, dass ich das Berauschende einer totalen Freiheit gar nicht mehr hoffe, nur nach jenem Zustande schmachte, wo keine Blende vor dem Fenster ist, wo ich rauchen, lesen, am Ende gar schreiben durfte, schreiben mit ordentlicher Tinte, wirklichen Federn und auf ganz reines, weisses Papier; wo ich des Tages eine kleine Stunde in den Hof kam und mitunter einen anderen Menschen sah als den Wärter. Denke, welch ein Reichtum war folgendes: In jenem Gefängnisse wurden auch die leichtsinnigen Mädchen der Strassenromantik eingesperrt, welche in ihrer gesetzlichen Gesetzlosigkeit etwas versehen und sich hatten aufgreifen lassen; diese leichten Kinder, welche zu Zwanzigen in einem grossen Gemache kampierten, wo allerlei anderes Weibsbild, das sich irgendwo im Netz der Vorschriften verirrt haben mochte, zusammentraf, sangen und tändelten in ihrem Käfig, wie es ihnen die Langeweile eingab und solange es der Schliesser gestattete, dessen Verbot und Anrede allerdings unangenehm war. Zuweilen nun, wenn ich in die Freistunde geführt wurde und an diesem Terrain vorüberkam, stand die Tür offen, weil ausgefegt oder eine der Heldinnen abgerufen ward, die unter den stark aufmunternden Worten des Schliessers ihre Toilette beendigte. Ich hatte dann einen vollen blick in dies Serail; sie lagen zum Teile, halb entkleidet wegen der Wärme, in allen Positionen umher, oder sassen, oder kauerten, oder versuchten es, in dem Gedränge zu promenieren, und schmachtender oder frecher wurde mir in Eile als einem jungen Mannsbilde allerlei Teilnahme ausgedrückt. Zuweilen gab es wirklich schöne Geschöpfe darunter, und der Schliesser machte mir stets einen schlechten Eindruck, wenn er ohne allen Unterschied jegliche Äusserung grob zur Ruhe wies. Freilich war der Mann abgehärtet; ich sprach ihn zuweilen, und er sagte stets mit einem Fluche: das Pack taugt all' nichts, erst haben sie sich auf der Strasse herumgetrieben, ach da tun sie unschuldig, wir lassen sie wieder laufen, dann kommen sie zum zweiten Male, nun ist's schon schlimmer, und so drei-, viermal fort, bis sie zum Zuchtause reif sind, und die Hübschesten sind immer die Ärgsten. – Es gab immer eine viertelstündige Unterhaltung, wenn sie auf den Hof gelassen wurden, den ich von meinem Fenster sah; laufen mochte keine, Frauenzimmer sind nicht für Bewegung; sie zankten sich um die Schattenplätzchen, auch die Hässlichste, dem Gefängnis tief Verlorene, mochte den Teint nicht aussetzen. Die Alten zerrten, die Jungen neckten, sehr viele hatten stets ein Töpfchen bei sich mit irgend welchem Esskrame; aber mir erwuchs noch ein spezielleres Interesse daraus. Mein Wärter nämlich benutzte diese Garde, um mein Gemach täglich reinigen zu lassen, und mit munterem Geschmakke wählte er stets eine Handfeste fürs Grobe und eine Hübschere fürs Leichtere, das Bett zu machen, den Staub abzukehren. Das war den Mädchen auch eine Abwechslung, und sie kamen meist sehr heiter, erzählten auch meist in der Kürze dieser Viertelstunde ihre Lebensgeschichte. Ein bildschönes Mädchen kam öfters wieder, endlich Tag für Tag; der Wärter nahm ein gewiss herzliches Interesse an ihr und an ihrem Schicksale, er hatte sie gekannt, da sie noch als kleines Mädchen herumgelaufen war, sagte, sie sei ein wirklich gutmütiges geschöpf, und doch sei sie immer wieder auf leichtsinnigem Verkehr mit Männern betroffen worden. Sie nannte sich Luise und war sehr kümmerlich und spärlich gekleidet. Wenn sie beim Ausfegen manchmal die Tür herumschlug, so dass der Wärter auf der Türschwelle oder weiter zurück auf dem Korridor uns einige Augenblicke nicht sehen konnte, dann erhob sie ihre gutmütigen, schönen Augen so sanft und lockend gegen mich, und es lag ein so merkwürdiger Ausdruck darin, dass ich sie gern weitläufiger befragt hätte. Sorgloser Leichtsinn war so unverkennbar dabei, und doch so zutraulich und harmlos! Sie sagte mir auch, dass sie wohl diesmal ins Zuchtaus kommen würde, sprach aber dies für mich so entsetzliche Wort so leicht aus, wie wir einst vom Kaffeehause redeten. 's ist schlimm, meinte sie, und nickte dabei mit dem kopf. Wenn man ihr aber die Backe streichelte, so war das Lächeln gleich wieder da und sie flüsterte: "Vielleicht kann ich mich einmal des Abends zu Ihrer Tür heraufschleichen." – "Aber mein Kind, meine Tür ist ja zugeschlossen." – "So? Das ist freilich schlimm, aber vielleicht geht's doch; ach, da unten ist's langweilig!" – Längere Zeit, als zu dieser Mitteilung nötig war, dauerte unsere halbe Einsamkeit nicht; sie musste wieder fort, ich ward wieder eingeschlossen, und ich konnte über die pikante Situation nachdenken, wie mit einer Zuchtauskandidatin getändelt werde. Sie kam jetzt jeden Morgen und flüsterte mir immer zu: Ich komme nächstens. So gab's doch eine ordentliche Romananknüpfung dort; wie duftig erscheint mir jetzt das unvorsichtige Mädchen! Eine gemeine Spitzbübin, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen wollte, wäre mir jetzt sehr erwünscht, man hörte doch etwas, verkehrte mit einem Menschen. – Wirklich huschte es eines Abends um meine tür her und klopfte leise, die kecke Luise war da; der Schliesser unten hatte den Schlüssel nicht umgedreht und sie war heraufgeschlichen. Aber bei mir war der Schlüssel zweimal umgedreht, das leichtsinnige Kind fragte, ob ich kein Mittel wüsste; die Wache kam unterdes vom anderen Ende des Korridors langsam aber sicher herzugeschritten und Luise musste fort. Ich hab' sie nicht wieder gesehen; mit den guten, treuen Augen hat sie wahrscheinlich aufs Zuchtaus gemusst. Aber