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angekündigt, der Zustand konnte so lange dauern, als mein Leben – o die Menschen, die Menschen! dachte ich wohl manchmal da, wenn ich aus der Dumpfheit aufwachte, die Menschen treiben miteinander das Unverantwortliche. Umsonst aller Wunsch! Meine Existenz war ans Gefängnis verloren, und zwar ans todeinsame, dunkle, trostlose. Was Rechtes, Genaues weiss ich eigentlich nicht mehr von jener ersten Zeit meiner jetzigen Gefangenschaft, ich erinnere mich nur, dass ich oft aus einer Starrheit und Taubheit erwachte, mich an der Mauer lehnend fand und zusammenschauerte, dass eine mir ganz fremde Gesellschaft in meinem kopf zu wohnen schien und Dinge trieb, von denen mein eigentliches Ich gar nichts wusste. Ich dachte mit Schauer an die Wahnsinnigen, die furchtsam in sich selbst zusammenkriechen. Meine Nerven wurden nachgerade, auch sehr zupassend erschüttert: der eintönige Schildwachentritt auf der Flur, das regelmässige Ablösen nach je zwei Stunden, besonders zur Nachtzeit, zerrüttete mich ganz. Mein Bett stand nämlich an einer Mauer, die den gang bilden half, durch welchen die Wachmannschaft vorüber trottete; war ich nachts eingeschlafen, um die wüste Existenz zu vergessen, so fuhr ich immer nach je zwei Stunden hoch auf, wenn die Schritte tief an mein Ohr traten, oder gar die Waffen klirrten und polterten. Gott bewahre meinen ärgsten Feind vor solchem Zustande, war das Wort meiner Mutter; ich hatte einst von einem Gefangenen gehört, der alle Stunden auf den Anruf der Wache antworten musste; es war ihm das Nervensystem dadurch so zerstört worden, dass er sich nicht mehr tief genug unter die Erde retten konnte, um keine Nähe, kein Geräusch zu empfinden. In einem Gemache, das dreissig Fuss hoch, mit einem Erdwalle bedeckt war, überfielen ihn Zuckungen und Krämpfe, wenn jemand über den Wall schritt. Der Mann quälte mich sehr; ich fuhr zusammen vor den eigenen Bewegungen meines Armes oder Beines. Es war recht schlimm; und dass solch Leben endlos vor mir lag, ach und liegt, dies mochte wohl das schlimmste sein; es scheidet sich schmerzhaft von Leben und Jugend, und wenn man obenein nicht zu der Entsagung kommt, wenn man nicht scheiden will, so leidet man sehr, sehr. – Ich habe damals oft an das gedankenlos viel gebrauchte Bild des Prometeus gedacht, und die Herzenskenntnis der Griechen bewundert; der gewaltige Mensch ist in erschreckende Einsamkeit an den Felsen geschmiedet, er, der die Menschen zusammenband gegen die Götter, ist einsam, starrt ins Unendliche, Leere, und an der Leber nagt ihm der Geier, gegen den er keine Abwehr, keine Waffe besitzt; jawohl, an der Leber nagt der einsame Kerker, er wühlt und bohrt, und der stöhnende Seufzer ist eine Erleichterung.

Es sind wieder viele, viele Tage vergangen, ohne dass ich Dir schreiben konnte; die Mittel, Papier zu erlangen, waren alle versiegt, jetzt ist wieder ein Fetzen, wenn auch grau und schmutzig, in meiner Hand. Ich sage nichts mehr über jene erste Zeit des hiesigen Kerkers, ich weiss nichts mehr, ich habe nicht geweint und nicht geklagt, Tränen gibt es nur, wenn wir die Hilfe des Leids in der Nähe glauben, wenn das Leid in unsere Vorstellung und Fähigkeit des Schmerzes passt, wenn das Leid uns natürlich bleibt. Ich litt damals dergestalt, dass ich nicht daran gedacht habe, es fehlten mir Bücher und Schreibmaterial, und sie könnten mir wohltätig sein, Gott mag es wissen, wie doch die langen Tage und Nächte an mir vorübergezogen sindsie sind's doch; dessen erinnere ich mich, dass ich zuweilen den Schemel auf den Tisch gestellt habe, um zu dem versetzten kleinen Fenster hinaufzukommen, um durch die schmale Lücke, welche oben offen blieb, den Streifen blauen himmels zu sehen, nach dem ich dürstete, wie ein Wüstenreisender nach einer Wolke dürsten mag. Dort oben am Fensterchen fand ich die Worte Dantes mit Bleistift angeschrieben, welche die Devise aller Gefängnisse geworden und in allen zu finden sind, die Worte: "Lasset draussen die Hoffnung, die ihr hier eintretet." – Lasst draussen die Hoffnung, das hat lange, lange in meinem kopf als einziger, ungedachter Gedanke herumgeklappert; wie lange hab' ich von dieser eintönigen Hoffnungslosigkeit gelebt! – Eines Morgens ward's besser, ich bekam ein anderes Gefängnis, mein jetziges, es liegt nicht an jenem Durchgange, wo die Wachposten vorübertrampeln, das versetzte Fensterchen ist etwas tiefer, und ich sehe durch die Blendenöffnung oben die Spitzen eines BaumesVorteile, die mir einen glücklichen Tag bereiteten. Alles übrige blieb beim alten, dennoch schien mir der Fortschritt riesengross; für das Elend ist alles Glück wohlfeil. Aber es dauerte nicht lang: Jetzt kam die schmerzhafteste sehnsucht nach Beschäftigung, nach einem Anhalt der regellos schweifenden, sich zu tod hetzenden Gedanken. Ich warf mich aufs Bett, drückte den Kopf in die Kissen, aber die Gedanken werden davon nicht berührt, sie fangen ihren wüsten Tumult wieder an, sie schreien nach Stoff, ich sprang wieder auf und lief umher, ich versuchte es, ob nicht ein altes Lied in der eingetrockneten Kehle raste, krächzend begann ich, denn die stimme rostet in diesem Mangel aller Übung völlig. "Ruhe da!" schrie die Wache unter dem Fenster, die Wache auf dem Korridorich hielt mich für verloren. Aber wahrscheinlich hatten mich just die Wachen gerettet, der Zorn wachte auf und er fand leicht seinen Stoff