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auch dort wird sie jetzt mitunter lachen und sich glücklicher fühlen als ich.

Ich lerne so klein schreiben und, wahrscheinlich auf Kosten meiner Augen, so undeutlich Geschriebenes lesen, dass ich gestern mit meinem Kuchenpapiere nicht fertig geworden bin. Das hat mir den besten Eindruck gegeben, dies Stückchen übrig bleibendes Papier hat mir die Möglichkeit eines Überflusses verschafft, eines Überflusses, und ich bin ordentlich zufrieden gewesen im Verhältnisse zu der sonstigen Zeit. So macht das Verhältnis alles in der Welt, so elastisch ist der Mensch. – Bei allen den Abwechslungen meines vorigen Gefängnisses fiel doch die Länge der Abgeschlossenheit immer schwerer auf mich, lass mich Dir's offen gestehen: manchmal glaubte ich erdrückt zu werden, so einsam, verlassen, unglücklich erschien ich mir, und die heissen, dichten Tränen brachen über mich herein. Ach, wie ein Kind habe ich geweint, manchmal stundenlang; ich werde es nie vergessen, wie ich den Kopf an die Wand lehnte und mich rücksichtslos dem schneidenden Weh hingab, von der Welt ausgeschlossen zu sein Tag um Tag, Nacht um Nacht! – Und wenn ich in einer gewissen Süssigkeit des ganz freigelassenen Schmerzes erschöpft war, da trat ein Vers von Goete so oft mir auf die Lippen, ach so oft, und brachte immer wieder neue Tränen. Durchgefühlt, durchgeweint habe ich jedes Wort, jede kleinste, mögliche Bedeutung desselben; es war das Lied aus dem Wilhelm Meister, das der Harfner und Mignon zu Wilhelms Schmerze singen:

Nur wer die sehnsucht kennt,

Weiss, was ich leide:

Allein und abgetrennt von aller Freude

sehe' ich ans Firmament

Nach jener Seite.

Ach, wer mich liebt und kennt,

Ist in der Weite,

Es schwindet mir, es brennt

Mein Eingeweide

Nur wer die sehnsucht kennt,

Weiss, was ich leide!

eigentlich hätte ich das Lied wie Prosa, ohne Absatz schreiben sollen wegen des Papiermangels, aber ich konnte mich nicht dazu entschliessen; ein König kann in Lumpen gehen, aber nicht betteln. lebe wohl, lebe besser, das Papier ist aus; empfinde nie bis ins Herz die so harmlos aussehenden Worte: "Allein und abgetrennt von aller Freude." –

Habe wieder ein Lied gemacht,

Habe mich ausgeweint,

Denke nun an die stille Nacht,

Meinen einzigen Freund:

Wenn die Sonne hinunter ist,

Wird sie leichter, die Not

Denke dann: Nicht mehr allein du bist,

Ringsum ist alles tot.

Was dich in der Ferne liebt,

Ist jetzt stille wie du,

Manches ist wohl um dich betrübt,

Hat eben Zeit dazu.

Törichte Leute schmähen die Freude; es gibt kein Leben ohne die Freude, alle Momente derselben sind allein unser Leben, alles andere ist dumpfe, tote Masse; selbst in der Traurigkeit, im Schmerze sind es allein die unerkannten kleinen Freudenpunkte, die ein Elend ist's der Tagesschimmer, den ich sehe, das körperliche Leben, das ich in dieser und jener Wendung oder Regung einmal empfinde, des Genüge "Du bekommst etwas zu essen" – oder "Du wirst dich bescheiden lernen"; diese Freudenatome halten auch mich am Leben. Zum Beispiele, dass ich wieder Papier habe, lauter kleine Stückchen, aber viel Stückchen. Ich kann wieder schreiben. – In jenem Weh der Abgeschlossenheit, das mir so tränenreich war im damaligen Gefängnisse, da sass ich denn eines Tages brütend und traurig, als ich zu meinem Inquirenten beschieden wurde. Ist's Freiheit? weiter dachte ich damals nicht, soviel Spielraum war damals noch gegebenwie lange ist der fort! Und der Wärter war so gutmütig, auf die Möglichkeit einzugehen und zu sagen: "'s muss wohl noch nicht soweit sein." – Der Inquirent empfing mich ernstfreundlich und deutete mit der Hand seitwärts auf den Hintergrund des Zimmers. Eine Dame stand da, Gesichter, Gedanken stürzten übereinander in meinem Herzen, ich fand's: es war Kamilla, die ich in solcher Situation zu begrüssen hatte. Welch ein Gemisch von Empfindungen! Das vortreffliche Mädchen hatte in Grünschloss erfahren, was mir begegnet sei, hatte sich ohne weiteres selbständig, allein aufgemacht, war hierher gekommen, zu allen Herren und Behörden gelaufen, um für mich zu wirken, um zu mir zu dringen! Und sie weinte jetzt nicht, sie fragte stark und eifrig, worin sie helfen und nützen könne. O wieviel Rührendes, Überschwengliches liegt im starken, liebenden Herzen eines Weibes! Dass ich nicht ängstlich treu sei, wusste sie aus meinem früheren Wesen und Leben, dass ich es ihr nicht geblieben, wusste sie nur zu gut; aber sie ist ein wirklich liebendes, ein echtes, unverfälschtes Weib, sie kam dennoch, da ich im Unglücke war; im Glücke hätte sie mich niemals gestört: O du gute, herzensreiche Kamilla! Konstantie wohnt näher und hätte mit der geringsten Anstrengung grosse Mittel für mich in Bewegung zu setzen vermochthierbei drängt es mich, Dir meine Schicksale von dem Augenblicke an zu ergänzen, wo ich mit Joel in Krakau ankam, bis zu dem Augenblicke meiner Verhaftung. Ein Mensch, der unser Freund sein musste, wenn er ein Herz besass, wenigstens ein Freund in bezug auf die Russen, Slodczek, den wir vor den Toren Krakaus im Jammer fanden, den wir retteten und nährten, überantwortete uns dem Feinde, weil es ihm einen kleinen Vorteil brachte, weil er undankbar ist, wie es ein nicht seltener slawischer Zug mit sich bringt,