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was Resignation heisst? Ihr versagt Euch eine Freude, ja Ihr entsagt manchem Notwendigem, aber Ihr lebt weiter. Ich kann dem trostlosen Vater, der verlassenen Geliebten mit keinem Worte beistehen, und ich bin endlich auch ruhig geworden, ich schlafe wieder ein, ich esse meine bescheidene Kost, was man sagt, ich bin resigniert. Sind's doch Gedanken, neue Eindrücke gewesen, die ein paar Tage erfüllt haben, ist doch solch stechender Schmerz auch ein Gewinn neben Öde und Langeweile! Ach, Hippolyt, ich habe es oft mit Redensarten bekleidet, ich hielt's für unrecht, das nackte, schonungslose Wort zu wählen, aber muss es nicht einmal gesagt sein, wenn es denn doch vorhanden ist? Wenn der Körper verschleimt und verstopft wird, und man hat selbst Freiheit vor die tür zu gehen, was ist's mit dem Leben? Wenn die Welt aus den Fugen reisst, und nichts allgemein Geglaubtes und Geachtetes übrig bleibt, was lohnt's zu leben? Bewahrst Du dabei Nerven wie straffe Stricke, wohl Dir, Du kannst mit Hilfe der körperlichen Elastizität hie und da einen Reiz gewinnen, die Verworrenheit zu einem pikanten Anblicke ineinander dichten, am kleinen Zustande Dich laben; aber wenn auch der Körper blasiert wird, was dann? Was ist der Ruhm? Eine Nahrung kindischer Eitelkeit; was ist die Teilnahme, welche Dir werden mag in Freundschaft oder Liebe? Ein Zufälliges, weil Du just mit Leuten in Berührung kommst, die das mögen, was Du scheinbar besitzest, und was Dir über Nacht eine Laune, eine Krankheit rauben kann! Was ist die Menschenentwicklung, für welche Du dich erhitzest? Ein so langsam und mannigfach Werdendes, dass Du Dich in Ewigkeit seiner nicht bemächtigen kannst, wo Du mit allen Schlüssen und Folgerungen am scheinbaren Endpunkte Dich getäuscht, Dich in den Händen einer ewig unerklärten Macht siehst? Was ist Poesie? Eine Spielerei Deines Herzens, solange Dein Herz Kraft hat zu erfinden, zu kombinieren, zu empfangen und zu geniessen, und wenn Dir die Kraft ausgeht, ist sie nichts. Elastische Fähigkeit und Kraft ist alles, von ihnen wird alles bedingt; wenn sie Dir fehlen, kommt zu Deinem grössten Reichtume die Blasierteit, ein künstlich Wort, das wir aufgenommen haben, um den garstigen Ausdruck "Stumpfheit" zu umgehen. Ich möchte die Augen schliessen können, und lange, lange schlafen. Klägliche, schwächliche Geschöpfe, die ihren Zorn gegen den Gefängnisherrn richten; der ist eben auch eingefügt in den grossen Zusammenhang, welcher immer der einzelnen spotten muss, welcher von unzulänglichen Menschen erfunden ist. Wenn man den Gefängniswärter hassen wollte, dann würden sie schnell zur Hand sein mit weisem Tadel und meinen: Der Mann kann nicht dafür. Geht doch zwei, drei, vier Schritte weiter, wer kann dafür? Der Mensch im grossen, das heisst der Mensch im kleinen; ich habe Lust, ihn völlig aufzugeben, und in Nacht und Öde zu versinken. – So klug war wohl Prometeus auch, aber er konnte nicht sterben. Das Leben allein ist schwer, und der Tod ist unmöglich. Wenn ich nur schlafen könnte!

Graue, graue Tage sind vorübergeschlichen, vorübergekrochen; ein kleines geschöpf hat sich meiner erbarmt, ein Mäuschen, und nun bin ich nicht mehr allein. Ich kann eigentlich diese kleinen Tiere nicht leiden, aber in der Wüste hören die feinen Unterschiede auf, ist das kleine Ding doch ein lebendig Wesen, das unabhängig von mir seine Bewegungen macht, und durch diese Selbständigkeit in meine Öde und Leere Abwechselung, ich möchte sagten objektive Abwechselung bringt. Wenn ich so ruhig auf meinem Schmerzenslager liege, dann wagt sie sich immer weiter vor, um die kleinen Brotkrumen zu suchen, die ich zerstreut habe. Fehlen diese, so knubbert sie an meinen Stiefeln, als wüsste sie, dass ich keine Stiefeln mehr brauche; gläsern ist das kleine Auge, aber die Bewegungen des Körperchens deuten auf Wohlbefinden und Behaglichkeitsoll ich das Tier beneiden? Pfui, wie schwach! Wer aus dem Kreise seiner Existenz heraus will, hat seine Existenz schon verloren. Aber ein Sperling setzt sich zuweilen auf die Spitze des Blechkastens, er gewährt keine Unterhaltung, da er nicht lange bleibt, aber er gewährt mir Freude und bringt mir die Märchenwelt. In diese hüll' ich mich wie in weiche endlose Gewänder, mit denen man auch Augen und Ohren verschliesst, um in eine ganz fremde Welt zu sinken; Traum und Glaube sind so gefällige Träger, wenn unser Geist keine Hilfe hat, ich reite sanft auf dem rücken des Vogels Rok, hoch über die südlichen Wüsten, Gebirge und wasser dahin, nachts zwischen den Sternen umher, bald links grüssend, bald rechts. Auf den Sternen nämlich wohnen verteilt alle die Menschen, die mir jemals wert gewesen sind, sie reichen mir die Hand beim Vorüberfliegen, und wünschen mir glückliche Reiseach, es wäre dem Herrgott doch eine Kleinigkeit, was im Märchen möglich ist, in Wahrheit möglich zu machen, und wie neu und interessant wäre die Welt, was gäb's für Kombinationen, und die Dichter herrschten, denn die Phantasie herrschte. Vielleicht ist die nächste Zukunft die Märchenzukunft. Wenn ich jetzt stürbe, müsst' ich sie finden. Dann ist kein Gefängnis mehr möglich, als Fliege, als Sperling flög' ich davon. Wo bin ich? So wechselt's im Menschenherzen, und das stete Erwachen in diesem schmutzigen Loche ist