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ein guter Fanatiker erobert ein Stück Gotteit und ein Stück Tier zugleich. Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen Postamentes, mitten in die verzehrende indische Sonne hinein, strecken den Arm in die Höhe, bis er erstarrt, verwächst in dieser Richtung, sehen in die blendenden Sonnenstrahlen unverwandt, bis die Augen erblinden, und denken nur den Gottesgedanken, um ganz in die Gotteit zu versinken, was ihnen denn wohl am Ende gelingt, denn welcher Menschengeist versänke nicht am Ende dabei! So werden sie wirklich halbe Bildsäulen, die Vögel bauen Nester auf ihnen, die Wallfahrer beten im Anschauen dieser Heiligen! Und ich kann zehn Schritte umhergehen, kann liegen, kann sitzen, denken, was ich will: wie bequem hab' ich's neben dieser Menschenart, und doch sind's auch Menschen. Ich stelle mich jetzt manchmal eine Zeitlang unter meine Fensterblende, sehe in den Himmelsstreifen, strecke den Arm aus, denke einen Gedanken, bis ich wirblig werde und erschöpft zusammensinke. Dann empfinde ich, dass mein Los noch beneidenswert!

Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewälzt! Ich habe kaum Fassung, Dir zu schildern. Gestern kam der entschlossene, klirrende Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wächter den Korridor entlang, und über jeden von uns legte sich das atemlose Beben, dass der Schritt vor seiner Zelle halten, seinen Namen rufen werdedas ist so schreckhaft! Denke Dir, wie sehr unsere Nerven schon zerstört sind: das Verhör allein kann uns fördern, den traurigen Zustand ändern, wenn nicht in einen besseren verwandeln, denn im schlimmsten Falle ist Strafgefängnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrestund doch fürchten wir alle das Verhör, wenigstens die Ankündigung desselben, das klopfen, den Namensruf, das hastige Ankleiden, den gang durch die dunklen Korridore. Wenn man den Tritt der Ordonnanz hört, da wünscht man stets, er möge vorübergehen, man denkt an den Henker, welcher ein Todesurteil bringt, und bebt. Nur Ungestörteit, unbeachtetes Zusammenkauern in den traurigen Kerkerschmutz wünscht die furchtsame Seeleso wird die Furcht in Körper und Seele gebracht, wie man den Mut hineinbringen kann; ich habe jetzt eine deutliche Vorstellung von den Blödsinnigen, welche in den Winkel kriechen, sobald sich ihnen irgend etwas naht. Du glaubst nicht, wie sehr man, wie krampfhaft man die Erinnerung an einen stolzen Menschen, der man einst war, zusammenhalten, in sich hinein klammern muss, um nicht der kläglichste Wicht zu werden!

Der Sporenschritt des Ordonnanzsoldaten hielt still vor meiner tür, mein Atem stockte und jagte; es ward geklopft, mein Name ward gerufenwir schritten durch den Korridor. Die Ordonnanz ist ein bärtiger, freundlicher Mann, er sagte, ich sei sehr blass geworden, und mein Bart sei lang, sehr langer hat mich seit mehreren Monaten nicht ins Verhör geholt. An der Tür flüsterte er mir zu: "Ich bringe Sie heute vor einen andern Richter." Neuer Schreck. – Wer ist's? – "'s ist der Herr Oberrichter!"

An der langen grünen Tafel sass er, schwarz gekleidet, mit dem rücken nach der Tür, durch welche ich eintrat, neben ihm der Protokollführer, sonst war niemand in dem grossen Zimmer, es war ganz still; ohne umzublicken wies er mit der Hand auf einen Sessel; ich ging dahin, sah den Oberrichter und stand wie vom Schlage getroffenes war Konstantin!

Er sah mich nur zuweilen mit halbem Blicke an, und inquirierte vortrefflich: als einstiger Jakobiner kennt er alle Gedankengänge, Pläne und Zustände sehr gut; es war ein interessantes Verhör! Der Stil, die Ausdrücke, die Wendungen, welche wir früher gemeinschaftlich aufgesucht, geübt, wurden jetzt gegen mich benützt! Beim letzten Worte schellte er, und eh' ich noch meinen Namen unterzeichnet hatte, war die Ordonnanz wieder im Gemache, und ich ward abgeführt. – Wir haben sonst nicht ein Wort miteinander gesprochen. Aber alle leidenschaft und mit ihr alle Stärke war mit diesem Eindrucke wieder in mich eingekehrt: heute hört' ich mit Begierde den Tritt der Ordonnanz, das klopfen an meiner Tür, den Namensruf – o Zorn, du machst noch straffer und tüchtiger als die Liebe, darum sind die feindlichen Taten meistin soviel gewaltiger.

Heute empfing er mich in einem Vorderzimmer, das auf einen offenen teil der Stadt sieht; das Licht blendete mich, in der Ferne erblickte ich harmlos, freigehende Menschen, die Wintersonne in allem Glanze schien mir entgegen, ich hätte niedersinken mögen, bestürmt von dem plötzlichen Eindrucke, oder durch die Fensterscheibe springen im trunkenen Drange nach Freiheit.

Er war allein und ging im Zimmer umher. Folgendes war seine Rede:

"Es spricht heute nicht der Richter zu Ihnen, sondern der Jugendbekannte. Ich kenne Ihren Gedankengang und weiss, dass Sie sich in einem gewissen Stolze meiner überheben, da Sie der Unterdrückte vor mir stehen, welcher ich eben Gewalt und Macht über Sie habe; dass Sie den Anfängen meiner Lebensgeschichte nach, die ich mit Ihnen gemeinschaftlich erlebt habe, glauben, diese meine jetzige Stellung könnte mit einer Unwürdigkeit meines sittlichen Menschen zusammenhängen, weil sie mit dem Beginn meiner damaligen Lebensansichten auf den ersten Anblick nicht harmoniert. Um einer solchen Folgerung zu widersprechen, welche Ihrem inneren Schicksale eine falsche Richtung geben und mich in eine falsche Position bringen könnte, will ich Ihnen mit zwei Worten meine Lebensentwicklung mitteilen. Warum ich dies auf so förmliche Weise