ist das freie England. Ordinäre bürgerliche Verwaltung, darin sind diese guten Leute und schlechten Musikanten zu haus, darin sind sie unbefangen, dreist und frei wie kein Volk auf der Welt, darauf haben sie sich eben beschränkt, auf dies Nächste, Hausbackene, dafür und für alle Entwicklung der Art seien sie Euch vorsichtigen Schritt für Schritt weiter Tappenden meinetalben ein Beispiel. Mir sind sie unausstehlich, mich interessiert das grosse Gedicht der Freiheit und Schönheit, nicht das Abc derselben; ich kann lesen und singen von der Grösse und Lust des Menschen, und will nicht warten, bis es Millionen beschränkten Volkes auch gelernt haben.
Und nun diese Lüge bei aller Prüderie und Moral! Diese Eroberungen Englands in andern Weltteilen, diese unmoralischen Ansprüche, mit Blut, mit Strömen Blutes verfochtenen Ansprüche auf Amerika, diese ganze auswärtige Politik des allertrivialsten kaufmännischen Vorteils mit lächelnder Hintansetzung alles Prinzips, verwünscht seist du heuchlerisches, puritanisches Albion, meiner Seele ein Greuel! Ich hatte es vergessen, dass du den gewaltigen Napoleon echt puritanisch ins Grab geärgert hast, dass Hudson Lowe dein Sohn ist, dass deine Grösse ordinärer Egoismus war für und für – o, fort mit der Feder! Du sagtest einmal zu mir, ich müsse gar nicht über Nationen und deren Freiheit reden, denn ich hasste im grund jedes Gesetz, weil es geniere, ich wollte Zügellosigkeit – meinetalben! Warum genieren all Eure gesetz? Warum ist mit mir kein Staat möglich? Warum seid Ihr so arm! Erfindet! Erst wenn Ihr einen habt auch für den ärgsten Unband, dann will ich Euch preisen, dann seid Ihr wirklich zivilisiert. Die weiteste Förderung muss in den Staat aufgenommen sein, nicht bloss die kleinste.
Ach, Valerius, wie sprech' ich's aus? Ich werde immer ungeduldiger, immer zorniger; hätten nur all die Hindernisse, die mich beengen, einen Schädel, und wäre er von Eisen, ich rennte dagegen, wenn auch der meinige zerschellt würde, so ingrimmig werde' ich Tag um Tag. Ich tobe, dass ich nur immer Einzelnheiten fassen kann.
10. Hippolyt an Valerius.
Meine Unzufriedenheit mit England schliesst jedoch meine bereitwilligste Anerkenntnis der einzelnen Engländer nicht aus. Ich finde die Personen von einer ausserordentlichen Tüchtigkeit und Potenz, ich habe nie solche feste, in Mut, Charakter und Kühnheit gehärtete Menschen gesehen, oder richtiger – bei genauer Betrachtung erkannt als hier. Diese dichten, gefesteten, stählernen Innerlichkeiten, Herr des himmels, welch ein Reich der Titanengewalt hätten sie aus diesen Inseln gemacht, wäre die Nation nicht eine kaufmännische geworden – der Kaufmann ist und bleibt ein geborener Feind des Poetischen, des Genialen. Der Genius unseres romantischen Wunsches hat niemals Prozente gesucht und Wechsel ausgestellt. Die Engländer haben aus dem Handel das Grösste gemacht, was daraus zu machen ist, sie haben ein Netz über alle Erdteile und alle Ozeane geworfen, aber der Handel selbst ist ein Erwerb, ein Kramgeschäft, sei er noch so gross, die uneigennützigen, die grandiosen Bewegungen der menschlichen Seele, die Götter der Menschheit haben nichts damit zu schaffen.
Wenn der Engländer heraustritt aus seinem Bannkreise der engen Sitte, des engen Glaubens, so ist er auch der grossartigsten Frechheit fähig. Wer nicht frech sein kann, der ist auch ohne Gewalt, das Ausserordentliche wird immer den Göttern geraubt; die Griechen hatten ihren Prometeus, wir nennen es eben darum das Ausserordentliche.
So haben die Engländer die Republik erfunden, welche das schreckende Beispiel eines Königsschafottes gab, welche Cromwell mit Krallen zeugen und erziehen half, welche England heute noch besitzt, welche die ganze stürmische Welt der modernen Politik geweckt hat, und in Albion selbst nur prosaisch niedergehalten ist durch ihre Geburt aus dem dürren Puritanismus, durch ihre Verheiratung an den Kaufmann. Diese moderne Republik ist innerlich die frechste Forderung, sie heischt Genialität jedes einzelnen.
So haben die Engländer das Meer bezwungen, sie haben die tausend und abertausend Lords geschaffen, deren jeder die Souveränität eines Imperators in sich trägt, uneingeschränkter Mensch sich fühlt ganz und gar.
Sie haben Shakespeare gezeugt, der als ordinärer Schauspieler die Poesie des Universums an seine Brust riss, sie haben Gibbon gezeugt, der das Christentum verfluchte, haben Chesterfield gezeugt, der die Tugend mit der Klugheit zerdrückte, Shellei, der Gott leugnete mit einen sanften Herzen, Byron, der die Gesellschaft schlug mit Fäusten, welche von Ambra dufteten.
Noch heute findet man Riesenpotenz im einzelnen Engländer, noch heute ist mitten in dieser Stadt Old Bailei, der Aufentalt allerfrechster Gemeinheit, beiläufigen Mordes, unbezwungen. London hat soviel Freudenmädchen, wie ein deutsches Herzogtum Einwohner, und darunter die schönsten und die gemeinsten der Welt, noch heute findet man in England neben dem vernünftig berechnenden Kaufmanne die grossmütigste, erschütternd unbefangene Anerkennung des Ungeheuren, Teilnahme am Verwegensten – mit einer Rakete bis auf den Mond geschossen zu werden, mach' es möglich, und ein Engländer klammert sich kaltblütig an Deinen Raketenstock.
Fähnrich, es ist etwas vom Geschlechte des Tantalus, das mit den Göttern frech verkehrte, im Engländer, was meine schlaff werdende Seele, welcher nichts grosses mehr zu Hilfe kommen will, wunderbar schwellt – ich verkehrte mit einigen Lords und Baronets von dieser Weise, und mitunter schreit mein alter Mensch noch einmal auf in Jauchzen und Genüge.
Ich lege Dir da ein Brieflein Leopolds bei, das er mir mitgeschickt hat, sieh' zu, wie es Dich anmutet, mir wird die Faselei unausstehlich.
11. Leopold an Valerius.
Nach langer