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, ist eine Last, welche die Menschen und den Fortschritt zu Boden drückt. Die Grösse kann fast niemals dankbar sein, und wenn die Liebe im Boden der Dankbarkeit gross gezogen werden soll, so wächst die Lüge oder die Mittelmässigkeit auf.

Auch Deine Briefe habe ich gefundenHerr des himmels, schicke mir endlich wieder einmal ein Menschenbild, an dem ich mich laben kann! Mensch, wenn Du nicht eine Welt erobern kannst, so wirst Du ein gemeiner Frevler, weil Du ganz undankbar, ganz rücksichtslos nur Deinen Gelüsten lebst. Du musst ein Napoleon werden, oder man muss Dich totschlagen; nur das Ausserordentlichste darf so frech, einseitig und egoistisch sein.

Der alte Herr hat mir heute einen Steckbrief gewiesen; mit Konstantins tod geht es mir, wie ich Dir sagte. Er war sehr betreten, ob er mich verbergen dürfeich werde morgen in einen Wald gehen und mit einem Köhler Meiler brennen. Und ist die Welt nicht schwer?

8. Hippolyt an Valerius.

Gestern hat mir der kleine liebenswürdige Pelagianer folgendes aus seinem Brüsseler Leben erzählt, was er zum teil noch neben mir angesponnen hat. Du weisst so gut wie ich, dass auf die Wahrhaftigkeit Leopolds kein Sou zu verwetten ist, das folgende ist aber ziemlich allgemein bekannt worden, und man bestätigt mir das einzelne von vielen Seiten.

Eine reiche Handelsfrau, Madame Joao, fährt bei rauher Witterung durch eine enge Strasse in Brüssel; es kommt ein Wagen entgegen, daraus entsteht Verzug. Hinter einen Prellstein geschmiegt, spärlich von Lumpen bedeckt, sitzt ein kleines Mädchen. Das kleine Wesen, in einem Körbchen Früchte zum Verkauf haltend, friert sehr und blickt mit ihren wunderbar schönen Augen rührend zu Madame Joao auf. Diese fühlt sich im Innersten betroffen von dem rührenden Blicke, lässt das Kind in den Wagen heben, wärmt es, findet ein fein gebautes, reizendes geschöpf, fragt nach Vater und Mutter desselben, fährt dahin, lässt sich das Kind abtreten und verspricht den Eltern dafür eine jährliche Unterstützung. Das Mädchen heisst Maria und nimmt sich in den neuen Kleidern wie ein Engel aus; die wunderbaren Augen, unschuldig, lieb, bittend, wie man sie bei Gemsen findet, üben den gewinnendsten Zauber auf alle Welt. Haut, Farbe, Formen sind von zartester Feinheit, die Sprache ist weich, das Verständnis zeigt sich sehr empfänglich, das Gefühl überaus fein, und tief, die kleinste Erregung desselben giesst eine schöne Röte über das sonst ein wenig blasse Gesichtchen.

Madame Joao ist sehr glücklich in dem neuen Besitze, es vergehen ein paar Jahre, sie lässt Marien sorgfältig unterrichten, diese lernt alles mit Leichtigkeit und gedeiht aufs beste. Madame Joao, eine reiche, unabhängige Witwe in den besten Jahren, hat einen jungen Schauspieler zum Hausfreunde, namens Jaspis, dem sie sich sehr zugetan zeigt, und der täglich ins Haus kommt. Er ist ein schöner, feuriger Mann, mit ganzer Seele Schauspieler, und bekundet dies durch lebhaften Vortrag jeder Weise, durch dichterische Ausdrücke, die ihm für alles zur Hand sind. Er macht den tiefsten Eindruck auf die damals zwölfjährige Maria, sie setzt sich oft auf die Treppe, damit sie ihn beim Weggehen sieht, sie ist ungewöhnlich bewegt, wenn er ein leichtes, scherzendes Wort an sie richtet, oder wohl gar, wie man mit einem kleinen Mädchen zu tun pflegt, ihr die Locken, die Wange streichelt. Es vergehen mehrere Jahre, die in der Stille mit aufwachsende Neigung Marias wird durch nichts unterbrochen, sie ist überglücklich und ausser Gewohnheit lustig, wenn die Tante, Madame Joao, sie mit ins Teater nimmt. Eines Nachmittags beim Kaffee sagt Herr Jaspis halb scherzend zu ihr, ob sie nicht Lust habe, selbst Komödie zu spielen, sie sei jetzt beinahe fünfzehn Jahre und ein erwachsenes, schönes Mädchen. Wie ein Blitzstrahl zünden die Worte, Tränen stürzen Marien aus den Augen sie fällt der Tante um den Hals und bittet sie, beschwört sie um Erlaubnis, aufs Teater zu gehen. Die überraschte Tante, welche auf die Herzensbewegungen des Mädchens nicht so sorgfältig acht gegeben hatte, sagt ja, Maria meldet sich, Jaspis studiert ihr ein Paar Rollen ein, das Mädchen wogt in Glück und Bewegung, sie küsst ihm die Hand, man findet, dass sie eine geborene Schauspielerin sei. Sie tritt auf; das wunderbare Mädchen, mit dem unwiderstehlichen tiefsten Ausdrucke des Auges, mit dem feinen, schönen Körper, mit den zarten, halb verschämten, halb herausdrängenden Bewegungen, mit einer stimme, worin die Seele selber klingt, macht Furore. Nun erst wird Jaspis aufmerksam, er rechnet alles zueinander, und sieht es nun erst, dass eine tiefe Neigung für ihn existiere. Es rührt ihn, und bei der nächsten Begegnung nimmt er Maria in den Arm und küsst sie auf die Stirnedas Mädchen erbebt und zittert am ganzen leib. Solche Szene wiederholt sich im Verlaufe der nächsten Zeit noch zweimal, Jaspis spricht aber nie ein erklärendes Wort dazu, noch weniger spricht er direkt etwas aus, was ein Verhältnis, ein Bündnis wünschen könnte; die Tante dagegen, welche irgendwie etwas von dem Zustande geahnt haben mochte, warnt Marien ohne Rückhalt vor Jaspis, sagt, dass er nur zu geneigt sei, in Tändelei mit einem Mädchen einzugehen.

Maria wird krank; um diese Zeit ist Leopold im haus der Witwe eingeführt worden. Sein einschmeichelndes, liebenswürdiges Wesen erwirbt ihm das grösste Wohlwollen der Witwe, er überflügelt am Krankenbette der