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, hat dafür auch wirklich keine Zeit; der Schmutz ist also arg, und das bleibt ein lähmender Schmerz für mich; für Wäsche kann ich nur wenig vom schmalen Kostgelde, das der Wärter auslegt, absparen, was bleibt mir also übrig, als bisweilen mein graues Blechhandbecken herzunehmen und Taschen- oder Handtücher zu waschen? Und der Weltverbesserer bedürfte des Unterrichts von einem alten weib! Das Leben hat alle Taschen voll Ironie! Jetzt, da wir's einander erzählen, mein Nachbar und ich, wird es spasshaft: wenn ein zweiter derselben notwendigkeit folgen muss, dann wird sie dadurch auf der Stelle legitim, und sie kann als ein gerechtfertigtes Objekt zu allem ausgebeutet werden. Soll ich Dir nun das Schlimmste gestehen: in den vierzehn Tagen hat sich unser Gespräch und unsere Bekanntschaft schon sehr abgenutzt, wir sind schon mitunter auf dem Trocknen. Er hat mehr Aussicht, einmal wieder loszukommen, als ich; aber ihn kümmert dafür eine andere sorge, aus der ich ihm ein Lied gemacht habe.

Es singen drei Gefangene:

Es zogen wohl drei Schwäne

Vom Süden nach dem Nord,

Sie suchten alte Freunde

Die Freunde waren fort.

Es zogen wohl drei Schwäne

Vom Norden nach dem Süd,

Sie suchten die alten Ufer

Die waren verwüstet, verblüht.

Sie hatten nicht mehr Heimat,

Nicht Freunde in der Welt

Da haben an den Felsen

Sie sich die Köpfe zerschellt.

Und wenn wir einst befreiet,

So kennt uns niemand mehr,

Es bleibt uns nur zu sterben,

Die Welt ist wüst und leer.

Der Sommer scheidet, kalter Wind

Fällt auf die Dächer nieder

Des blauen himmels Farben sind

In Grau verblichen wieder.

Als ich die Welt zum letzten sah,

Da war sie hell und milde,

Ich weiss nicht, was seitdem geschah,

Ich sah sie nur im Bilde.

Ich fühl' auch heute nur kalten Wind,

sehe' keine Blätter fallen

Wenn ferne Lieben gestorben sind,

hören wir Glocken hallen.

Du wunderst Dich vielleicht, dass ich über das, worin der Mittelpunkt meines Elendes ruht, über den Staat selbst, so wenig denke und zusammenstelle; ich wundere mich manchmal selbst darüber; aber es ist nicht anders. Was sollt' ich? Einen Staat konstruieren wie Sieiès, von dem man sagt, dass er immer mehrere Definieren aus der Luft ist nicht meine Sache, und Du glaubst nicht, wie die Gedanken, zaumlos freigegeben wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen, Du glaubst nicht, wie sie in der Irre müde werden. Man denkt im geschäftlichen Leben, wo des tages kaum zwei einsame Stunden gewährt sind, viel mehr Darstellbares; unser Inneres braucht Abwechselung, Anregung ebensogut, um zu schaffen, wie der Körper, um sich kräftig zu entwickeln. Es gibt kein abgesondertes Innere als die Schwärmerei. Und soll ich toben, dass der Staat Gefängnisse braucht? Würden wir einen Staat erhalten ohne sie? Mein moralisches Gefühl, das, was man innerste Ehre nennen kann, verlangt jetzt gerade von mir die grösste Milde, weil ich selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dünkt. Die Gefängnisse selbst anbelangend, würde ich eine unabhängige Kommission der Humanität im staat errichten, welche die Gefängnisse kontrollierte, und, unabhängig vom Gericht und von der Regierung, wenn auch mit Rücksicht auf den jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen, verfügte. Die Untersuchungsarreste sind der wunde Fleck; sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch nicht strafen, meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest; jedenfalls sind sie zu sehr über einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter zu sehr überlassen, der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch in der Gewalt hat. Du siehst, das ist ein bloss Administratives und hat mit der Staatsspekulation im grossen gar nichts zu schaffen, man hält sich eben immer an das Nächste, wenn man klug wird. Wäre ich das früher geworden, dann sässe ich schwerlich im Loche. Alle Kenntnis und Förderung sonstiger Politik ist mir jetzt benommen, die Politik selbst also liegt tot in mir; ich möchte auch nie einen Staat aus dem Gefängnisse erfinden. Ist die politische Fluktuation der neuen Zeit ein Übel, so ist sie's eben darum, weil man den Staat erfinden will, statt ihn werden zu lassen, wachsen zu machen. Soll er echt sein, muss er sich historisch entwickeln wie der Mensch, wie die Pflanze. – Es ist wieder ein grosses Ereignis dagewesen: man hat mir einige von den Büchern gegeben, die ich mitgebracht habe. Freilich hab' ich sie schon gelesen, aber es sind doch Bücher, ich werde doch überall wieder Mensch; hinter der Wand eine halbe Gesellschaft, auf dem Tische ein gedrucktes Buch! Welcher Fortschritt! Schlegels Philosophie der geschichte ist dabei, ein Buch, welches zur Demütigung der Menschen geschrieben istwozu hätte mir Gott den Stolz und die kühne Kraft gegeben und damit soviel des Besten verwoben, wenn ich sie nur vernichten sollte? Ich fühl's, einen grösseren Gott zu haben, dem mein Bewusstsein irgendwelcher Tüchtigkeit wohlgefällig ist. Auch in meiner Verlassenheit überhebe ich mich dieser kläglichen Ansicht des entmutigten Schlegel. Aber ich finde in dem buch Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen, welche mir von grosser Beschäftigung sind, weil sie auch mit der äussersten Einsamkeit zusammenfallen. Was kann der Mensch, den ein fanatischer Glaube, treibt! Ich erschrecke davor; wie klein sind wir, denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschütterliches Anhalt genommen;