1833_Laube_131_191.txt

das Herz schlägt immer kälter

Was euch Gott vergeben mag.

Ich sollte trauern, dass ich jetzt kaum noch die Bedeutung solcher Worte empfinde, unnütz trivial erscheint mir jetzt alles, nicht Klage, nicht Zorn ist mehr in mir, ich bin stumpf, ganz stumpf! Was kümmert's mich, ob ich im Glanz oder Schmutz existiere, was kümmert's mich! Es ist ein Gesellschafter zu mir in den Kerker gegeben worden, aber das Loch ist nun so eng, dass der eine sitzen muss, wenn der andere herumgeht. Wir sprachen nun in den ersten zwei Tagen mehreres; mein Genosse, ein baumstarker Mensch, sitzt schon viel länger als ich und ist tief vergrollt, man könnte sich in der Abgeschiedenheit mit ihm fürchten vor seiner mitunter vorbrechenden Wildheit, be. Gestern abend äusserte er, als wir schweigend auf unseren Betten lagen, etwas, wofür ich mich einen Augenblick interessiert habe, er sagte nämlich: "Wenn einer in diesen Kammern sein Licht unter das Bett stellte, und solchergestalt Feuer ausbräche, dann müssten wir alle in den schwer verschlossenen Zellen verbrennen wie wilde Tiere, und es müsste ein merkwürdiges Geheul geben. Zu etwa dreissig Türen, von denen jede doppelt und dreifach verschlossen ist, hat nur e i n Mann die Schlüssel, von Rettung wäre also nicht sehr die Rede. Nun gibt es vier solcher Abteilungen, es könnte also ein tüchtiger Feuerschmaus von hundert Revolutionärs werden, und der Staat wäre einer grossen Beunruhigung los." – Mitunter sind wir auch grob lustig und lachen so laut, dass es die Wache verbietet. Ich glaube, der Mensch braucht solch einen Reiz, und wenn sich keiner bieten will, so wird er roh. Jetzt würde ich nicht mehr verwundert sein wie früher, wenn ich Verbrecher in Ketten lustig sah, die natur hilft sich, und die Gemeinheit ist, auch eine Rettung. Wozu schreiben und Gedanken spinnen? Ich will nun endlich die brücke abbrechen, die noch von mir zur Welt hinübergeht; mein kleiner Bleistift ist auch zu ende' geschriebenlebe wohl auf ewig!

4. Valerius an Hippolyt.

Heute vor acht Tagen ist der grosse Tag gekommen, den ich nicht mehr zu hoffen wagte. Vor einigen Wochen wurde uns ein ander Gefängnis gestattetwenn in den kleinen Hof unserer Freistunde die Sonne hineinzüngelte, ach, da war mir's doch manchmal noch ein schmerzlicher Stich, dass ich wieder in das Dunkel unseres Gefängnisses zurück musste, das nach der Mitternachtseite belegen war. Obwohl ich sonst stumpf und gleichgültig geworden, die Sonnenstrahlen, mein eigentlich Gottesleben, zündeten doch eine kleine Flocke in meiner ausgebrannten Seele. Jetzt führte man uns in ein kleines Stübchen, das auf den grossen Hof sieht; es waren nur Gitter vor dem Fenster, eine Blende war nicht da, die Morgensonne quoll warm hereines war ein wunderbarer Moment: alle die alten Freudenkräfte meines inneren rüttelten und regten sich, und es hob sich ein Drang, als ob ich noch einmal jauchzen könnte; ich hätte wohl selbst den harten Kerkermeistern einen Augenblick danken mögen. Aber es kroch wieder zusammen, mein vergrollterer, stärkerer Genoss schalt mich und sagte, es sei unwürdig, dieser Gewalt gegenüber eine dankbare Regung zu zeigen; wir sassen aber den ganzen Tag am Fensters, um uns zu sonnen, und es beschlich mich zuweilen wieder ein leises geheimnisvolles Behagen; der Winter schien im Sturmeslaufe aus der Welt zu ziehen, und die Luft hatte wieder Befruchtung in sich. Auch ein unterhaltender Anblick war in der neuen Zelle; auf dem grossen hof genossen die Gefangenen dieses Viertels ihre Freistunde, nach jeder Stunde kam ein anderes Paar. Alle waren blass, aber wie verschieden trugen sie ihr Unglück: der eine rannte stürmisch, unaufhaltsam, bis er am Laternenpfahl ausruhen musste; der zweite hatte Rock und Gesicht und Augen tief zugeknöpft, der Hass war in hundert Falten eingeschnürt, er ging ruhig und gemessen umher; der dritte war zerbrochen, matt, elend; der vierte gleichgültig und sorglos. Wenn solche Unterhaltung nur früher gekommen wäre, die Empfängnis blieb doch gar zu taub in mir; jetzt gab's auch Schreibmaterial, aber ich hatte nichts mehr zu schreiben. So vergingen Wochen, und am Ende dachte' ich: 's war im kalten Loche, hinter der Blende drüben, nicht viel schlechter.

heute vor acht Tagen kam der grosse Tag, dieser einzige Gedanke seit sovielen Monden: ich ward frei, stand allein und ungehindert auf der Strasse, kein Führer hinter mirach, und diese Freude aller Freuden kam zu spät, sie konnte mich nicht mehr recht bewältigen. Erst spät abends, als ich im Mondschein durch die Strassen schlenderte, meiner neuen Freiheit geniessend, brach plötzlich ein heisser Tränenstrom aus meinen Augen, und von da an fühlte ich mich den Menschen wieder näher, ich dachte wieder in ihrer Weise, schlug mir die Bekümmernis um meinen im Kerker zurückgelassenen Kameraden aus dem Sinn, bemerkte, dass ich keinen Kreuzer Geld besässe, und in der grossen, weiten Freiheit nicht wüsste, wohin mein Haupt zu legen sei. Ich kenne in dieser Stadt nichts als das Gefängnis und was damit zusammenhängt, ich wollte Konstantin um ein Nachtlager ansprechen, wir brauchen ja nicht miteinander zu reden, und morgen, nun morgen wird sich was anderes finden, oder auch nicht, das Leben mag sich einen Weg suchen oder aufhören, wie's will! Du wirst schelten, es unwürdig