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. Der geheimste, beste Stolz ist gar oft der Lebensodem einer moralischen Existenz, man muss ihn respektieren, selbst beim Bösewichte. Ich konnte Gott bitten, dass er mir das Betteln erlasse, weil ein solch Verhältnis zu ihm nie das meine gewesen, aber ich konnte nicht bitten, dass er eingreifen möge in mein traurig Schicksal; solches ruckweise Regieren der Welt mag für viele ein segensreicher Trost sein; wehe dem, der ihn leichtsinnig den Menschen rauben wollte, für mich ist er ein Fremdes. Ich habe mit Gott gesprochen, aber mein Individuum ist dabei für mich selbst unverloren geblieben. Sagt man, ich habe keine Demut, und sei deshalb noch weit ab von dem, was das Dogma heische, so hat man vollkommen recht. Aber es ist eben mein Glaube, dass ich nichts in mich aufnehmen kann, was meiner besten Innerlichkeit nicht zupassen will, und dass ich nicht imstande bin, ja es für frevelhaft halte, gegen mich selbst zu lügen.

Und nach alledem wirst Du mir doch glauben, dass es meine besten Stunden in diesem Elende sind, wenn ich einen antwortreichen Verkehr mit der Gotteit finde, wie ich mir sie denke durch Welt und geschichte regierend. Eben wenn sie antwortet aus mir heraus, dann hab ich meines Erachtens das richtige Verhältnis zu ihr gefunden. Warum soll sie der eine nicht im brennenden Busche sehen, der andere im Säuseln der Lüfte hören, der dritte im Todesschweigen der Wüste oder des Kerkers!

Wenn Du diese schmutzigen Blätter je sehen solltest, wie würdest Du lächeln, dass ich nach Deiner Meinung echt deutsch das letzte Stückchen Papier für metaphysische Redensarten verbrauchte. Ich hatte eben einen gesammelteren Tag gehabt und über Gott gedacht, und über die Art und Weise, in welcher die Menschen sich auf der Erde untereinander eingerichtet, und dass sie soviel einzelne ausstossen müssen durch Gefängnis und Tod. Nebenher hab' ich mir eine kleine Beschäftigung erfunden; täglich wird mir eine Flasche ordinären Bieres verabreicht, an welcher der Kork mit Bindfaden festgehalten wird. Diese kleinen Stückchen sammle ich mir, flechte ich zusammen, und fasere sie dann am Ende auf, um eine Art Lunte zu erschaffen. Mit dieser stehe ich dann stundenlang an der heissen Ofenröhredenn es ist kälter geworden und wird geheiztund warte, ob sie sich nicht entzünden werde. Der Ofen nämlich wird draussen gefeuert, man hat mir aber eine Pfeife und ein Restchen Tabak wieder gegeben für den Fall, dass ich endlich eine Freistunde bekäme, und weil auf dem hof geraucht werden darf; Feuerzeuge sind in den Gefängnissen nicht gestattet, und Rauchen ist streng untersagt, Pfeife und Lorgnette, die mir gelassen ist, sehen mich also ganz ironisch an, und die Lunte will sich nicht entzünden; das Streben danach ist mir aber doch eine Beschäftigung.

Jetzt ist noch neuer Schmerz von aussen hinzugekommenum Gottes willen macht draussen nicht noch Forderungen an mich, die Wände sind dick, die Schlösser und Gitter fest, werft nicht noch Skorpionen in meine Einsamkeit, ich kann niemand helfen, ich gebiete bloss über acht Schritte Raum. Als mein alter Vater Sonntags von der Kanzel gekommen ist, da sind Pfarrkinder zu ihm getreten und haben gefragt, ob es denn wahr sei, ein Reisender habe es erzählt, dass der älteste Pfarrsohn ein Verbrecher geworden sei. Tritt uns erst die Beschränkteit nahe mit allen Rechten der unkundigen Teilnahme, des unerfahrenen Vorwurfs, dann wird die Lähmung vollständig. Der Vater jammert und fragt, und ich kann ihm nicht helfen, ja ich kann ihm nicht antworten, denn es fehlt mir Papier und Feder, und zur Tortur hat man diesen Brief und ein Billett Kamillas hereingelassen, seit Monden das erste Verbindungszeichen mit der Welt, und ein so trauriges wie ein Grabesflorverhängt ihr mir auch noch die Welt draussen mit weinerlichen Wolken, die Welt, nach der ich schmachte? Wo soll ich hin mit meinen Wünschen! Unglückliche Kamilla! Sie hat nach Grünschloss keine Nachricht gegeben, wo sie hin sei, sie hat Himmel und Erde aufgeboten in der fremden Stadt, um zu mir zu dringen, mir zu helfen, jetzt liegt sie erschöpft darnieder, niemand hilft ihrund ich kann nichts tun, als an die vier Wände laufen.

Hinter jenen Eisenstäben

Liegt das weite, offne Feld,

Liegt die Freude, liegt das Leben,

Gottes grosse, schöne Welt

Tränen, Tränen, ach ihr brechet

Jene harten Stäbe nicht

Ferne Sonnenstrahlen, sprechet

Von der schönen Welt mir nicht!

Denn es schmerzt mich so unsäglich,

Dass das Herz mir stille steht

Und so kommt die Welt mir täglich,

Bis die Sonne untergeht.

Es ist Abend geworden und wieder Tag und wieder Abend und wieder Tag, der Geier hat sich dick gefressen an meinem Eingeweide, jetzt ist es wieder ganz still; ein Lied ist mir geblieben aus der schlaflosen

Hier gehen in goldenen Sälen

Die Menschen hin und her,

Sie haben nur zu wählen,

Was das Vergnüglichste wär'.

Hier weint ein blasser Vater

In dunkler Abendnot,

Es fehlt ihm Trost und Rater,

Die Kinder schreien nach Brot.

Hier wandeln Liebesleute

In dunkler Strasse hin,

Sie kichern vor lauter Freude,

Vor fröhlichem Lebenssinn.

Hier sitzt in trüber kammer

Der Gefangne mit seiner Qual,

Mit seinem einsamen Jammer,

Mit der schwarzen Gedanken Zahl.

Und ob dem allem schweben

Himmel und Sterne still

Dies ist das Menschenleben,

Es kommt, wie's eben will.

Wisst Ihr,