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der Staat, mit Ihnen verdirbt er. Könnte man mir diesen Glauben nehmen, so gäbe man mir den Tod. Das Gefängnis, gross und klein, ist für die Menschenerfindung, den Staat notwendig.

Das Nächste, was mir zu entgegnen, wäre vielleicht dies: Sie haben Ihren Wechsel in Staatsansichten gewaltsam übereilt, Sie haben mit einem Male den geistigen Blutumlauf Ihres Herzens gewendet und dadurch den Keim des Todes in Ihr Herz gelegt. Wohl, es interessiert mich in meiner Blasierteit einen Augenblick zu wissen, ob es bloss die Manier gewesen ist, die mich gestört hat; ich habe zu dem Ende Ihre Verhaftung bewirkt, und diese in die strengsten Grenzen eingedrängt, jetzt will ich sehen, was aus Ihren Meinungen geworden ist. In unserm damaligen Umgange lag der Fruchtknoten meines Lebens, der jetzt verdorrt ist; den kleinen Reiz, dessen ich noch fähig bin, gewährt mir von meinem ganzen Leben nur das Verhältnis zu jener Zeit. Sagen Sie mir, auf was für einem Standpunkte der Meinung sind Sie jetzt?"

Gott weiss, was ich ihm in meiner Entrüstung gesagt habe. Am ärgsten betroffen schien er von meiner Versicherung zu sein, dass ich kein eigentlicher Revolutionär mehr gewesen sei, als ich das Gefängnis betreten, dass ich niemals in eine Verzweiflung meiner Ansichten geraten, dass ich auch jetzt darin besonnen und ruhig sei. Ich habe ihn lange und habe ihn totenbleich gesprochen; als wir schieden, war es dunkel. Von dem wenigen, was er erwiderte, erinnere ich mich nur der öfters wiederkehrenden Worte: "Befreien kann ich Dich jetzt selbst nicht mehr, es ist ein eingeleitet Verfahren."

Ermiss, welchen Sturm ich danach mehrere Tage lang in meinem engen Käfig durchgelebt habe. Wohin gerät der Mensch, wenn er das Heil nur immer in den äussersten Gegensätzen sucht!

Der Mangel an Papier hat alle Folgerung jener Szene, die reichlich in mir gärte, aufgehoben; jetzt bewegen mich schon wieder ganz andere Dinge. Es ist mir eine Freistunde, freilich nur einen Tag um den andern bewilligt worden; o, das war ein Ereignis! Ich wurde in einen kleinen Hof geführt, der mit hohen Mauern umgeben ist, ein Aufseher schlug mir Feuer für die Pfeife. Wie habe ich den Mann beneidet um sein grosses Stück Schwamm, von welchem er mir ein kleines Endchen anbrannte! Der Instinkt liess mich alsbald ein klein, ganz klein Stückchen abreissen, um es für meinen dunklen Kerker zu sparen. Noch eine Wache ist ausser dem Aufseher bei uns; an der andern Seite des Hofes geht ein zweiter Gefangener hin und her, er ist bärtig und bleich wie ich, aber er bläst aus seinem Stummel anscheinend besten Mutes Rauch in die Lüfte. Niemand darf ein Wort sprechen. Die Luft war dick und düster, es regnete und schneite; meine Gesellschafterin, die Maus, hat wirklich ein Loch in meine Stiefel genagt, das hat seine Übelstände, aber ich schlürfte doch diese kleine Gefängnisfreiheit mit vollen Zügen, es war wieder Welt, wieder Leben, was mir nahetrat. Gegen Ende der Stunde war ich auch schon mit meinem Gegenfüssler in Rapport getreten, allmählich hatten wir den Zwischenraum, der uns trennte, immer kleiner gemacht, die Wächter waren des Regens halber ins Schilderhaus gekrochen, er flüsterte mir etwas zu, was ich freilich nicht verstand, aber er lachte, und das war grosser Trost. Kann doch also auch hier gelacht werden! Aus seinem ganzen Äusseren spricht eine Verhöhnung der Ketten, die hebt mich selber mit. Als der Regen plötzlich heftiger wurde, warf er mir schnell etwas an den Fuss, ich tat, als fiele mir die Pfeife an die Erdeso lügnerisch klug wird man in der Unterdrückung ohne weiteres, und hob es auf. Es war ein kleiner Stein, Beihilfe zum Feuerschlagenbei der nächsten Begegnung sagte er deutlich "Hosenschnalle!" Wahrscheinlich soll sie die Stelle des Stahls vertreten, ich habe aber leider keine, und zuckte mit den Achseln, er zuckte auch und lachte. Jetzt plag' ich mich nun den ganzen Tag mit einer kleinen Schnalle meines Tragebandes, um Feuer zu schlagen, aber das Steinchen hat wenig Feuer, die Schnalle wenig Stahl, ich schlage mir die Finger blutig, aber es ist doch eine Arbeit nach einem nächsten Ziele, ich habe doch grosse Fortschritte gemacht im Kerkerleben, und weiss doch jetzt, dass ich für eine Stunde des Tages existiere, für die Freistunde.

Ich habe heute gefragt, welcher monat in der Welt ist, die Zeit ist lange von mir gewichen, und ein anderer Mensch kritzelt Dir diese Worte. Der plötzliche Eindruck frischer Luft nämlich war verheerend auf meinen Leib gestürzt, ich brach zusammen, als ich aus der zweiten Freistunde wieder in mein Gefängnis kam, die Besinnung entwich lange Zeit, der Wärter sagt, viele Wochen hab' ich im hitzigen Fieber gelegen. So teuer ist sonst die Zeit für ein Jugendleben, wie es das meinige noch sein könnte, mir entweicht sie finster und unbeachtet. Ich finde da in meiner tasche auf kleinem schmutzigem Blatte folgende Verse, die sich darauf beziehen, sie lauten also:

Weiss wohl eure Richtertugend,

Was ihr mir genommen habt?

Ach, es ist ja meine Jugend.

Die ihr langsam hier begrabt.

Ohne Jugend ist das Leben

Wie ein Frühling ohne Grün,

Alles kann man wiedergeben,

Nur nicht Zeit und Jugendblühn.

Und ein jeder Tag macht älter,

Und ich lebe' doch keinen Tag,

Und