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Welt will jetzt nicht nach Gesetzen leben, die da sind, w e i l sie da sind, sondern nach Gesetzen, die aus der Zeit und dem Bedürfnisse hervorgehen, von denen sie weiss, w a r u m sie da sind. Gebt gutwillig, was man Euch später nimmt, und Ihr könnt für willenlose Puppen M e n s c h e n einhandeln, meines Erachtens ein schöner Tausch. Ich bin kein Narr, der den Staat für ein Rechenexempel ansieht, das in einer Stunde zustande gebracht ist, aber ich bin auch kein Esel, der sich beruhigt, wenn er Disteln hat. O, ich sage mit Kaiser Max: "Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt, ich armer Kaiser und der versoffene Julius werden's nicht besser machen."

Steht auf aus euren Gräbern, die ihr sie zugeschnitten habt jene rote Mütze, welche jetzt am Horne des Mondes hängt, vor allen du, Rousseau! Wirf noch einmal dein heiss- und vollblütiges Herz über den Erdkreis, dass ihnen der Blutregen die Augen füllt statt der vergossenen Tränen. Wenn ich oft knirschend am Boden meines Zimmers liege, da richtet mich der Gedanke an jene metallenen, mit Blut bespritzten Helden der Franzosenjugend auf, der Gedanke an den brüllenden Danton mit der Atletenfigur, dem von Pocken zerrissenen gesicht, wie er einen Vulkan des zertretenen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust herausschleudert; an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen Antlitz, der schönen Frau im Arm und die tödliche Gerechtigkeit auf der sprudelnden Lippe; an den rigoristischen frommen heuchlerischen Narren Robespierre und die Helden des Ultraismus Sankt Justs, welche die neue schöne Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte entaltsamer Tugend versetztenwahrhaftig, Du hattest recht, als Du mir sagtest, alles andere Studium sei heute' toter Kram, die französische Revolutionsgeschichte entalte alle Fussstapfen unserer kommenden Jahre, man solle sie studieren, und den Deutschen endlich eine schreiben, denn sie haben noch keine und nur die Henkerlisten davon, und dann sollten sie die Schulbuben auswendig lernen. Valer, das war Dein grösster Gedanke – o rote Freiheitsmütze, wann sieht dich Europas bleiche Sonne wieder! Mein krankes Auge dürstet nach deinem Anblick. –

Es ist gut, wenn man an jemand hängt, es ist eine Art Stütze. Wenn man auch im wasser ist und sieht nur von fern Land, so hofft man auch wieder. – Warum bist Du nicht bei mir; wie ein verliebtes, schwindsüchtiges Mädchen schmacht' ich nach Dirselbst Hippolyt wäre jetzt nicht für mich, in einiger Zeit ja, denn ich weiss es, in einiger Zeit werde' ich sehr munter leben, wenn ich wissen werde, wo ich die Million stehle, die ich in die Lüfte und Spelunken streuen will. Kronen und Millionen stiehlt man ungestraft, nur die kleinen Diebe hängt man, nur die kleinen Sünder beichten und büssen. Alles kommt auf die Quantität, die Masse anmit Millionen von Goldstücken, oder von Liebe, oder von Ehre, oder Lust ist jedermann zu bestechen. Ich schwör' es, jedermann. O, will mich niemand bestechen!?

Um mich verrückt zu machen, fehlt weiter nichts als die Liebewenn ich nicht so sehr liebte, wär' ich längst verrückt. Es gibt keinen liebevolleren Menschen als mich. Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben, und das ist gut, ich halte sie nur für eine Übergangsstufe. Der Dichter soll und muss über der Empfindung stehen.

Ach, und doch wären mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd, wie Tränen. Ich habe beides nicht. Frag nicht nach dem Mädchen, denn ich hasse es. Deine nächsten Briefe schicke frankiert. – Ade!

11. Hippolyt an Konstantin.

Grünschloss, den 20. Juni.

Mein gehaltreicher Sir John, was hör' ich für Dinge von Euch, Ihr gebt Euch einer wüsten inneren Unordnung hinwas soll das? Befolge eiligst Valers Rat und komm hieher, die Luft der Kuhställe wird Dich heilen. Ein Mann wie Du wird sich doch nicht den Grillen ergeben! Du siehst, ich habe mich auch hier eingefunden, um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben, und ihn vorzubereiten auf grössere Wirren, denen ich in Europas Hauptstädten entgegengehen will. Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos: zur Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Körper schaffen, dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen, und wer die Zivilisation und die Schönheit heiratet, der ist der Held. Komm und beschreib mir Berlin mit der langweiligen Regelmässigkeit und der kurzweiligen Soldatenspielereiromantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehen, dazu ist sie zu gesetzt, zu altklug, zu hegelisch; komm, hilf mir den grauen Magisterrock zuschneiden. Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe: der Ort liegt schön, der Graf ist gastfrei, der Ton fessellos, die Damen sind schön, auch da: ein junger adeliger Laffe, Graf Fips, kam nämlich mit mir an und krächzt den Liebhaber und Aristokratenwas willst Du mehr? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert, warum ich die Stadt so schnell verlassen habe, der Du mich dort in schönen Fesseln wusstest. Hast Du Dich wirklich gewundert? Ei, Mylord, wie kennt Ihr mich mangelhaft! Ich dulde keine Fessel, auch nicht die schönste. Wie denken wir doch alle so verschieden über die Liebe. Willst Du wissen wie? Höre! Du liebst