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Schultern und wendete sich lächelnd zu mir: "Ich danke sehr, Monsieur, für Ihre Artigkeit, grüssen Sie Margarita und schlafen Sie wohl!"

Du siehst, mein Leben geht zu Ende, und ich habe alle Ursache, desperat zu sein. Ich kenne keine andere Existenz, als eine vom Glück getragene, vom Genuss beschwingte, darauf ist mein Leben gestellt. Was wollt Ihr von mir, wenn Ihr von Treulosigkeit redet! Solange mein Herz treu ist, bin ich es auch, Desdemonen wäre ich's vielleicht für immer gewesen, Julien sicheres hat sich anders gefügt, soll ich die Treue lernen? Ich bin zu alt und zu wild für die Schule, ich kann sterben aber nicht darben. Und dies flatterhafte Paris will mich höhnenich kann Nero begreifen, wie er einer Regung zu Dienst eine ganze Stadt anzünden lässt. Ich hatte keine Zeit, den Kleinen noch einmal in St. Pélagie zu besuchen, jeder muss selbst sehen, wie er sich hilft, die Welt ist ein Kampf. Der Junge wird auch langweilig, er hat sich teosophisches Zeug in den Kopf gesetzt und mystische Redensarten; wenn er so fortfährt, ist er in kurzem fromm.

Und nun bin ich hier, und wie befinde ich mich? Sage mir um Gottes willen, was habe ich für eine idee von Freiheit? Die britische soll die freieste Nation der Erde sein, und ich werde des Teufels bei dieser freiesten Nation. Ist das alles, dass ich nicht leicht verhaftet werden, dass ich drucken lassen kann, was ich will, und dergleichen? Ist das die Freiheit? Kann man in Sachen der Religion und Moral bornierter sein, als man hier ist? Die Poesie des kirchlichen Glaubens haben sie mit Mühe ausgetrieben, wie der Exorzist einen Geist austreibt, und das notwendige Übel aller Religionen, den Priester, der sie zum Handwerke macht, haben sie in allem Pompe und aller Anmassung beibehalten! Unter einer prächtigen Kristallkuppel, die mit Gold und Edelsteinen dekoriert ist, bewahren sie eine graue, traurige Luft. Und was nicht unter diese Kuppel will, die Millionen Dissenters, welche sich in Sekten von der bischöflichen Kirche getrennt, sie sind ebenso aschfarben und traurig. Und für diese phantasie-entkleideten, mageren Dinge, für diese leidenschaftslosen, öden Formeln herrscht ein tyrannischer Fanatismus, wie ihn die Puritaner für ihr Holz und ihr Leder nur haben konnten. Die Puritaner hatten aber doch wenigstens den Kampf für sich, den Kampf auf Leben und Tod als Vermittlung zum Fanatismus; jetzt erhitzt man sich förmlich nur für die dürre Rute. Und dies ist Atmosphäre des ganzen Landes, des freiesten Landes von Europa, das mir entgegentritt wie eine grosse, traurige Dorfschule, in welcher der abgeschabte Präzeptor seinen Stock schwingt, dass alle Köpfe scheu und stumm nach dem Boden gesenkt werden und kein laut sich regt. Ein Sonntag hier in England hat das Ansehen, als ob Bann und Interdikt auf der Erde lastete, furchtsame Stille schleicht über Strasse und Feld und Wald, der Wind erschreckt, wenn er Blätter bewegt, die trübe, neblige Luft kommt zu Hilfe, dass ich meine, in Dantes Hölle zu wandeln und Deine traurigen Gefängnisworte zu hören: "Lasst draussen die Hoffnung!"

Ist das jener Gott, welcher die Sonne geschaffen, den lustigen Wald, das springende Reh, den jubelnden Vogel, die Schönheit und die Freude?! Jehova, der rachlustige selbst, war heiterer und schöner! Und diese Nation, welche solchergestalt das innerste Leben in eine traurige, dunkle Höhle vergräbt, ist die freieste? Wahrlich, mein Bauer im Bastantale, der am ärgsten Aberglauben seines Mönches hängt, der einem Rei netto und jeder andern Willkür ohne weiteres untergeben ist, er lebt in goldener Freiheit neben diesem gottfurchtsamen, gottdürftigen Briten! Und diese Traueratmosphäre eines bornierten Gedankens, welchem sich aller innere Mensch dahier gebeugt hat, sie durchdringt alle höhere Tätigkeit dieses Volkes. Die Literatur wird nach dem Moralkodex konstruiert und gerichtet, eine freie Schönheit, eine Schönheit an sich besteht gar nicht; diese alten Grossmütter mit Hornbrillen, diese Reviews kritisieren in einer Altklugheit, dass jedem Künstler die Haare zu Berge stehen müssen; der eigentliche Brite, der nicht inkonsequent den Kreis seines Landes verlässt, darf kein Gemälde, keine Statue mit Wohlgefallen anschauen. Titians Fleisch ist gegen die Moral, der borghesische Fechter ist gegen den moralischen Anstand, darum leistet auch dies Volk in der bildenden Kunst nichts, gar nichts. Denn die Liebhabereien einzelner, die mitunter kolossal erscheinen, weil man sehr reich ist, sind einzelnes, das eigentlich Nationale hat damit nichts zu schaffen. Und wer in der Bildung frei und unbefangen geworden ist, der wird im Parlamente wie eben ein anderer in den moralischen und religiösen Jargon einstimmen, weil er sich fürchtet, fürchtet teils vor den bornierten Genossen, teils vor dem volk selbst. Er wagt es nicht, dafür einen Schritt zu tun, dass dies Volk selbst einmal über seine niedrigen hölzernen Kirchstühle hinwegsähe, und so hält sich das freieste Volk mit geläufiger Formel in ärgster Sklaverei des bornierten Gedankens. Sie haben Shakespeare ignoriert, bis sie Garrik mit eminentem Talente dazu verführt hat, und wäre das rein Englische nicht so allgewaltig im grossen William ausgeprägt, wir würden wunderliche Dinge hören; jedenfalls ist dieser englische Dichter in Deutschland bergehoch grösser und richtiger gewürdigt als in England. Sie haben Shellei ausgestossen und in den Tod gejagt, sie haben Byron zu tod gemartertdas