weil er den Ausländer und den Juden keiner weiteren Rücksicht wert achtete. Zum Glück waren wir an reine kosacken gekommen, und unser Weg ging nach dem südlichen Sibirien, weil er den kosacken der wünschenswertere schien. Der Kosak ist gutmütig, und in den meisten Teilen Sibiriens verkehrt er gern, weil er es noch für ein Privatreich seiner Stämme ansieht; denn sie haben es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dem russischen Reiche unterworfen. Was soll ich Dir nun sagen, wo ich überall hingeraten bin? Wir sind eben Tag und Nacht geritten, und an einem frischen Morgen haben die kosacken miteinander beratschlagt, das hat nur ein paar Minuten gedauert, und wir haben dann unsere ursprüngliche Richtung aufgegeben und uns nach Süden gewendet. Dann sind wir geritten, lange, lange über unendliche Ebenen, ich hatte vergessen, was Sonntag oder Montag sei, ich habe auch mit Joel kein Wort gesprochen, wir waren beide blasiert. Endlich in der Nacht war's, da Joel zu mir trat und mich seit undenklicher Zeit wieder einmal in deutscher Sprache anredete. "Lass uns heimkehren," sprach er, "ich habe wieder sehnsucht nach Menschen; die kosacken kümmern sich nicht darum, ob wir bei ihnen sind, ob nicht, unsere Pferde finden den Rückweg." – Wir brachen auf, als die Karawane schlief, wir ritten viele, viele Tage; als ich zum ersten Male wieder deutsch rings um mich sprechen hörte, da war der Frühling aufgeblüht und mit den Lauten und Blumen des Vaterlandes wachte meine alte Welt wieder auf, die alten Träume und Wünsche kamen wieder, der Starrschlummer war gebrochen, ich streckte wieder die arme aus nach dem Leben. Aber ich war allein; Joel war in Galizien geblieben, es blieb mir nichts übrig, als zu singen und zu hoffen. Ich war ohne Reisemittel, und an einem warmen Frühlingstage musste ich die letzten Kräfte anstrengen, um ein Schloss zu erreichen, das im Schatten seiner hohen Bäume am wohlbekannten Strome lag. Ich wusste, dass es Konstantien gehörte, ich wusste, dass sie in der Frühlingszeit da zu wohnen pflegte, und meine sehnsucht nach einem Herzen, das mich kannte, war so riesengross geworden! Ich vergass das schöne Weib und alles übrige Verhältnis, nur das Auge wollte ich sehen, die stimme wollte ich hören eines Weibes, das mich kannte, das eine Teilnahme zeigen mochte für den ewigen Wanderer. Erschöpft, dürstend, hungernd, von allerlei Drang gepeinigt kam ich ans Schlosstor, wo der Portier sein Stübchen hat; ich fiel auf die Bank, ich fragte; die Fürstin sei da, war die Antwort, sie sässe eben bei Tafel. Der Portier musste mir Schreibzeug geben, ich gab vor, eine drängende Mitteilung müsse der Fürstin sogleich gemacht werden; ich schrieb ihr, mich einen Tag zu beherbergen, ich käme ermüdet von der russischen Grenze hier vorüber und sehnte mich, ein bekanntes Wesen zu sprechen, – der Portier, welcher den Brief selber aufs Schloss hinauftrug, blieb sehr lange, am Ende kam ein Wagen herabgeschossen, darin sass die Fürstin und William, ich kauerte erschöpft auf der kleinen Bank des Portiers, sie brausten an mir vorüber. Der alte Portier kam mit dem Bescheide nachgehinkt: das müsste seine vollkommene Richtigkeit gehabt haben, denn die Fürstin habe Hals über Kopf nach dem Wagen geschickt, und da fahre sie hin. – Der alte Mann schenkte mir ein Stück Schwarzbrot und einen Trunk, dann schleppte ich mich weiter, die herbe Wunde im Herzen.
Bald darauf begann die Gefangenschaft, kam Kamilla. Aber blass war das arme Mädchen sehr geworden – ach, wie durchdrungen war ich damals, ihr diese rührende anhänglichkeit mit aller Liebe zu danken, die nur in meinem Herzen gedeihen könne. In der Einsamkeit meines Gefängnisses malte ich mir es aus, wie sie zufrieden und glücklich sein würde, wenn wir eine kleine häusliche Existenz nebeneinander führten; die Welt müsse freilich aufgegeben sein, aber Kamilla sei zufrieden mit einem Idyll. Um diese Zeit trat eine Katastrophe ein, und alles wurde anders; ich wartete täglich auf meine Befreiung; eines Tages, als der Wärter mein Mittagessen brachte, fiel mir sein stilles, zurückhaltendes Benehmen auf; ich fragte, er schwieg, ich fragte dringender. – "Erschrecken Sie nur nicht," sagte er endlich, "Sie kommen von uns weg, und die Untersuchung wird grösser und strenger." – Wer die Fassung im Augenblicke verliert, ist sehr schwach oder wenig gebildet, die Kultur ist ja eine Fassung, ich glaube, damals tröstete ich den Wärter und ass mein Mittagbrot. Als er abgeräumt und zugeschlossen hatte, als ich wieder so recht gefänglich allein war, da stürzte der Jammer wie ein Sturzregen über mich. Mit jener Nachricht war nicht nur alle Aussicht auf Freiheit vernichtet, sondern ich wusste nun auch zuverlässig, dass ich mindestens ein halbes Jahr Gefängnis noch vor mir hatte. O du, zur schönsten Reise Gegürteter, lasse dich ins Bett drücken mit der Gewissheit, viele Monate darin leiden zu müssen, vielleicht nicht mehr aufzustehen. Es war ein schwerer Nachmittag und Abend, bis alle Hoffnungsmöglichkeit in mir erwürgt, zum Schweigen gebracht war. Wer sich ergeben kann, leidet weniger, ich konnte' es nicht, und kann es in meiner Jämmerlichkeit heute noch nicht; nun kamen die Gedanken an Flucht, welche die Unruhe auf ihren Schultern tragen und eine erhitzte Hoffnung hinter sich herschleppen. – Mein damaliges