auch mit der Dekoration des höheren Standes, der geistreiche Parvenu wird wirklicher Baronet, dadurch ist das Zerstörende seines Verhältnisses aufgelöst; er konkurriert dann im Range wirklich mit uns, der ererbte Vorteil, der Vorteil der geschichte und des notwendigen Instituts hat dann nichts Gehässiges mehr, und sein notwendiger Sieg über den Parvenu stört nicht mehr, weil der Kampf auf gleichem Terrain geschieht und scheinbar mit gleichen Waffen. Ich meine das nicht einmal zum Nachteile der unteren Klassen, sondern nur im Interesse des staates und der höheren Stände. Ergänzen müssen wir uns, wenn wir mit der geschichte bestehen wollen, und dies ist die beste Art: sie reizt keine offenen Leidenschaften und erhält das aufrecht, was die Einsicht niemals aufgeben kann, nämlich dass die Unterschiede in der Verschiedenheit des menschlichen Wesens begründet und in einer geordneten Einrichtung notwendig sind.
Bei uns ist diese Ansicht nicht eingeführt, und nicht herrschend; es bleibt also nichts übrig, als solche Subjekte einzusperren, die man in England zu Baronets machen würde. Die positive Kriminalverfassung hat nun nicht genügenden Anhalt zu ausgedehnter Strafe bei ihm vorgefunden, und man hat ihn vor einigen Tagen entlassen, voraussetzend, die harte Busse werde wohl beschwichtigt und beruhigt haben. Nun sehen Sie aber einmal deutlich vor Augen, meine gnädigste Frau, was Sie so gern abzuweisen geneigt waren, sehen Sie's an diesem schrecklichen Beispiele, wohin der Mensch gerät, wenn er die positiven Hauptpunkte einer Zivilisation verlässt und auf eigene dreiste Hand ein sittliches Leben improvisieren will. Sie erinnern sich – doch nein, er war nicht selbst in Grünschloss, aber er war ein Mitglied unsers Dichtervereins, zu dem wir uns am Schluss der Universitätszeit verbunden hatten. Ein Herr Konstantin von Müller, exzentrisch über die massen und in der besten Verirrung zum Jakobinertum begriffen, war eins der Mitglieder und besonders intim mit Valerius; er verleugnete seinen Adel, und ging nach Paris, mit der schönsten Absicht, zu septembrisieren. Dort ist er zu sich gekommen und als Antirevolutionär heimgekehrt. Seine juristische Karriere hat ihm hier bald eine gute Stellung gebracht, er war ein gemessener, sehr ordentlicher und beliebter Geschäftsmann und ein feiner Mann guter Sozietät geworden. fräulein Julie, die Sie aus Grünschloss kennen, wo sie vor dem frechen und rohen Hippolyt flüchtete, war seine Gattin. Man sagt, Valerius sei auf Herrn von Müllers Veranlassung in Haft gebracht und streng gehalten worden. Des Freigelassenen Rache wendete sich also gegen diesen würdigen Mann, der den Abgerissenen noch obenein mildtätig aufgenommen hatte, ja die gemeine Wut begnügt sich nicht an diesem einen Opfer des Hasses: vorgestern erschiesst dieser Tugendprediger Valerius den Mann und die Frau und entweicht.
Der Bediente hat ihn noch ruhig die Treppe herunterkommen sehen und die Worte sagen hören: "Lauf nach dem arzt, die Herrschaften haben sich beide entleibt." natürlich ist er nachher verschwunden, und die Steckbriefe verfolgen ihn jetzt.
7. Valerius an Hippolyt.
Ich bin nach Grünschloss gegangen; der Graf ist schwach und alt geworden, und er wusste nicht recht, ob er sich freuen oder verlegen sein sollte, da ich eintrat. Ach, wie verwüstet erscheint mir alles: der Park ist verwildert, das Gebäude wird schadhaft. Alberta hat einen gleichgültigen Edelmann geheiratet, bringt Kinder zur Welt und scheint für die gewöhnlichsten Dinge ihren früher so anmutigen Entusiasmus zu versplittern. Ihre Schönheit soll sehr zusammengefallen sein, und dass ich Dir's nur gerad' heraussage, der alte Herr wird mitunter sogar etwas kindisch; seinen barocken Liebhabereien, denen wir früher gern einen elastischen, schwunghaften Geist unterlegten, muss doch in jeder Weise ein tüchtiger Mittelpunkt abgegangen sein. Dadurch wird jetzt auch zur Faselei, was früher charakterspröde, interessante Kaprice war, und die Leute verlachen ihn – das ist doch falsch; jene Zeit mit ihrer Laune war doch in ihrer Art interessant, und der Bezug auf den Ausgang mit dem alten Herrn ist unrichtig. Ach die Welt, die Welt, was wirst sie alles durcheinander! Und das Leben in seiner schonungslos mähenden Weise, was ist es ernstaft! Wie traurig erleb' ich's an mir selbst, auch im Verhältnis zu diesem Engel Kamilla, den ich vernichtet habe, ich mag sie noch so sehr für einen Engel halten. Sie ist nicht hier, sie ist aus der Welt verschwunden, kein Mensch weiss das geringste von ihr. Da sieh den Menschen ganz und gar, indem Du in mein Herz blickest: in der ersten traurigen Gefängniszeit hielt ich mich glücklich ganz und gar, wenn ich ein ganz kleines, stilles Leben mit Kamilla führen, ihr mit eitel Sorgfalt und Liebe danken könnte, was ihr Herz an mir getan – im Gefängnisse selbst verschwand dieses Bild schon völlig, ganz einsam in der Freiheit wünsch' ich doch jetzt nicht einmal, an ihrem Herzen getröstet zu sein, wenn auch nur für einen Augenblick. Ich möchte ihr Gutes und liebes erweisen, aber nicht in der Weise, wie es der Liebhaber will – das nennt die Welt nichtswürdig, ach, die Welt! Wer klassifiziert die Gefühle, ohne zu lügen! Für die Rohen, für die Nichtdenkenden bewahrt eure Tabellen, das starke kräftige Individuum verschont damit, wenn ihr's nicht lähmen wollt.
Die Dankbarkeit ist eine Tugend der Gesinnung, ein Herz, das ihre Regung nicht empfindet, ist frevelhaft, wer sie im allgemeinen nicht verlangt, stellt die Menschen einander mit fletschenden Zähnen gegenüber. Die Dankbarkeit aber, wenn sie überall verlangt wird als fraglose Tat