nennen, dass ich mich nur um das Lager auf einem Brette an Konstantin wende, immerhin, ich hasse schlecht von haus aus, und jetzt erst gar, schilt meinetwegen!
Um Konstantin zu finden, musste ich wieder ans Gefängnishaus zurück, dort seine wohnung zu erfragen – 's hatte etwas Verhängnisvolles, dass ich mir dort Rat für die Freiheit holen sollte. Sie fragten mich, ob es mir so gut gefallen hätte, und ich wiederkommen, wieder bei ihnen schlafen wollte? Wahrhaftig, es wäre mir ganz recht gewesen, hätten sie ein Lager zur Hand gehabt, ich hätte mich hingestreckt.
Konstantin sass mit seiner Frau am Teetische. Er empfing mich kalt, und Julie eigentlich auch, aber das Weib, auch wenn es noch so blasiert und versteinert wäre, ist milder und sorglicher; sie beklagte mein bleiches Aussehen und bat mich, den langen Bart abschneiden zu lassen; über meine abgerissene Kleidung sagte sie nichts, sondern ihr Auge klagte nur darüber. Der schöne Tee, die reinliche, feine Zurüstung nahmen mich mehr als alles andere in Beschlag, es kam mir wieder eine leichte Wärme in Herz und Sinne.
Als uns Julie verliess, sprach Konstantin: "Wundern Sie sich nicht über meine Kälte, ich habe keine andere Äusserung mehr, aber Ihr Eintritt in mein Haus bewegt mich eigentlich sehr, und wenn ich in mein erstarrtes Herz noch einen kleinen Zugang hätte, so würde ich dich willkommen heissen. Dass du dich zu mir wendest, der dein Elend geschaffen, ist eine Grösse deines Herzens, die mein Verstand wohl anerkennt. Lass dich's nicht irren, wenn du etwas Ähnliches nicht wieder von mir hörst."
Ich blieb allein. Sieh, mein Herz ist gross, weil ich kein Nachtlager hatte und die letzte Zuflucht ergriff!
In einem Gartensalon habe ich die letzten Tage verlebt, und mehr und mehr bin ich zu mir gekommen und werde allmählich wieder Mensch. Konstantin und seine Frau sehe ich wenig, sie kommt nur zuweilen in den Garten, wo es zu knospen anfängt, und wir sprechen dann ein paar Worte miteinander.
Sonst laufe ich viel umher, ins Freie hinaus, es ist mir, als wenn ich dadurch von Tag zu Tag wärmer würde. Die Zettel an Dich habe ich jetzt abgeschrieben, und ich schicke Dir den Pack nach Brüssel, wo Du sein sollst. Wer hätte gedacht, dass es doch noch an Dich kommen würde!
5. Valerius an Hippolyt.
Es wird mir täglich besser, vielleicht, weil der Frühling draussen immer wärmer und voller wird. Denke, es ist mir schon wieder ein Lied aus dem Herzen gewachsen, nun wird alles wieder gut werden, da ist es:
Es ist ein Regen gefallen
In erster Frühlingsnacht,
Nun drängen und treiben und wallen
Die Kräfte mit aller Macht,
Die Keime in bunter Pracht.
Junggrün springt auf den Zweigen
Mit der Sonne hin und her,
Kein Strauch kann's mehr verschweigen,
Kein Herz, sei's noch so schwer,
Kein Herz, sei's noch so leer.
Kein Auge kann's verbergen,
Dass – ja, wer's nennen könnt'!
Der Herrgott steigt von den Bergen,
Übers Tal die Ahnung rennt:
Neuer Anfang kommt, neues ende'!
Entsetzlich! Ich nahm das Lied mit hinauf zu Konstantin und las es ihnen beim Kaffee vor. Sie waren beide eine lange Zeit ganz still, dann sagte Konstantin: "Beneidenswerter Mensch, deinem Herzen kommt alles Blut, alle Wärme, alle Kraft wieder, teilzunehmen" – und zu Julie setzte er hinzu: "Wir bleiben allein verdammt. Sprich!"
"Was soll das Untersuchen!" sagte sie, "wir gehen weiter –"
"Wozu?"
"Hm!"
Darauf winkte er ihr, und sie gingen ins Nebenzimmer. – Julie ist wunderbar schön und vollkommen geworden, blendend weiss, das grosse blaue Auge ist nur etwas gläsern.
Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, dass ich allein war, da hörte ich einen starken Schuss im Nebenzimmer, ich stürze hinein – sie haben sich gegenseitig erschossen, sich wohl getroffen ins erstarrte Herz.
Ich eile von dannen, um nicht wieder den Kerker zu sehen; zunächst hält man wohl mich für den rachedurstigen Mörder. Welt, du bist schwer!
6. William an Konstantien.
Ich muss Ihnen, durchlauchtige Frau, einen Vorfall berichten, der ein schlagender Beweis dafür ist, was ich oft gegen Sie behauptet. Der junge Roturier, der Predigerssohn Valerius, welchen Sie in Warschau öfter viel zu angelegentlich in Schutz nahmen, hatte endlich, wie das vorauszusehen war, sein Quartier im Gefängnisse erreicht – was ist mit störsamen Mitgliedern der Gesellschaft anders anzufangen? Sie werfen die Begriffe der Standesscheidung willkürlich durcheinander, und wenn sie Geist haben, wird die Welt nur zu leicht dadurch getäuscht, denn die notwendigen Unterschiede sind einer dreisten Jugend immer unbequem. Ihr Einfluss, weil er zu den leicht gereizten Leidenschaften spricht, ist rascher wirksam und folgenreich, als die besonnene Widerlegung, welche stets Opfer und Resignation heischen muss, ohne welche keine Gesellschaft bestehen kann. Es bleibt also gegen sie nichts übrig als die Gewalt. Unsere Standesgenossen hätten nur früher zu bedenken gehabt, was riskiert wurde, wenn sie den Geist in ihre Kreise aufnahmen und ihm doch die bürgerliche Livree liessen; Englands Manier musste ein Beispiel sein: wo der Geist aus unteren Regionen eine Geltung erzwingt, dann versieht man ihn