht auch seine Nervenspitzen bis zur Furcht und Artigkeit erzogen hat, und meine Empfindung fragt nicht danach, aus welchem Schosse das Weib stammt, welches mein Auge liebt, mein Arm begehrt. Was taten die alten Völker, wo es an Menschen fehlte? Hatten sie solche Skrupel? O nein, selbst die sanftesten nicht. Hat mein Herz nach den Listen und Tabellen der Übervölkerung zu fragen? Die Griechen brandmarkten nur die Umarmung der eigenen Mutter, jedes Volk hatte seine individuelle Idiosynkrasie, ich, der ich keinem allgemeinen, also auch keinem volk mich füge und keiner einzelnen Sitte eines solchen, ich empfinde keine Idiosynkrasie, was gehen mich Eure Formeln an! Und ich glaube Lord Henry denkt ebenso.

Morgen machen wir eine Tour zu Pferde durch die Provinz.

Später.

Gestern vormittag kamen wir an den Ausgang eines Eichenwaldes, die Sonne spaltete den Nebel, ein stattlich Schloss lag auf dem Hügel vor uns, aus der gotischen Bauweise stammend, aber glänzend erhalten, dahinter donnerte die Meeresbrandung. Lord Henry rief einem Reitknecht zu, vorauszujagen und einen Besuch des Lord Roldan zu melden. Dies ist Henrys Name nicht, ich sah ihn fragend an. "Die alte Lady da oben", sagte er, "hasst meinen Namen und mich, ich höre es gern, wenn ein Todfeind von mir redet, ich von der alten Abtei da oben soll entzückend sein, wir reiten eben vorüber, warum sollen wir nicht ein Stück Rindfleisch da oben essen? Auch soll die Lady eine schöne Tochter haben, man sagt's, denn von uns hat sie niemand gesehen, die Alte kommt seit zehn Jahren nicht nach London."

Wir wurden in die grosse steinerne Halle zu Tisch geführt; ich denke hier fortwährend Walter Scotts, man sieht durch hohe Bogenfenster weit ins Meer hinaus, seitwärts auf grünes oder waldiges Bergufer. Das Schloss ruht von dieser Seite auf einem Felsen, der senkrecht aus dem Meere aufsteigt, das Wogenbrausen ist eine Tafelmusik des ewigen Elements, dessen Wellen ab und zu gehen zwischen den Erdteilen dieses Planeten.

Die alte Lady ist eine hohe, vornehme Frau, höflich wie ein Buch, nicht mehr sprechend, als die strengste Zensur einem buch erlaubt hättesie kam allein, wie wir erwartet hatten; wir waren sehr artig und bescheiden und sprachen über Walter Scott und dessen Romane. Es ist reizend, wieviel unbefangen romantisches Interesse in diesen Engländern lebt: jede erfundene person einer geschichte, jedes Wort, das diese spricht, jede Wendung, welche die Sache nimmt, alles findet hier den freundlichsten Boden, findet und weckt den Reiz einer