den Genuss der Liebe, Leopold liebt die Weiber; Valer, der immer was Besonderes haben muss, liebt die Liebe; William, der Narr, liebt die Gotteit in ihr, und weil er ein christlicher Pedant ist, schwört er zum Monoteismus und verdammt alles andere – ich – ich liebe das Leben. Was mir nicht mehr am Leben ist, werfe ich weg, gleichgültig darüber, ob ich nach der Definition anderer morde. Ich kenne darum auch nicht Valers Pietät gegen das, was er geliebt, alles Tote ist für mich nicht da; ich kenne Leopolds Zärtlichkeit, Überschwenglichkeit nicht, weil ich nur Leben geben will für Leben. Ich schwöre keinem Mädchen Liebe, ich liebe nur. Insofern nähere ich mich Dir zumeist, nur mit dem Unterschiede, dass ich nie mitsterbe, wenn meine zeitige Liebe stirbt, mit platten Worten, wenn eine Liebschaft aus ist, wie es Dir Stümper begegnet. Dem William mit seinem armen Glauben gleiche ich in nichts, als dass ich meinen Monoteismus so sehr erweitert habe, dass die ganze Welt hineingeht, während er bei jenem nur zwei Schuh hoch ist, gerade so hoch nämlich, dass ein Mädchen hineingeht. Valer kann allerdings recht haben, wenn er mich den Kriegsgott der Liebe, wenn er mich den gefährlichsten nennt, der wie der Samum entzünde und töte. Wenn Du dies Glaubensbekenntnis betrachtest, so können Dich meine letzten Ereignisse nicht überraschen. Mein Akt mit der jungen Fürstin, von der ich Dir neulich schrieb, entspann sich folgendermassen. Ich trat im Teater in die Loge, wo sie sass, ohne sie zu bemerken. Man gab Shakespeares Otello, die Desdemona war ein schönes, liebes Weib, die Tragödie sass mit verschränkten Armen in ihren Augenwinkeln, der Reiz des Unglücks lächelte weinend um ihren Mund. Sie sah mir wie ein schönes Opfer des Lebens aus, wie eine indische Witwe, die mit Wollust im Scheiterhaufen verkohlen will. Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und, wie es schien, auf mich. Plötzlich fiel mir ein, dass ich sie schon gesehen. Auf einem einsamen Wege kam ich neulich zur Stadt geritten, mein Pferd war scheu und unstet, es ging sehr unruhig, ich lasse ihm die Zügel schiessen, um seinen Drang nach Freiheit zu stillen. Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Strasse einher, eine kleine Strecke vor mir sehe' ich plötzlich ein Kind in den Weg hereinspringen, eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach, sie will es von der Strasse reissen, das Kind sträubt sich, mein Pferd ist schon dicht vor ihnen. War das Kind allein, so setzte ich darüber hinweg, mein Rappe versteht das und beschädigt niemand. Aber die Dame richtet sich auf, ich pariere mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, das Pferd und setze es so fest in den Boden, dass mich der Stoss über den Kopf des Tieres schleudert. Ich stand neben der Dame, die mich mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schönen gesicht ansah, sie war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in ihren Schoss. Ich hob das liebe Kind, welches sorglos lächelte, in die Höhe, küsste es und gab es der schönen Mutter in die arme. Sie war ausser sich vor Bewegung, sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an, griff hastig nach meiner Hand und bedeckte sie mit Küssen. Ich erwehrte mich dessen kaum – das heisse wasser stand in ihren Augen; erregt stieg ich wieder auf mein Ross, winkte ihr Lebewohl und flog davon. Dieselbe Dame – ich erkannte sie jetzt genau – war die Desdemona.
Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht, dass mich die Fürstin fortwährend fixierte, dass ihr Bruder, den ich einige Male an der Pharaobank und in liederlichen Häusern gefunden, mich zu begrüssen versuchte. Als ich dessen inne ward, fertigte ich ihn kurz ab und verwies ihn auf das schöne Spiel der schönen Schauspielerin. Seine Schwester winkte ihm, und nach dem ersten Akte stellte er mich ihr vor. Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der Abendzeitung in langweiligen Aphorismen, die Blicke immer auf den Vorhang heftend. Sie fragte boshaft, ob ich so sehnsüchtig auf die Desdemona wartete. Ich sah sie lange freundlich an und sagte lächelnd: "Ja." Es zuckte etwas über ihr Gesicht, und sie wendete den Kopf hinweg. Jetzt erst fiel mir ein, dass ich doch wohl etwas unartig sei. – Das Profil der Fürstin betrachtend, versank ich aber doch wieder in ein behagliches Träumen. Sie ist blond und hat die schönste weisseste Haut, die ich je gesehen. Das Gesicht ist vornehm und edel, braune Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschatten ein dunkles verlangendes blaues Auge, das in seiner heisszonigen Art wunderlich heisszonig absticht gegen das Nördliche, Unschuldsvolle des übrigen Gesichts, dessen feine, fast unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht. Der kleine Mund ist zum Küssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen, der Körper ist voll und üppig. Sie trug einen blausammtnen Reitrock, der am Busen geöffnet war, und unter weisser Chemisette, dessen erster Knopf sich gelöst hatte, zeigte sich eine schneeweisse, kühn und gesund gewölbte Brust zum teil ohne Hülle dem fragenden Blicke. Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen, sie ward rot und die Brust ward rascher. Plötzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich, warum ich sie unverwandten Blickes ansehe. Ich lachte und versicherte ihr, ich sei