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so unnennbar schmerzhaft! Manchmal, wenn mich ein fester Schlaf und Traum beglückt, wache ich rüstig auf, und erkenne dann mit Entsetzen wieder, wo ich binTraum und Märchen, sie könnten vor Blasierteit und vor Kerker retten, kommt, kommt!

Steigt herunter auf goldenen Wolken!

Es laufen Gedanken in mir herum,

Der Welten tiefes Mysterium,

Hasch' ich, so fliegt es fort!

Ich lausch' oft ganze Stunden lang,

Ob es ein Geist mir nennt,

Ich höre nur verworrnen Klang:

"All Wissen hat bald ein ende'!"

Und sprech' ich laut, was ich empfand,

Was mir durchs herz zieht,

So wird daraus solch bunter Tand,

Ein klein armselig Lied.

Unglaubliches ist geschehen, und die Veränderung ist gross; von den alten, längst gelesenen Büchern, die ich im ersten Gefängnisse hatte, sind mir einige verabreicht worden. Für Lektüre helfen sie nun zwar nichts, aber ich schreibe jetzt alle weissen Plätzchen voll, welche die Ränder des Gedruckten bilden, und die Titel- und Schlussblätter bieten hoffnungsreichen Raum. Die Freude war gross, und es ereignete sich noch Grösseres. Als ich heute morgen noch im Bette lag, um den Vormittag kürzer zu machen, höre ich hinter der Wand neben mir Geräusch und Stimmen. Ich unterscheide, dass ein Gefangener neben mir eingebracht wird, ich sehe die Hoffnung deutlich zu mir herantreten, dass eine Verbindung, vielleicht gar ein Gespräch möglich zu machen ist, der Verkehr mit einem Menschen tritt mir nahe, ich bin ausser mir. Um hen. Alles ist still und tot wie sonst, ich klopfe leise an die Wand, und erschrecke selbst vor diesem signalartigen Geräuschealles bleibt still; ich fasse mir ein Herz, und da die Wache auf dem Korridor gerade abwärts schreitet, klopfe ich stärkeralles bleibt still, leise, ganz leise, wie aus weiter Ferne hör' ich Erwiderung des Klopfens. Vorsichtig, langsam gesteigert setzen wir die Versuche fort, bis wir den Winkel, in welchem mein Bett steht, als den leichtest schallenden aufgefunden. Ich wage es sogar, die heiser gewordene stimme da hineinzuschicken, aber die Wache verhindert grosse Höhe und Stärke, wir müssen oft lange still sein, aber in den Bemühungen hab' ich allen Jammer vergessen, mein Kerker hat einen belebten Winkel, alles andere existiert im Augenblicke nicht mehr für mich, es ist gegen Abend, ich habe den Tag gewonnen, und ich weiss bereits den Namen meines Nachbars, und dass er schon drei Monate sitzt; mehr freilich war noch nicht zu verstehen, und ich weiss nicht, wieviel ihm von meiner Mitteilung deutlich geworden ist, aber ich bin selig, und wenn wir nicht mehr haben können als das klopfen, es verbürgt doch eine Menschennähe, die Todeseinsamkeit ist vorüber. Es hat lange an Papierlappen gefehlt, dafür hat sich mit meinem Nachbar eine Unterhaltung eingerichtet, wobei zwar manches Wort verloren geht, die aber doch Anknüpfung an ein wirkliches Leben ist. Gott, was ist's für Trost um eine Menschenstimme, um ein Gespräch nach solchem Grabesschweigen! Wer nie gefangen sass, der weiss es nicht zu schätzen, was Menschennähe sagen will. Ich liege jetzt den grössten teil des Tages auf meinem Bett, das Gesicht nach unten kehrend, weil ich in dieser Stellung, so unbequem sie auf die Länge ist, meinen Nachbar am besten verstehen kann. Der glückliche hat drei Bücher, den Faust, Dr. Katzenbergers Badereise und die Gerichtsordnung seiner Heimat; er hat die Sachen schon fünfmal durchgelesen, und beginnt jetzt den sechsten Kursus, aber es ist doch ein Anhalt an gegebene Dinge, und der ist von so grossem Werte, wie es jener Punkt war, den Archimedes ausserhalb der Erde und seiner Umgebung suchte, um den Erdball in eine andere Bewegung zu setzen. Er liest mir vor, und obwohl die Wand manches verschlingt, und in je zwei Minuten eine Pause eintreten muss, wenn die Wache vorüberschreitet, so geniess' ich doch manches davon. Freilich müssen wir sehr aufpassen, dass nicht einer der Wärter oder Aufseher nahen kann, ohne dass wir's bemerken, denn sonst hat unsere Herrlichkeit schnell ein Ende. Wir sind aber schon so eingeübt, wie ein paar Wilde, die durch die stillen Urwälder flüchten und auf grosse Entfernung hin den Tritt eines Hirsches oder Panters, einer Rotaut oder eines Weissen unterscheiden. Wir haben auch ihren Signalruf angenommen, und wer von uns zuerst etwas nahen hört, oder die Möglichkeit einer Gefahr wittert, der ruft "Hugh!" und der andere schweigt sogleich. Beneide mich um die Romantik, welche in meine Öde gekommen ist, aber stähle mir auch die Nerven dafür.

Kannst Du ein Bett zurechtmachen? Unterrichte Dich ja beim nächsten Kammermädchen, es sollte mich sehr wundern, wenn Du, ein wirklich egoistischer Feind des Menschenvereins, dem Gefängnisse entgingest, und dort ist solche Kenntnis nötig. Anfangs kam ich mir wie ein zu Weibern des Harems erniedrigter Bettelsardanapal vor, wenn ich abends vor dem zerwühlten Lager stand und meine eigenen hände gebrauchen solltedas gibt sich mit der Zeit; zwischen diesen vier traurigen Wänden schwindet alle Illusion und gemachte Ehre, das Notwendige verhöhnt und drängt so lange das Herkömmliche, bis man nur noch das nächste Bedürfnis hört. Ich bin noch weiter gediehen: es wird selten und oberflächlich ausgekehrt, abgestäubt gar nicht, so was ist Luxusartikel, und der Wärter, dem dreissig Gefangene obliegen