Ich vergesse es jetzt schon manchmal völlig, dass ich kein Verbrecher bin, ich muss mich selbst daran erinnern, dass es nur höhere, wechselnde Staatsrücksichten sind, welche mich in den Zustand gebracht, dass ich nur selbst in dem Verhältnisse dergestalt sinke; nach längerer Zeit werde ich in moralischem Bewusstsein ganz in diesen Kerker gehören. Wir sind nichts selbst, wir sind halb oder ganz unsere Verhältnisse. Ich rufe mir's jetzt zurück, was es mir damals für verwundende Eindrücke gab, wenn abends um zehn Uhr an die Tür geklopft und bemerkt wurde, das Licht sei auszulöschen; jetzt fällt es mir nicht mehr auf, wenn die Wache schreit "Licht aus!"; in jenem ersten Interimsgefängnisse sassen Vagabunden und solch leichtes Gesindel in meiner Nähe, das sich durch leichtsinnige, rohe Äusserungen, durch gemeinen Spektakel oft auffällig machte, zuweilen wurde des Abends ein Besoffener oder solch ein Strassenheld eingebracht, er tobte wie ein Tier, und ich hörte wohl, dass man ihn hier im abgelegenen Korridor nicht eben zart zum Eintritte nötigte; nun fluchte der Kerl die halbe Nacht und wütete gegen die Tür, bis er zusammenfiel – ja, damals kam ich mir sehr entwürdigt vor; jetzt hielte ich es bereits für eine Abwechslung, eine Erholung gegen dies tote, bleierne Einerlei, das mich umgibt, das nur zuweilen vom Rasseln jener Kette unterbrochen wird. Damals, wo ich wüst vom Lesen war und nur nach Abwechslung verlangte, wo ich wie ein Gefängnisdilettant mich betrug, ward mir auch von vornherein eine Freistunde bewilligt, um auf einem kleinen verschlossenen hof herumzugehen, und ich törichter Mensch nahm gar kein Interesse daran; es war heisser Sommer, wenig Schatten im hof, und eine Stunde lang dort auf und ab zu gehen schien mir sehr langweilig, ich dünkte mir ein wildes Tier, dessen Käfigdeckel aufgeschoben wird und das vor Leuten hin und her rennt. Einige Arbeitstuben der Behörde nämlich und mehrere Gefängnisse sahen in den Hof, ordinäre Gefangene spotteten über mich, dass ich im Hut und mit Handschuhen herumging; wenn ich gar eben ein frisches Hemd hatte, dessen Manschetten sichtbar waren, so musste die Wache oft dem Spotte Ruhe gebieten. Das kränkte mich tief, und ich liess die Stunde oft vorübergehen – jetzt bin ich so abgestumpft, dass ich alles täte einer Freistunde willen: so schmachte ich nach frischer Luft, so dürste ich danach. Ich ginge mit meinem langen Barte und meinem wahrscheinlich verbleichten Antlitze auf einer Galerie umher, möchte zuschauen, wer da wollte. In jenem kleinen hof sah ich einen langen Beamten stets an einem Pulte stehen und schreiben und ich bildete mir steif und fest ein, der schriebe meine Sache, und er müsste nun bald meinen Freibrief schreiben; es war mir stets auffallend, dass der Mann nicht mit grösserem Anteile auf mich heruntersah. Gott weiss, was der lange Wann geschrieben hat, aber er hätte etwas viel Besseres schreiben können. Überhaupt, ach, wieviel Anknüpfung und Romantik gab's da drüben in dem Gefängnisse! Jetzt empfinde ich es erst in dieser Öde und Entbehrnis, wie man erst sieht, dass man Blut hat, wenn man's verliert. Auf den kleinen Hof ging auch ein Flurfenster, wo Fremde zuweilen erschienen, wahrscheinlich solche, die etwas petitionieren wollten. Da fand sich denn wohl auch eine Dame ein, mitunter auch eine schöne in seidenem Gewande, mit einem Schleier. Ach du lieber Himmel, könnt' ich doch in meinem Leben noch einmal eine schöne Dame mit seidenem Gewande und Schleier sehen! Vom kläglichen Bedürfnisse zum Auskommen, vom Auskommen zur Wohlhäbigkeit, von dieser zum Luxus, zum gefälligen Reize, wie weite Strecken liegen zwischen alledem, und diese ganze, grosse Strecke liegt zwischen mir und der Welt! Ich liege hier im Staube, Schmutz, in der kümmerlichen Ernährung und strecke Hand und Wunsch aus nach einem seidenen Gewande, wie der Bettler nach einem Goldstücke. Bin ich derselbe, dem eine Fürstin in den Armen gelegen, der Prachtgewänder zerrissen hat? Ein Fetzen davon könnte mir jetzt einen glücklichen Tag machen. Oft habe ich solche Gelüste verhöhnt, weil sie die Harmonie eines Zustandes, und auch der unterste hat eine, weil sie diesen Einklang zerstörten, weil sie krankhaft seien. O, wie grausam war ich in solchen Worten, die tote Regel ist eben die Prosa, der Tod; – könnt' ich meine Hand jetzt nur einen Augenblick auf einen Seidenstoff legen, um an dem feinen, glatten Stoffe zu empfinden, es gibt noch Reiz und Schönheit in der Welt!
Der Papiervorrat war zu Ende, und es ist wieder eine lange Pause eingetreten; durch rüstiges Darben habe ich mir einige Kreuzer abgespart an der Rechnung, welche der Wärter führt, und mir ein Stückchen Kuchen kaufen lassen, weil bei mir zu haus Kuchen etwas Sonntägliches, Feiertägliches ist und ich gern einmal solch einen Eindruck des Besonderen, des Festlichen haben möchte. Nebenher – nun, es ist gelungen, und ich will mir den Platz nicht verringern durch Erzählung der kleinen Intrige: der Kuchen war in Papier eingeschlagen, das ich jetzt benütze. Du glaubst nicht, wieviel ich Schmerz habe bei Beschreibung jener ersten Gefängniszeit, weil sie mir jetzt so bunt und reich vorkommt gegen die jetzige, weil ich mich danach zurücksehne, wie nach einem Eldorado. So gibt es auch unter den Bettlern Reichtum und Armut, und über den glücklicheren Genossen geht des Darbenden Wunsch nicht hinaus; ich bin so weit gedrückt