verwirklicht, aber das Element, aus welchem hier alles entsteht, in welchem es herumspielt, kann mir nicht zusagen. Man muss nicht in die Küche gehen und die Spässe der Köche anhören und ansehen, wenn einem das Essen schmecken soll. Meine Wünsche, meine Pläne, meine starker leidenschaft – 's mag wohl sein, dass ich die Welt darüber missbrauche und am ende' zugrunde geh' – aber die französischen quellen aus der Leidenschaftlichkeit, das ist nicht mein Geschmack.
Ich bin zu den Republikanern gegangen, da fand ich allerdings Hass und Zorn und stolze Wut gegen die Unlauterkeit der Herrschenden, welchen die Stelle, das Amt, die Auszeichnung käuflich und feil ist für dies oder jenes Bessere, für eine Überzeugung, für ein würdiges Verhältnis, das sie spielend in den Kauf geben. Aber der Hass war auch sehr mit Deklamation verbrämt, war unschöpferisch, und das eigentliche Leben der Leute war in kleinerem Verhältnisse entweder ebenso wie das getadelte, oder es war gegen allen Reichtum der Welt zynisch – nichts fesselte mich.
Ich mag oberflächlich geblieben sein, weil meine Liebhabereien und Aventüren wie gewöhnlich meine Zeit in Beschlag nahmen; dies mag ein Grund sein, dass ich immerwährend eine deutsche Anekdote auf der Zunge behielt, die mir allen Geschmack verleidete: Ein deutscher Professor zerkaut in einer politischen Unterhaltung die Zeitung, welche er in der Hand hält; man will endlich etwas nachsehen, und der Gegner sagt entrüstet: "Herr, Sie haben ja die Zeitung gefressen." – "Drum," erwidert dieser, "drum schmeckte mir's so nach Papier."
Es schmeckt hier alles nach dem Journalpapier. Die Kammern haben sich überlebt, es sind nur ein paar wirkliche, ursprüngliche Potenzen übrig, das ist zuerst Ludwig Philipp, und dann sind's ein paar Schriftsteller, die freilich auf den traurigen Ausdruck durch die Feder angewiesen sind. Wenn man lange schreibt, so wird die Feder entweder durch das Einerlei oder die viele, notwendige Wendung unmächtig für den Zeitgenossen, ihr Kraft erwacht erst wieder für den Enkel. So ist's mit Lamennais, den ich im Sinn habe, der eine dämonische Potenz ist; hierher gehört dann die Dudevant auch, der herzlich aufrichtige, liebenswürdig beschränkte Béranger und der lautere, naive Nodier. Andere haben mehr Geist und Talent, aber sie sind der Ursprünglichkeit zu weit abgewendet und tief in den Fesseln von Ziererei und Manier.
Bei aller Wichtigkeit, die ich Frankreich für die Weltgeschichte zuerkennen muss, bei der gebieterischen Wichtigkeit, dass es der Mittelpunkt europäischer Bewegung ist, kam ich doch von dem Gedanken nicht los, dies Volk sei eigentlich der Schalksnarr unserer Weltregierung, des Herrgotts Komödienhaus. Wenn die Franzosen selbst zum Schafott oder in die Kugeln rennen oder geschleppt werden, so tritt mir doch auch der Harlekin vor die Seele, welcher in der Tollheit auch das Ärgste tut und mit sich tun lässt; der Don Juan, welchen nur zum Ergötzen des Parterres, und weil er ein paar Weiber verführt hat, der Teufel so lange holt, bis der Vorhang gefallen ist. Ich habe schon daran gedacht, ob nicht alle die toten Franzosen, die seit Anno 91 auf der Bühne gestorben sind, nur für ein Schauspiel agiert haben, und alle noch leben, und an einem schönen Sonntage mit Blumensträussen und Koturnschritten dastehen auf dem Marsfelde, wo ihnen die Bewunderung Europas angratuliert wird.
Bei dieser Verhöhnung aller Illusion muss ich dem volk unrecht tun, und es muss mich langweilen.
So kam mein letzter Abend; ich muss Dir gestehen, dass ich bei Weibern und Männern nicht mehr für so frisch und interessant gelte, als da ich mit Konstantie hier war; das stört natürlich meine Eitelkeit, ich knirsche gegen die Welt, welche altert, und bin nicht so unbefangen wie sonst. Kurz, eine schöne Dame aus der vornehmen Welt liess mich harren, ergab sich nicht, ich treffe sie in einer grossen Gesellschaft, sie ist sehr schön den Abend, und ich versuche das Äusserste. Ein Bedienter wird nach ihrem Hotel geschickt, um den Wagen eine Stunde später zu bestellen, als er beordert war. Als die Gesellschaft aufbricht, begleite ich sie ins Vorzimmer – ich war den Abend sehr sanft und zurückhaltend gewesen – der Diener, die Equipage fehlt, ich hänge ihr den Mantel um und berühre ihre schön gewölbten Schultern kaum mit der Fingerspitze, soviel Überwindung es mich kostet. Sie hat nämlich die in Paris ungewöhnliche Manier, sehr verschlossen, bis an den Hals verhüllt, sich zu kleiden, obwohl man am schönen Wüchse, der vollen Hand, dem weissen, schönen Halse, den Umrissen unter der seinen Hülle sehen konnte, dass just ihre Büste sehr schön sein müsse. Ich sage, der Diener warte vielleicht ungeschickt am Wagen, ich bringe sie hinunter, ihre Equipage fehlt, sie will kein aufsehen machen, entschliesst sich, steigt in die meine.
Du magst denken, dass ich die Situation zu benutzen suchte, sie wehrte, ich wurde stürmisch, das Widerstrebende lockt am meisten, ich riss ihr den Kragen von der Achsel, und fand Nacken, Schulter, Brust voll und duftend vom schönsten Leben. –
"Aber, Monsieur," sagte sie lächelnd, "fahren wir doch zu mir nach haus, dort können wir ja die Liebkosung viel bequemer haben." Es geschah; sämtliche Dienerschaft eilte bestürzt herbei und entschuldigte das Ausbleiben des Wagens mit erhaltenem Befehle – sie zog den Mantel fest um die