ein Physiognomiker, der Charaktere studiere und bei den interessantesten natürlich am längsten verweile.
Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrängt. Desdemona kam wieder und sendete mir befruchtende Lichtstrahlen, die Fürstin erwärmte wie Maiensonne. Ich habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende. Der Fürst kam dazu und wollte meine Familie und ihren Stammbaum in Spanien kennen, er schwatzte viel unnützes, genealogisches Zeug; ich versicherte ihm, dass ich ein Bastard, von einer armen Baskin geboren, und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem jetzigen Namen beschenkt sei. Er lächelte, meinte, ich sei ein schnurriger Kauz, und ich solle ihm meine Aufwartung machen. Die Fürstin warf dazwischen, ich würde wohl keine Zeit haben; der Fürst fragte, womit ich mich beschäftige. Ich dichte, antwortete ich. Sonst – fuhr er fort – sonst, nahm ich seine Rede auf, studier' ich die chinesische geschichte, wegen der schwierigen Stammtafeln. Sie sind Historiker? – Nur mit dem interessantesten Teile der geschichte, mit der Genealogie und Heraldik beschäftige ich mich. Jetzt schien er's zu glauben, nur die Fürstin schüttelte leicht das Köpfchen und lächelte. Ich weiss alle guten Familien von Nebukadnezar herunter – fuhr ich fort. "Hatten denn die Alten auch Wappen?" – O ja, sie trugen sie an den Schwertknöpfen und die Urvölker an den Häuptern, über welche sie Tierhäupter zogen. "Was halten Sie von Shakespeare und dem Otello?" warf die Fürstin dazwischen. Wenn ich eine Frau wäre, entgegnete ich, würde mir die Desdemona nicht gefallen, weil sie der ausgeprägteste Typus von weiblicher Ergebenheit ist, und ich hasse als Mann die Ergebenheit; sie ist wie ein rührendes Lied; man muss das Lied lieben, ich liebe aber auch gern den Dichter des Liedes. Vom Dichten ist aber nichts an ihr, sie ist nur gedichtet, sie ist durch und durch Passivum – sie ist nur Träne, darum ein reizendes Weib; der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Träne. Sie ist zum Sterben, zum Vergehen liebenswürdig, der Mann braucht aber weniger Todesmut als Lebensmut; Sterben ist leichter als Leben. Aber sie ist so verführerisch weiblich liebenswürdig, dass man mit ihr sterben möchte, und dies ist ihr einziges Unrecht. Ihr Vater, Shakespeare, aber ist ein braver Mann. – "Ein wenig roh," setzte der Fürst hinzu. – Beefsteak, Durchlaucht, Beefsteak – und die natur ist nicht für alle anständig, der Herrgott hat die Etikette nicht erfunden. Der Mann mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug, ich sagte ihm noch dreimal, dass er recht habe, dann schwieg ich, legte mich an den Pfeiler und litt mit des Mohren Weib. Zwei Striche für Jago, und er ist der stärkste Engel. Shakespeare hätte den Raffael übertreffen können, der mit zwei Strichen Weinen in lachen verwandelte. Es ist die fürchterlichste Potenz von menschlicher Kraft in diesem Jago – Shakespeare muss ein starker Mensch gewesen sein, sonst hätte er nie einen Jago zeichnen können. Es ist die verzeihlichste Schwäche, einen grossen Menschen anzubeten, ich verzeihe darum gern der Welt die Tändeleien mit dem dogmatischen Christentume – wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte, so würde ich seine Füsse küssen. O Gesundheit! du Seele der Welt, warum hast du die Poeten verlassen? Ich danke der geschichte nur für zwei Bücher, die sie gerettet, für den gesunden Homer und den gesunden, strotzend gesunden Shakespeare.
Alles war tot; ich vergass das Fortgehen. "Ich hoffe Sie mehr zu sprechen" – hörte ich neben mir und gewann kaum Zeit, der fortrauschenden Fürstin mich zu empfehlen. Die Nacht und den andern Tag hatte ich für niemand Zeit. Shakespeare war bei mir, ich hielt Tür und Fenster verschlossen. An Desdemona hatte ich viel geschrieben. Am zweiten Morgen hatte ich die schönsten Antworten. So hatte ich mir das reizende Weib gedacht, jede Zeile war Poesie, war Herzblut. Aber ein resignierendes Opfergeschöpf war sie und blieb sie wie Otellos Weib. Ihre Liebe versprach eine grausame Wollust zu sein. Die Keime des Todes streckten ihre Spitzen aus jedem Gedanken. Ich fühlte ein inniges Erbarmen mit ihr und konnte sie nicht sehen, sie verlangte es auch nicht, aber wir schrieben uns fleissig. Ihr Mädchen, das mir die Briefe brachte, hatte einmal auch das kleine liebe Kind mit sich, ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zimmers mit dem kleinen Dinge. "Du bist wohl ein grosser Herr, meine Mutter erzählt mir, dass du mit der Prinzessin sprichst," lallte das kleine harmlose geschöpf und erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachteil, dass ich noch nicht bei der Fürstin gewesen.
Ich fuhr hin, das schöne Weib tat anfänglich stolz, sie war verletzt durch meine Nichtachtung, Ungezogenheit. Sie ist klug und sehr unterrichtet. Wir sprachen über unsere Literatur. Das Gespräch wurde warm, ja, es ward üppig, als wir auf Goetes Elegien kamen. Es überraschte mich äusserst angenehm, ein Weib so ganz ohne Prüderie zu finden; sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem Entzücken über die Darstellung jener italischen Szenen. – –
Eben empfange ich Deinen Brief, erlaube, dass ich ihn erst lese, ehe ich weiter schreibe.
12. Konstantin an Hippolyt.
Frag doch einmal den Valerius, welche Bewandtnis es mit seinem letzten Billett habe, das mir aus einem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist und