Gefängnis lag dergestalt in der Mitte aller fesselnden Anstalten, dass ein Durchbruch unmöglich schien. An die Freistunde auf dem hof klammerte sich alles: dieser Hof lag am Flusse und war von diesem nur durch ein grosses Tor getrennt; das wurde zuweilen des Nachmittags geöffnet, und einer oder der andere Beamte setzte sich in den Kahn, welcher an der Treppe lag, um zu angeln, oder er schloss gar den Kahn los, um fortzurudern – der glückliche, er wusste nicht, wie er beneidet wurde. Je näher die Gefangenschaft mit der freien Welt in Berührung kommt, desto schmerzhaft prickelnder wird sie, die Vergleichung hebt oder schwächt alle Eindrücke. Die Sonne schien warm, ich schwimme mit Leichtigkeit, jenseits des Flusses lockte die offene Strasse, ein kühner Entschluss konnte mich retten; die bestürzte Wache, die neben mir stand, wäre nicht so schnell zum Laden ihrer Muskete gekommen, dass ich nicht die auf grössere Entfernung grosse Unsicherheit des Schusses hätte riskieren können – wer mag die Situation beschreiben! Die Situation, wo ein Entschluss in schnelle Tat übergehen soll, in eine Tat, die so misslich war. Was sollte geschehen, wenn ich drüben pudelnass ans Land kroch, am hellen, lichten Tage, in der fremden Stadt, die mitten im land liegt! Und doch war's so lockend. Es hob sich der Fuss, es pochte das Herz! Wie schwer ist solch ein Aufbruch, wenn man besonnen bleibt, und nicht von einer leidenschaft gestachelt wird – das Tor ward zugeschlagen, und nun dachte ich: Du hättest es doch wagen sollen! – Die Zeit war von peinigender Unruhe, da ich auf den neuen Gefängniszustand, auf das neue Verfahren wartete, sie war ganz überflüssig, förderte gar nicht zum Ende, war ein unnützes Interregnum und doch ein Gefängnis. Sie dauerte wohl eine Woche, ich lechzte nach der Veränderung, nach dem neuen Gefängnisse, das Unbekannte schmeichelt mit tausend Möglichkeiten; auch für die Flucht hoffte ich neuen besseren Anhalt; so kam der letzte Abend und mit ihm ein schweres Gewitter. Solange ich gefangen war, hatte die Sonne geschienen, und dadurch war meine Unruhe, meine Pein nur befördert worden: je lockender die Welt aussieht, desto schwerer ist das Gefängnis. Jetzt, unter dem giessenden Regen, den krachenden Donnerschlägen, den zukkenden Blitzen musste jedermann im Zimmer bleiben, ich hatte wieder eine gleiche Gemeinschaft mit der Welt, das war beruhigend. Und welch ein Genuss für meinen Privataberglauben war das Unwetter! Solche ungewöhnliche Erscheinung musste einen grossen Wechsel in meinem Leben ankündigen; wer im Unglück nicht abergläubisch wird, der ist sehr stark, oder sehr fühllos, oder sehr arm an Phantasie. Jedes kleine Möbel, jedes Buch hatte mir eine Bedeutung, wenn es so oder so postiert war, jede wiederkehrende Beschäftigung, das Aufziehen der Uhr, ob der rechte oder der linke Strumpf zuerst ausgezogen wurde, ob ich das Licht so oder so anzündete oder auslöschte, das hatte alles seine Bedeutung, seinen Einfluss auf Europa und rückwirkend auf mich. Wenn man nichts zu tun hat, als zu hoffen, da wird jeder Gegenstand tätig. Und besonders, wenn alles so einförmig wiederkehrt, so unverrückt bleibt. Jetzt tobte ein wild Gewitter, jetzt musste alles anders werden! Ach, ja wohl!
Wenn ich wieder hinunterkomm',
Da sind die Blumen verschwunden,
Da hat wohl auch dein liebes auge'
Sich neuen Weg erfunden.
Es ist so lang', so lange her,
Dass man mich hält gefangen,
Und da dein Herz eine Blume ist,
Ist's ihm wie jenen ergangen.
Sollt' ich die Welt je wiedersehen,
Dein auge' je wieder erblicken,
Ach Gott, ich will den Blumen und dir
Verzeihung blicken und nicken.
Es ward anders. Sonntag des Nachmittags nahm ich Abschied von meinem Gefängnisse, und so wie man, wie gesagt, auch unter den Dürftigen Reiche und arme findet, so hoffte auch ich von einer Veränderung des Orts und der Verhältnisse. Ich setzte mich zu meinem Inquirenten in den Wagen; auf meiner Seite war er zugeschlossen, zur andern hinaus aber sah ich die Strassen und die Spaziergänger, welche sonntäglich geputzt dahineilten zu ihrer Lust und Erholung. Das schneidet tief ins Herz: Bist du schlechter als diese Masse gewöhnlicher Leute? Sie dürfen Sonne und Freiheit kosten, und du siehst seit langer Zeit beinur, um für lange Zeit davon Abschied zu nehmen, vielleicht für immer. – Der Abend dieses Tages fand mich in einem sehr kleinen und fast ganz dunklen Gefängnisse, der Verzweiflung Vorbote; die Trostlosigkeit lag mit mir auf dem harten Lager: das Geld, die Bücher, der Tabak, alles war mir abgenommen worden, ich hatte nichts zur Beschäftigung als die vier kahlen Wände, einen fichtenen Tisch, einen fichtenen Schemel, ein blechern Handbecken, das im Staube des Fussbodens stand. Der Wärter, ein grosser, vierschrötiger Mensch mit kahlem kopf war kurz, fremd und grob. Es war das Äusserste, was mir begegnen konnte, dass ich nach dem früheren Gefängnisse zurückverlangte wie nach einem Paradiese; ich weiss kaum, mit welchen Kräften ich die ersten Wochen dieses Zustandes überlebt habe: denke Dir das kleine, düstere Loch, in den Winkel von zwei Gebäuden versteckt, durch einen Blechkasten verdunkelt, und mich ohne den geringsten Anhalt darin, herumtappend den langen Tag und Abend, ohne Gedanken, ohne Hoffnung. Die Untersuchung war mir jetzt mit dem grauen gesicht einer Unendlichkeit