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, so wurde der Heisshunger nach Gedanken für den gefährlichen Augenblick beschwichtigt. – Ihr wisst es gar nicht da draussen, was Ihr habt, wenn Ihr Euch über Mangel oder Langeweile beschwert; Eure Tür ist offen, Eure Fenster sind's ebenfalls, Ihr seht Menschen, Ihr seht Tiere, wenn Eure Gedanken gähnen, was wisst Ihr von Leid! Wenn Euer Leben stocken will, denkt an das schreckliche Nichts eines Gefängnisses!

Hat denn nicht der menschliche Geist Kraft genug in sich, ohne Anknüpfung und äussere Mittel zu bestehen? Ist der meine so besonders schwach? Allerdings produziert mein Geist unablässig, aber weil das Geschaffene auf keine Weise nach aussen hin Erscheinung und Gestalt empfangen kann, verwirrt sich alles in mir und wird zur Last; der Geistesarme mag in solchem Falle sogar besser daran sein. Einen kleinen Trost finde ich darin, die traurigen Eindrücke in ein paar Verse zu gestalten, die also gewonnene Form befreit gewissermassen, und der also geordnete Zustand erhält wieder etwas von dem Adel in Beziehung auf übrige Welt, wie man ihn bei solcher Erniedrigung am meisten braucht. Mehr als zwei oder drei behalte ich freilich nicht, und ich möchte Dir gern einige ältere herschreiben, um neue machen zu können, wenn Verse nur nicht soviel Platz wegnähmen. Und ich kann mich nicht entschliessen, sie als Prosa ohne Absatz herzuschreiben, es scheint mir dies eine grobe Beleidigung der Schönheit zu sein, eine Figur in schmutzigem Schlafrocke auf dem Balle. Und wie rührend ist mir dies Bestreben, Dir all das aufzuschreiben, da es wohl nie vor Deine Augen gebracht wird! Diese Unendlichkeit meines Gefängnisses ist eben der Tod selber; in jetziger Weise kann es ein Leben lang fortgehen; wie beneidenswert scheint mir derjenige, welcher zu zwanzig Jahr Kerker verurteilt ist, er kann doch berechnen, ob ihm wahrscheinlicherweise noch ein paar Jahre für die freie Luft und die Menschen übrig bleiben: jeder Tag fördert ihn doch! O kommt, Verse!

Wie gehen die Stunden langsam hin,

Ich glaube, der Tag steht still,

Mein müder, abgehetzter Sinn

Weiss nicht mehr, was er will

Hat alles zehnmal schon durchirrt,

Was jemals er erlebt,

Was nur vorüber ihm geschwirrt,

Was er gehofft, erstrebt

Er weiss nichts mehr, und dumpf und tot

Liegt alles vor ihm da

Mein Gott, erbarm dich dieser Not,

Der Wahnsinn tritt mir nah!

Die Glocken läuten draussen,

Die Leute beten zu Gott

Und den Sturmwind hör' ich brausen,

O Glocken und Sturm, weckt Gott

Weckt Gott, dass er mir helfe,

Ich bin ja auch sein Kind

Es heulen die Glocken wie Wölfe,

Ans Fenster schlägt höhnend der Wind.

Mit dem Sonnenschein mag es draussen ein Ende haben, Regen und Wind schlagen an meine Blechblende, es wird Herbst seindas beruhigt mich in etwas, nur die Hypochondristen gehen jetzt draussen spazieren. Aber es ist Sonntag, hat mir der Wärter gesagt, und der Schmutz und das Unsonntägliche ist rings um mich her in alter trauriger Gestalt.

heute ist Sonntag in der Welt,

Es putzen sich alle Leute,

Ein jeder hofft für Glück und Geld

heute irgend eine Freude.

Hab' drum mein bestes Hemd erwählt,

Wollt' auch gern Sonntag haben

Du sieche Brust, so arg gequält,

Sollst dich am Hemde laben.

Wenn sie auch Dir nicht nahe liegt, denn Du bist ein gottloser Mensch, aber andern Leuten ist die Frage natürlich: Warum suchst du keinen Trost bei Gott, warum flüchtest du nicht, von aller Welt verlassen, in den Schoss der Religion? Darauf muss ich gestehen, dass ich nach der allgemeinen Ausbildung jetziger Jugend alles auf die Festigung meines Charakters verwendet, alle höheren Bezüge da hinein gewoben habe, und dass es mir nichts hilft, ein AussenlieMenschen Gotteit und Religion nennen, in meine innersten Fasern aufzunehmen, dann bin ich wirklich verlassen, wenn die Welt mich verlässt. Also ist es mir aber niemals geworden, meinen inneren Halt haben nicht Leid noch Entbehrung erschüttert, und insoweit hat mir der jetzt ziemlich allgemeine Zustand, welchen die Teologie beklagt, probe gehalten. Ist er ein falscher, so wünsche ich denen Glück, welche imstande sind, einen anderen mit sich in Einklang zu bringen; ich glaube es gern, dass der Traditionsgläubige festeren Anhalt nach dieser Seite hin finden mag, aber ich fürchte, die übrigen selbsteigenen Stützen des Charakters, die selbstgezimmerten, sind ihm schwächer und unkräftiger. Ich bin zu trocken vernünftig, um einem Dogma anzugehören, das mir nicht auf dem Wege meines Gedankens zukommt, und fühle mich zu sehr in poetische Ahnungen hineingedrängt, um mir das Unsichtbare vordefinieren oder wegdefinieren zu lassen. So glaube' ich an die Kraft und Macht des Gebetes, aber wenn es ein Unglück ist, so habe ich es, die Kraft und Macht des Gebetes nur darin zu finden, dass es mir selber Kraft und Macht gewährt. Soll ich Dir's nun offen gestehen, dass es mir wie kläglich und jämmerlich vorkam, just im tiefen Elende das Gebet so aufzusuchen, wie es mir niemals nahegetreten, niemals für mein Ich natürlich gewesen war; diese Verleugnung meiner selbst mochte ich nicht. Der innerste Gedanke eines nicht verwahrlosten Menschen ist für mich ein Göttliches; dagegen zu lügen ist mir ein Frevel, eine Sünde, wie es die Terminologie nenntdas Glück vielleicht bekehrte mich zu etwas Herkömmlichem, das meinem Wesen sonst fremd ist, das Unglück nimmer